Lychener Stammtisch-Geschichten

Thursday, 4. august 2011 4 04 /08 /Aug. /2011 20:59

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Beim Lesen dieser Überschrift wird sich der Leser wohl fragen, wie will er denn das Judasohr in der Uckermark finden, wo doch der biblische Judas vor grauen Zeiten in Palästina lebte. Das ist wohl wahr. Mir ging es beileibe nicht um den ganzen Judas sondern lediglich um das Judasohr. Das ist allerdings ein seltener Pilz, dessen Formen manchmal Ähnlichkeiten mit einem Ohr haben. Wer ihn einmal nach dem Jesusjünger Judas benannt hat, entzieht sich leider meiner Kenntnis.

Das Judasohr ist deshalb selten zu finden, weil es nur auf Holunderholz wächst. Holunder ist zwar überall bekannt, aber große, sehr alte Sträucher zu finden, ist gar nicht so einfach. Ein Kenner der heimischen Landschaft erzählte mir einmal, er wüsste, wo das Judasohr zu finden sei, nämlich an den Ufern zweier Seen nördlich von Lychen. Die genaue Stelle verriet er mir jedoch nicht.

So trug ich mich wochenlang immer wieder mit dem Gedanken herum, an diesen Seen auf die Suche zu gehen. Ich überlegte, ob ich das Fahrrad nehme oder mit dem Auto dorthin fahre. Als ich mir vor wenigen Tagen einen schönen sonnigen Nachmittag für die Wanderung aussuchte, war es mir für eine Radtour einfach zu heiß. Deshalb stieg ich mit Kamera, Messer und Korb ausgerüstet in meinen silbergrauen Ford Fiesta, der solche abenteuerlichen Fahrten bereits gewohnt ist.

Ich stuckerte über die holprige, schlecht gepflasterte Landstraße und stellte den Wagen in der Nähe des kleinen Badestrandes ab. Keine fünfzig Meter entfernt sah ich das mit Weiden und Pappeln bewachsene Dickicht am klaren, malerisch gelegenen See. Mit meinen besten Laufschuhen an den Füßen war ich frohen Mutes, durch hohes Gras, über Stock und Stein irgendwo und möglichst bald die Holundersträucher zu finden. Von außen pirschte ich mich heran und schaute immer wieder zwischen Weiden und Pappeln, ob ich Holunder entdecke. Nichts dergleichen. „Vielleicht musst Du mal tiefer eindringen bis fast an den Rand des Wassers. Kann sein, dass dort welche stehen“, sagte ich mir und kämpfte mich zu meinem Entsetzen durch mannshohe Brennesseln, immer Arme und Korb in Augenhöhe, denn ich hatte ein kurzärmeliges T-Shirt an. In dem Dickicht war alles naturbelassen. Ich hatte aufzupassen, nicht über faulende Stämme, trockene Äste und bemooste Feldsteine zu stolpern. „Ah! Da schimmern Holunderblätter hindurch“, flüsterte ich allein für mich. Junge, saftige Bäumchen waren es nur, von alten Holunderstämmen keine Spur.

So erging es mir bei jedem neuen Versuch am Nordufer des Gewässers. Schon stark erhitzt und ziemlich verschwitzt hörte ich das Lachen und Rufen badender Kinder von fern. Das machte mich noch verdrießlicher. Schließlich, nach einer guten Stunde, gab ich auf, kehrte auf nassem Acker zum Pkw zurück und tröstete mich mit den Gedanken: „Jetzt weißt Du zumindest, dass es hier so gut wie keinen Holunder und deshalb auch kein Judasohr gibt.“

Für die Rückfahrt nach Hause wählte ich eine andere, bessere Straße, die zuerst durch das nahe gelegene Dorf führt und dann am Rande der Nordseite des Sees zu einer asphaltierten Landstraße führt. Während der Fahrt schaute ich immer wieder zum See hinunter und überlegte, ob nicht vielleicht am sonnenüberfluteten Nordufer die uralten, sagenhaften Holundersträucher stehen.

Kurz entschlossen hielt ich vor einer Bank am Wegesrand, stieg mit Kamera, Korb und Messer aus und spähte in der Gegend herum. „Wahrhaftig“, lachte ich. Da stehen welche!“ Aber was sah ich, sie waren ganz und gar mit wilden Hopfenranken überzogen. Das Gras stand auch hier hoch und dicht, durchzogen von dornigen Brombeeren. Dazwischen lagen große Feldsteine der Endmoränenlandschaft. Außerdem war das Gelände sehr abschüssig.

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Gucken musst Du“, ermunterte ich mich. „Nur zu! Kämpfe Dich durch!“ Zwischen und unter den Büschen war es wie im Urwald. Lianengleich hatte der Hopfen dicke Seile geflochten. Brennesseln und Gestrüpp versperrten den Weg.  

Da schien die frühe Abendsonne auf einen trockenen Ast, und ganz bescheiden zeigten sich mehrere kleine Judasöhrchen. „So müssen die Ohren des Judas als Kind ausgesehen haben,“ kommentierte ich die bescheidene Entdeckung. Aber - immerhin – vorsichtshalber machte ich zwei Fotos und zugleich auch ein Bild von dem üppigen Gestrüpp.

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„Nun aber nichts als raus hier und ab nach Hause“, meinte ich, mich entschlossen zu haben. Ich kroch den Hang wieder hoch.

Oben angekommen, sah ich, wie der grasbewachsene Weg hinunter zum Seeufer führte. Neugierig nahm ich ihn, denn er war bequem. Nach kurzer Zeit erblickte ich mächtige Holundersträucher. Einige von ihnen hatten das Ausmaß wahrer Bäume. So lief ich immer weiter und schaute nach abgestorbenen Stämmen. Nichts war davon zu sehen. Selbst die Dickstämmigsten standen in vollem Saft und waren übersät von noch unreifen Holunderbeeren. Mich blendete die Abendsonne. So konnte ich schlecht in das Halbdunkel der Büsche schauen. Nach mindestens dreihundert Metern gab ich auf und trat – nun endgültig – den Rückweg an.

Kaum jedoch hatte ich mich umgedreht und ein paar Schritte getan, da stand vor mir ein starker, vom Sturm umgeknickter und zersplitterter Stamm. Ich traute meinen Augen nicht! Zwei volle, braune Büschel mit herrlichsten Judasohren wuchsen aus dem Holz heraus. „Donnerwetter“, dachte ich bei mir, das sind die Ohren eines erwachsenen, starken Judas!“ Gleich schoss ich Fotos und schnitt danach vorsichtig die Pilze heraus.

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So hatte sich die Mühe gelohnt, und zugleich habe ich eine interessante und schöne Gegend kennen gelernt. Denn da war ich noch nie! Nun werde ich probieren, wie das Judasohr schmeckt!

von anais - veröffentlicht in: Lychener Stammtisch-Geschichten - Community: Natur und Wissenschaft
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Wednesday, 27. july 2011 3 27 /07 /Juli /2011 20:29

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Zur Blütezeit des Zisterzienserklosters Himmelpfort - so im ausgehenden 14. Jahrhundert - lebten die Mönche höheren Ranges nicht schlecht. So manche Festgelage ließen sie sich wohl ergehen. Mit dem asketischen Klosterleben nahm es – zumindest die Obrigkeit – nicht mehr so genau. Die einfachen, bescheidenen Brüder hatten tagsüber zu arbeiten. Ausgedehnte Felder und Wälder gehörten zum Kloster, die sie im Schweiße ihres Angesichts bewirtschaften mussten.

So war eines Tages die Zeit der Kornernte herangekommen. Die Mönche schnitten die Halme und banden sie zu Garben, die sie zum Trocknen auf den Feldern aufstellten. Als nach einigen Tagen die Garben zum Dreschen eingebracht werden mussten, luden sie diese nicht nur auf Pferdewagen oder Ochsenkarren, sondern sie nahmen auch jeweils eine Garbe auf die Schultern und schleppten sie den langen Weg über eine kleine Holzbrücke, die über ein Fließ führte, das zwei Seen miteinander verband, in den Klosterhof. Draußen, auf den Feldern und im angrenzenden Dörfchen kamen sie mit den Schönheiten und Verlockungen des weltlichen Lebens in Berührung. Und so mancher junge Mönch, der in vollem Blut stand, hatte es schwer, den hübschen jungen Bauernmädchen zu widerstehen. So verliebte sich auch ein Mönch unsterblich in eine liebliche Maid, und immer – wenn sie sich unbeobachtet fühlten – trafen sie sich heimlich hinter den Garben.

Da fasste sich der junge Liebhaber eines Tages ein Herz und wickelte die Liebste in ein großes Strohbündel ein, denn er wollte sie heimlich mit in seine Kammer nehmen. Schwer hatte er zu schleppen, und die anderen, die ihn sich abplacken sahen, schauten immer wieder hinter ihm her und liefen ihm auf dem Nachhauseweg hinterher.

Als der verliebte Lastenträger über die Brücke kam, rutschte das Mädchen in dem Strohbündel etwas nach hinten, und die nackten Füße schauten heraus. Das sah ein anderer Klosterbruder, und pflichtgemäß meldete er die Sünde dem Abt.

Welche Strafe dem armen jungen Burschen nun zuteil wurde, wissen wir nicht genau. Es kann sein, dass er zur Waldrodearbeit auf Fegefeuer verurteilt wurde, denn das Kloster unterhielt eine Strafkolonie am Küstriner Bach weiter östlich von Lychen. Und so wurde in späterer Zeit der Spruch geprägt: „Lychen ist ein schöner Ort, liegt zwischen Fegefeuer und Himmelpfort“.

Die kleine Brücke am Ortseingang von Himmelpfort, die heute nicht mehr aus Holz sondern aus Beton gebaut ist, heißt von jener Zeit an und bis auf den heutigen Tag „Strohbrücke“.

von anais - veröffentlicht in: Lychener Stammtisch-Geschichten - Community: Sprechen durch Schreiben
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Thursday, 21. july 2011 4 21 /07 /Juli /2011 18:10

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Vor mehr als 50 Jahren waren die Lychener Gewässer noch rein, und wir konnten durch das klare Wasser bis auf ihren Grund schauen. Bei sonnigem Sommerwetter spiegelte sich das lichte Blau des Himmels auf der Oberfläche der Seen. Motorboote durchpflügten sie nicht. Weder Plaste noch Flaschen oder anderer Unrat der heutigen Konsumgesellschaft verschmutzte das Wasser. Das war in der Nachkriegszeit, als es noch an Überfluss fehlte und die menschlichen Lebensgewohnheiten der Natur angepasst waren.

So lebte damals in den sauberen Gewässern allerhand Getier, das heute kaum noch zu entdecken ist. Buntfarbige Stichlinge, kleine Barsche oder springende Ükeleis waren überall zu sehen. Wir brauchten kein Aquarium. Flussmuscheln bildeten ganze Kolonien auf sandigem Grund.

Oft warfen wir Jungen die selbst gebauten Angeln aus und fingen so manchen Blei, der abends bei Mutter in der Pfanne landete.

Eines schönen Nachmittags, zur Zeit der großen Ferien, kamen wir auf die Idee, Flusskrebse zu fangen. Nahe am Ufer saßen sie unter Steinen im seichten Wasser. Besonders Mutige fingen sie mit der Hand über den gepanzerten Rücken. Wir aber machten uns lieber Fangstöcke zurecht. Dazu wurde ein frischer, saftiger Stock an seinem unteren Ende ca. 10 cm eingeschnitten und ein kleines Querholz eingelegt. Mit diesem Stock stachen wir blitzschnell über den Rücken des Krebses ein, und schon hatten wir ihn – wenn er uns nicht dennoch entwischte.

Wir krebsten an jenem Nachmittag am Ufer unserer Nachbarin Alma Töpke. Enkel Wolfgang verbrachte seine Ferien bei ihr, und wir Zwei waren enge Freunde. Ein Mädchen aus Berlin wollte das Krebsen mit uns gemeinsam versuchen. „Wenn wir genug Große gefangen haben,“ meinte Wolfgang zu uns, „werden wir sie meiner Oma zum Kochen geben. Das wird ein feines Krebsessen auf dem Hof!“

Ich hatte noch nie Krebse gegessen, und – ehrlich gesagt – ich mochte sie nicht so sehr, weil mich einmal einer beim Baden in die Zehe gezwickt hatte. Probieren aber wollte ich sie dennoch.

So fingen wir einen halben Eimer voll und brachten ihn am frühen Abend zu Oma Töpke in die Küche. Sogleich setzte sie einen großen, eisernen Kochtopf auf den Feuerherd, schüttete die Krebse hinein und füllte fast bis zum Rand Wasser auf. Wir indessen warteten gespannt auf dem Hof.

Knallrot müssen sie beim Kochen werden“, erklärte uns Wolfgang. „Dann sind sie gar, und wir können die Schwänze mit einem schnellen Ruck herausziehen und das leckere Fleisch darin essen. Auch die großen Scheren sollten wir knacken. Deren Fleisch soll besonders gut schmecken!“

Allzu lange dauerte es nicht, und Oma Töpke kam mit einer großen Steingutschüssel voller feuerroter Krebse zu uns an den Tisch. „Na, dann wollen wir mal sehen,“ sagte sie nur kurz und stellte die Schüssel mitten auf den alten Holztisch.

Zaghaft ergriff ich den ersten Krebs, beguckte ihn noch einmal von allen Seiten, bis ich mich entschloss, schnell den Schwanz herauszuziehen. Zugleich beobachtete ich mit einem Auge die anderen, die alle mit ihren Krebsen beschäftigt waren.

Aha! Wolfgang pellte die Schale vom Schwanz ab. Ich machte es genau so und schaute mir den Leckerbissen an: Gallertartig und durchsichtig schimmerte er. Fast zur gleichen Zeit steckten wir die Bissen in den Mund. Ich biss drauf, kaute kurz und spuckte alles wieder in hohem Bogen aus. „Iii“, rief ich, „das schmeckt ja widerlich!“ Die anderen verzogen genau so wie ich ihre Gesichter.

Fragend und ein wenig vorwurfsvoll schauten wir Oma Töpke an. „Ach“, kam es ganz kleinlaut aus ihr heraus, „Die sind ja noch ganz roh! Ich habe sie wohl nicht lange genug gekocht.“ Sie nahm die Schüssel, und – schwupps – warf sie all' dier roten Krebse auf den Misthaufen.

Ich meinte nur: „Wisst Ihr, woran ich denken musste? An helle Götterspeise. Die sieht genau so aus.“ Alle lachten.

Ich aber habe seither keine Krebse mehr gegessen. Und Mutter durfte mir lange Zeit keine Götterspeise auf den Tisch stellen.



 







 

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Wednesday, 6. july 2011 3 06 /07 /Juli /2011 17:15

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Als Großmutter das gleiche Alter erreicht hatte wie ich heute, hatte sie mich an einem sonnigen Julitag des Jahres 1955 mit einem besonderen Kunststück überrascht.

Zu ihr haben wir übrigens immer Mutter gesagt, weil sie Oma und Großmutter nicht mochte, und unsere Mutter hieß bei uns Mama.

Jeden Tag in der Woche brach sie morgens nach dem Frühstück auf, um am gegenüberliegenden Ufer des Stadtsees an der Kienofenpromenade im Gemüse- und Kartoffelgarten Unkraut zu jäten und Grünfutter für unsere Ziege und für die Kaninchen zu schneiden.Ich ging mit ihr nicht mehr mit, denn ich war schon Schüler der 5. Klasse.

Selbst an heißen Tagen trug sie ihr dunkles, langes Kleid und darüber hatte sie eine bunte Schürze gebunden. Das graue Kopftuch befestigte sei hinten mit einem Knoten. Und so marschierte sie los. Beim Futtersuchen hatte sie ihre eigene Methode. Sie schleppte weder den Sack mit sich herum noch einen Korb oder eine Kiepe. Nein, sie knotete vorn die Schürzenzipfel zusammen zu einem Beutel. So ähnlich wie beim Kängeruh. Da hinein kamen Gras und Kräuter, bis er voll war. Dann ging sie jedes Mal zum Sack und leerte die Schürze aus. So pflückte sie an manchen Vormittagen bis zu zehn Schürzen voll.

Den vollen Sack stellte sie ans Seeufer, denn sie wusste, kurz vor Mittag kam ich mit dem Boot herüber gerudert, um sie und den Sack einzuladen, denn zu Hause stand pünktlich um 12.00 Uhr das Essen auf dem Tisch. Vater hatte nämlich sein eigenes kleines Malergeschäft und musste als Berufstätiger – wenn auch privat – die Mittagspause einhalten.

An besagtem Julitag während der großen Ferien steige ich also ins Ruderboot, und mit kräftigen Schlägen gelange ich in 15 Minuten an das andere Ufer. Das Boot ziehe ich mit der Spitze etwas aufs Land, damit es fest liegt, wenn Mutter vom kleinen Holzsteg aus einsteigt. Ich klettere an Land und schaue in den Garten: „Nanu! Mutter ist ja gar nicht da! Und vom Futtersack weit und breit auch keine Spur! Es ist doch fast halb Zwölf. Wo mag sie nur sein?

Ich laufe über den Gartenweg zur Kienofenpromenade. Wie immer liegt sie mittags bereits im Schatten des 8 bis 10 Meter hohen Eisenbahndammes. „Oben wird gleich der Zug mit der Dampflok über die Gleise rattern,“ denke ich bei mir. „Wenn sie mal nicht den schmalen, steilen Pfad am Hang hoch gekrabbelt und über das Gleis gelaufen ist, um an den dahinter liegenden Feldern noch wilden Wermut zu pflücken, den Ziege und Kaninchen so gerne fressen.“

Ich laufe den Weg entlang und schaue immer wieder nach oben. Plötzlich kommt das hohe Gras am Hang in Bewegung, und – holterdipolter, hopsassa – purzelt der volle Futtersack herunter.

Wie angewurzelt bleibe ich stehen und warte, was da wohl noch kommt. Da sehe ich, wie sich Mutter an den steilen Hangrand hinlegt, sich kurz mit den Händen abstößt und genau so wie der Sack über die weichen Grashalme nach unten trudeln lässt.

Mutter“, rufe ich und laufe zu ihr hin. „Bist du noch bei Trost! Wie kannst Du Dich denn hier runter rollen lassen!“ Ich helfe ihr auf. „Ach weißt Du,“schaut sie mich an, „den Hang hoch klettern ist einfacher als wieder runter zu kommen. Da habe ich Angst, ich rutsche weg und breche mir was. So lasse ich mich einfach auf dem Gras nach unten rollen. Mir ist zwar jedes Mal etwas schwindelig, aber das vergeht wieder.“ 

Sprachlos nehme ich den Sack, schaue sie an und muss lachen.

So war nun mal unsere Mutter, ein richtiger Naturmensch!

 

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Wednesday, 8. june 2011 3 08 /06 /Juni /2011 11:16


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Welch' liebliche Erinnerungen rief das Glas Fassbrause in mir wach, als ich es vor einige Tagen an einem warmen Juni-Abend in der Lychener Gaststätte am Tor genüsslich trank. Von leuchtendem Rot ihre Farbe. Mit etwas Fantasie schmeckte ich Himbeer-Aroma heraus. Sie prickelte sogar auf der Zunge wie zu meinen Kindheitstagen. Damals trank ich leidenschaftlich gerne Fassbrause, die es – wie heute – abgefüllt in Flaschen gab. Damals aber mit Klick-Verschluss. Füllte man in die leere Flasche Wasser, so konnte man lustig das Flaschenteufelchen tanzen lassen.

Am liebsten war mir die Grüne mit Waldmeister-Geschmack. Eines Tages aber gab es die nicht mehr, angeblich wegen des Cumarin-Gehalts, was keiner von uns Jungs verstand, denn im Sommer, zu den Geburtstagsfeiern, stellte Mutter meistens eine Waldmeisterbowle mit frischem Kraut aus dem Buchenwald auf. Aber Himbeer- und Orangenbrause, die gab es weiterhin.

In Lychen stellte sie der Limonadenfabrikant Wilhelm Lubitz in der Vogelgesangstraße her. Das Brunnenwasser holten seine Töchter von der Schwengelpumpe vor dem Haus. Anfangs bekam er hier im Osten das Brausepulver noch nicht. Lubitz holte es sich aus Westberlin. So versorgte er die ganze Stadt mit seiner erfrischenden Limonade, bis er seine kleine Fabrik auf dem Hof aufgab, weil er keinen Nachfolger finden konnte.

Für mich waren die schönsten Augenblicke, wenn Großmutter nach der Futtersuche auf den Hohenlychener Feldern bei Ella vom Bock vor dem Ortseingang halt machte und zu mir meinte: „Jetzt hole ich Dir mal eine Flasche Waldmeisterbrause.“ Während ich diese am Straßenrand durstig trank, plauderte sie mit der alle Neuigkeiten wissenden Dame, ein Lychener Original. Und der Preis? Den konnte Großmutter allemal bezahlen! Ein messingfarbenes DDR-50-Pfennigstück gab sie hin. Und da war wohl noch etwas Trinkgeld dabei. Die leere Flasche gaben wir zurück. Sie wurde nicht weggeworfen.

Über die Jahre hinweg hielt sich die Fassbrause auf dem Markt, manchmal etwas im Hintergrund, denn neue Erfrischungsgetränke eroberten den Gaumen. Da gab es dann schon etwas mit Grapefruit-Geschmack und die Vita-Cola. Die einfache Limonade aber war immer noch die billigste – jedenfalls solange, bis sie nach der Wende ihre Karriere-Chance neu entdeckte. Von nun an avancierte sie zum Feinschmecker-Getränk. Ihren exklusiven Wert erkennend, ließ sie sich in kleineren Flaschen mit Markenetikett abfüllen.

Und so erhielten auch wir an jenem Abend die hübschen kleinen Fläschchen mit rotem Nass gefüllt, tranken sie gemächlich, Schluck für Schluck, aus und winkten zum Abschluss die Kellnerin heran: „Wir möchten bitte zahlen!“ Ich schaute auf die Rechnung und staunte nicht schlecht: Meine kleine, liebe Fassbrause mit ihren altbewährten, einfachen Zutaten, nämlich Wasser und Brausekonzentrat, hat sich auf die Höhe der Zeit in der marktorientierten Konsumgesellschaft empor geschwungen. Konkurrenzbewusst und gar nicht bescheiden wie in Kinderzeiten lässt sie sich heutzutage für stolze 2,40 Euro ausgluckern.

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