Friday, 25. november 2011
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Geheimnissvoll schien uns Jungen immer wieder die gewaltige Wehrkirche in Lychen. Aus dem Granit der
Eiszeit erbaut, steht sie seit dem 13. Jahrhundert auf der höchsten Erhebung in der Stadt. Ihr mitteralterlicher, wuchtiger Backsteinturm blickt weit Seen und Wälder hinaus.
Wir kannten den schmalen Gang hinauf zu den Glocken. Oft sind wir die hohen Stufen gemeinsam mit dem
Küster, unserem Onkel Hans, empor gestiegen, um die Glocken zu ziehen. Irgendwann ließ er uns einmal auf den weiten, dunklen Dachboden schauen. Betreten durften wir ihn nicht. War der Pfarrer
nicht zugegen, durften wir in die Sankristei schauen, matt erleuchtet durch ein fantastisches Buntglasfenster mit einem Pelikan, der sich die Brust auf reisst und anderen allegorischen
Darstellungen der Spender für den Wiederaufbau der Kirche 1693 bis 1696 nach einem großen Stadtbrand.
Eines schönen Sommernachmittags saßen wir zusammen auf dem Kirchplatz und träumten von Abenteuern und
Entdeckungen. Ich deutete mit einer viel sagenden Geste an, dass ich etwas wüsste. Peter und Siegi schauten mich ungeduldig an, bis ich zu erzählen begann, was ich von meinem zehn Jahre älteren
Bruder wusste, der sich in Geschichte so gut aus kannte wie kein anderer: „Mein Bruder Ulrich hat mir von einem unterirdischen Gang erzählt. Er soll von unserer Kirche aus bis zum Kloster
Himmelpfort führen. Wie Ihr wisst, wurde das Zisterzienserkloster 1299 gebaut, und bald danach muss auch der Gang angelegt worden sein.“
Die beiden waren sofort Feuer und Flamme: „Wo soll der Gang denn hier in der Kirche sein? Man müsste
doch irgendwo nach unten steigen können?“ Peter wurde etwas nachdenklich und meinte: „Ich kann mir kaum vorstellen, dass es einen solchen Gang bis nach Himmelpfort gibt. Überlegt doch mal! Wo
sollte der denn entlang laufen? Durch oder unter den Großen Lychensee, an der ganzen langen Woblitz vorbei bis zum Kloster?“
Ich versuchte, seinen Zweifel zu zerstreuen: „Was denkst Du, wozu die Mönche damals fähig waren. Sie
haben den Mühlenbach angelegt. Bei Fegefeuer schwere Bäume gerodet und wer weiß, was nicht noch so alles? Ich halte es für möglich, dass sie auch einen solchen langen unterirdischen Gang anlegen
konnten. Irgend etwas muss doch dran sein.“ Und so begannen wir zu überlegen, wo wohl der Eingang zu finden wäre. Wir liefen die Kirchenmauern von außen ab, blieben an der Südkapelle, der
Sakristei, stehen und entdeckten im Gras einen viereckigen Holzdeckel. „Da könnte es sein,“ riefen wir fast gleichzeitig. Vorsichtig, mit all' unserer Kraft, versuchten wir, den schweren Deckel
hoch zu heben. Schließlich konnten wir ihn zur Seite legen und schauten hinab in ein schwarzes Loch, aus dem übel riechender Modergeruch empor stieg. „ Da steigen wir nicht runter,“ protestierte
Siegi, „das ist eine Kloake mit dreckigem Wasser!“
„Nein“, sagte auch ich enttäuscht, „hier kann es nicht sein. Lasst uns morgen Onkel Hans
fragen. Vielleicht weiß der mehr. Uns wird er es bestimmt verraten.“ So warteten wir bis zum nächsten Tag.
Kurz vor Mittag fanden wir uns zum Glockenziehen vor der Kirchtür ein.
Onkel Hans kam die Kirchstraße hoch, auf seinem Stock gestützt mit der Pfeife im Mund. Als er bei uns war, erzählten wir ihm ganz aufgeregt von unserer Idee. Mir war dazu noch eingefallen, dass
es unter dem Altar eine Gruft geben sollte. „Onkel Hans,“ fragte ich ihn, „ könnte es nicht sein, dass von dort unten, in der Gruft, der unterirdische Gang losgeht?“ Onkel Hans überlegte, machte
ein paar Züge aus seiner Pfeife und meinte darauf kopfschüttelnd: „In der Gruft unter dem Altar befinden sich die Särge der Pfarrer, die dort bis zum Jahre 1800 beigesetzt wurden. Um 1900 wurde
der Eingang zur Gruft zugemauert.“
Enttäuschung glitt über unsere Gesichter. „Und weißt Du denn gar nichts weiter über den Gang,“ bohrten
wir ungeduldig weiter. „ Ja, wisst Ihr, so viel, wie ich gehört habe, soll der unterirdische Gang vom Kloster Himmelpfort gar nicht hierher zur St.-Johannes-Kirche führen sondern bis nach
Fegefeuer, zur früheren Strafkolonie des Klosters für widerspenstige und sündhafte Mönche.“
Als wir das hörten, waren alle unsere Hoffnungen geschwunden, denn der Gang müsste noch viele Kilometer
weiter unter dem Oberpfuhlsee bis in den Küstriner Bach hinein führen. Einstimmig gaben wir unsere Entdeckungsgedanken auf und stiegen hinauf zu den Glocken mit den schönen Namen „Glaube“,
„Liebe“ und „Hoffnung“.
Der unterirdische Gang vom Kloster Himmelpfort bis zum Fegefeuer wartet somit heute noch auf seine
Entdecker.
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