Lychener Stammtisch-Geschichten

Thursday, 2. june 2011 4 02 /06 /Juni /2011 19:43

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Das Hotel zum "Schwarzen Adler" gehörte noch bis in die 1950er Jahre zu den besten Restaurants in Lychen. Seine Blütezeit hat es allerdings vor dem Krieg erlebt. Das schöne Haus war aus rotem Backstein und schwarzem Fachwerk gebaut. Es beherbergte eine Gaststätte, einen Tanzsaal und eine mit wildem Wein umrankte Außenterasse und natürlich Gästezimmer. Lange Jahre war Holst Inhaber des Hotels. Vereine und Handwerkerinnungen feierten dort ihre Feste.

So pflegte auch die Schuhmacherinnung um die Jahrhundertwende ihre Zusammenkünfte mit einem gemeinsamen Essen abzuschließen. Im "Schwarzen Adler" gab es zu jener Zeit schon Speisekarten. Die Schuhmacher studierten lange Zeit die Angebote. Schließlich einigten sie sich auf das Menü "Suppe, Schweinebraten und Kompott. Genüsslich labten sie sich an der Suppe. Suppe wurde geschlüft, um zu zeigen, wie gut sie schmeckte. Der Schweinebraten mit dampfenden Salzkartoffeln und Sauerkraut mundete vorzüglich. Und die Schuhmacher ließen sich Zeit beim Essen. Es wurde geplaudert. So manch' einer wusste die neuesten Neuigkeiten. Dann hörten alle gespannt zu.

Als das Essen zu Ende war, erhoben sich die ehrsamen Handwerker. Nur der alte Schuhmacher Nühse machte keine Anstalten, sich zu erheben. Stattdessen rief er seinen Zunftgenossen zu: "Bliwwt sitten, Kinnings! Bliwwt sitten! Dat giwwt doch noch Kompott! ( Bleibt sitzen, Kinder! Bleibt sitzen! Das gibt doch noch Kompott! Die anderen aber lachten und schüttelten die Köpfe: "Det heww wi doch all hat!" (Das haben wir doch schon gehabt!) "Na", erwiderte enttäuscht der alte Nühse: "Dat wier'n doch nur Plumen!" (Das waren doch nur Pflauen!).

(Nach Ernst Carsted)

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Thursday, 19. may 2011 4 19 /05 /Mai /2011 08:50

 

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Im Wonnemonat Mai feiert die Lychener Pannwitz-Schule ihr hundertjähriges Bestehen. Ich erhielt eine Einladung zur Festveranstaltung am 20. 05. 2011 in der Hohenlychener Sporthalle. Weil ich dort in den 1950er Jahren die Grundschule besuchte - zu meiner Zeit hieß sie Pestalozzi-Schule - wurde ich von der Schulleitung gebeten, eine kurze Episode aus meiner Schulzeit vorzutragen. Da fiel mir mein aufregender Einschulungstag ein. Und der verlief folgendermaßen:  

Am 1. September 1950 stehe ich am Tag der Einschulung zusammen mit meinen zukünftigen Mitschülern kurz vor 10.00 Uhr auf dem Hof unserer Pestalozzi-Schule. Mit Bewunderung und zugleich voller Angst und Hoffnung schaue ich auf die bunten Schultüten der Mädchen und Jungen neben mir.

Ich bin der Einzige ohne Schultüte und warte voller Spannung, dass doch noch ein Wunder geschehe.

Meine Schultüte soll nämlich eine ganz besonders Feine sein!

So jedenfalls versprach es mir meine alte Tante Heidler. Sie wollte sie als Überraschung aus Westberlin mitbringen und war dazu am Vortage zu ihren Kindern nach Gesundbrunnen gereist. Frühmorgens wollte sie mit dem ersten Zug wieder nach Lychen zurückkommen.

Ich warte und warte.

Schon stellen wir uns als Gruppe zusammen, denn der feierliche Akt beginnt.

Da! In letzter Minute kommt atemlos meine Mutter angelaufen mit der Tüte im Arm und übergibt sie mir schnell. Wie glücklich ich bin, und Freudentränen laufen mir die Wangen runter.

Kein Ohr habe ich für die Worte von Direktor Fliegener, denn immer wieder schaue ich auf meine riesengroße, grüngold gestreifte Schultüte, die über meinen Kopf hinausragt, voller Neugier, was da wohl alles drin sei.

Hinterher schaue ich gleich rein. Oh! Tante Heidler hat es gut gemeint mit ihrem Bübchen: Feinste Schokolade, Bonbons und Pralinen! Und oben drauf eine gelbgrüne, gebogene Gurke. „Weshalb haben die mir denn da eine Gurke reingelegt? Die haben wir doch selber im Garten!“

Das ist aber eine komische Gurke, denke ich bei mir und beiße herzhaft in die Schale hinein. „Iiih! Wie widerlich!“ 

Und so kam ich im zarten Alter von 7 Jahren in den Genuss meiner ersten Banane aus  dem Westen!

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Thursday, 14. april 2011 4 14 /04 /Apr. /2011 16:05

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Im Boitzenburger Herrschaftsbereich regierte einst ein Amtmann, der wegen seiner Willkür und seiner Gewalttätigkeiten bekannt und gefürchtet war. Wohl mag es zu Zeiten des Dreißigjährigen Krieges gewesen sein, als er auf Raubzügen und bei Plünderungen jede menschliche Regung verloren hatte. Seine Trinkgelage waren berüchtigt. Wein floss in Strömen, und auftischen ließ er nur vom Feinsten und Besten.

Als er wieder einmal ein rauschendes Fest mit seinen Kumpanen feiern wollte, befahl er den Fischern vom Küstrinsee - am heutigen Dorf Küstrinchen in der Nähe von Lychen gelegen - jede Menge Herrenfische zu fangen und sie auf das Schloss zu bringen.

So sehr sich die Fischer mit Angeln, Reusen und Netzen auch mühten, sie fingen keinen einzigen Fisch. Aufbrausend und voller Wut, rief der Amtmann die Fischer zum Rapport. Der Fischermeister nahm das Wort und berichtete ihm, der Wassermann im Küstrinsee hätte ihm gesagt, solange der Amtmann hier herrsche, werde er dafür sorgen, dass der See keinen Fisch mehr preisgibt.

Der Amtmann ließ den Fischermeister wegen dessen kühne Worte ins Verließ werfen. Dann ordnete er einen weiteren Fischzug in noch größerem Ausmaße an. Aber wiederum ging kein Fisch in die Netze.

Außer sich vor Wut, befahl er den Fischerknechten, den See solange mit Stangen zu peitschen, bis er wieder Fische gäbe. Und weil ihm das nicht genug war, nahm er selbst eine schwere Eisenkette und schlug auf den See ein, bis die Wellen hochschlugen und das Wasser schäumte.

Als der Amtmann glaubte, den See genug geprügelt zu haben, wollte er sich die von der rostigen Kette schmutzig gewordenen Hände waschen. Seine Diener liefen mit einem Krug zum See und füllten ihn mit Wasser.  Als sie ihn aber über die Hände ihres Herrn ausschütten wollten, fiel kein Tropfen aus dem Krug.

Wieder schwoll der Amtmann vor Wut an, warf den Krug dem Diener an den Kopf und lief selbst zum See, um sich die Hände zu waschen. Da wich auf einmal das Wasser vor ihm zurück. Er lief dem schwindendem Wasser nach, das sich vor ihm zu einer hohen Wand aufstaute. Als das Wasser nun weit sein Haupt überragte, stürzte es plötzlich über ihn zusammen und verschlang ihn.

Nie wurde er wieder gefunden, weder tot noch lebendig. Der Küstrinsee hatte der Gewaltherrschaft des Amtmanns ein Ende gesetzt, und von Stund' an gab er wieder reichlich Fische.

( Nach einer Erzählung von Max Lobedan)

Lies dazu auch:   Schloss Boitzenburg/Uckermark und Lychen im Dreißigjährigen Krieg      

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Thursday, 7. april 2011 4 07 /04 /Apr. /2011 07:35

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In der Lychener Fürstenberger Straße gab es noch in den 1950er Jahren einige Läden und kleine Gewerbeunternehmen. Heute ist die ehemalige Geschäftsstraße so gut wie tot.

In jener lebendigen Zeit des Aufbruchs nach dem Kriege lag an dieser Straße der Salon des Herrenfriseurs Breitzmann. So, wie viele Geschäfte, war das ein langer Schlauch, wie wir sagten. Das Mobiliar stammte aus den goldenen Lychener Jahren der Vorkriegszeit. Der Kunde nahm auf dunkelbraunen, lederbezogenen Stühlen mit Armlehnen und Kopfstützen Platz. Meine Mutter schickte mich als blonden Knaben nur einmal zum Haareschneiden zu Breitzmann. Für mich war das eine Tortur, denn Friseurmeister Breitzmann war nicht der Sanfteste in seinem Metier. Still und geduldig hielt ich das gräßliche Ziepen an meinen Haaren aus. Kündigte Mutter aber zu Hause sofort an: "Da gehe ich nicht mehr hin!"

Nun waren die erwachsenen Männer sicherlich nicht so zimperlich. Außerdem ließ es sich mit Meister Breitzmann, dem langen, schlanken Herrn im weißen Kittel mit grauem Haarschopf und Brille gut plaudern, denn der Friseur war immer und ist noch heute die beste Tageszeitung im Ort. 

Erschien ein Kunde nicht regelmäßig sondern erst nach längerer Zeit, fragte ihn der Friseur, wo er sich inzwischen wohl die Haare hat schneiden lassen. Der eine oder andere Aufrichtige, erzählte ihm dann, er hätte sich vom jungen Lehrling Kalle zu Hause frisieren lassen. Das brachte Breitzmann in Wut: "Das ist Schwarzarbeit! Und dann auch noch von einem Lehrling!" Angeschwärzt, so erzählte mir neulich Kalle, hatte er ihn aber nie.

Wenn es ans Rasieren ging, rief er seine hübsche Tochter Erika herbei, die heute fast 90jährige Leiterin der Lychener Mandolinengruppe. Erika half nämlich oft im Salon aus.

"Erika! Komm' mal her! Ich mache jetzt Kaffeepause und gehe nach hinten. Seife Du mal in dieser Zeit den Herrn zum Rasieren ein, bis ich wieder zurück bin." Erika, adrett und akkurat, hat das sehr genau genommen. Sorgfältige wischte sie den Rasierpinsel auf der Seife hin und her, bis genügend Schaum da war. Dann seifte sie den Mann ein. Das wiederholte sie mit stoischer Gelassenheit immer wieder und immer wieder. Nach einer Weile fragte sie der Kunde: "Erika, sag' mal! Ist das nun nicht genug?" Da setzte Erika den Pinsel ab, stellte ihm mit dem Gefäß auf den Frisiertisch, stemmte die Fäuste in die Hüften und schaute den Mann mit großen Augen entrüstet an: "Wie lange Sie hier von mir eingeseift werden, das bestimme immer noch ich! Mein Vater hat gesagt, solange er hinten Kaffe trinkt, soll ich Sie einseifen. Und das tue ich!"

So resolut war unsere Erika damals, und so ist sie noch heute. Ich muss sie mal fragen, ob sie sich daran erinnert, denn das alles hat mir mein Friseur Kalle erzählt. 

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Thursday, 31. march 2011 4 31 /03 /März /2011 20:31

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Das Dorf Warthe, nicht weit von Lychen, hat wie manche andere Dörfer hiesiger Gegend keinen Kirchturm. Die drei Glocken hängen in einem Glockenstuhl. Über die Herkunft der größten Glocke geht hierorts folgende Sage:

Zwischen Warthe und dem Jagdschloss Mahlendorf, früher ein großes Bauerndorf, vier Kilometer von Lychen entfernt, liegt ungefähr in der Mitte ein See, der Steutzsee. Herrlich ist er gelegen in einem flachen Tal, von sandigen Höhen mit waldigen Ufern und vielen Erlen umgeben. Gewaltig große Steine liegen, wie im See selbst, an seinen Ufern verstreut.

Vor vielen Jahren stand hier eine große Stadt, deren Einwohner recht sündhaft gewesen sein mögen. Die Stadt ist untergegangen und an deren Stelle, wo sie gestanden hat, liegt heute der See.

Alljährlich aber, am Johannistage, tauchen aus dem Grunde des Sees zwei Glocken empor.

In einem Jahr nun traf es sich, dass an diesem Tage Kinder am Ufer des Sees spielten. Sie wuschen die Kleider ihrer Puppen und spannten eine kleine Leine von einem Baum zu einem großen Stein, der dort lag, um die Puppenkleider zu trocknen. Sie wussten aber nicht, dass dieser Stein eine der großen Glocken war.

Da, mit einem Mal, fing der Stein an zu reden: "Hann', Susann'! Komm met mi to Lan!" Worauf der andere Stein, die andere Glocke nämlich, antwortete: "Ful Gret, ful Gret! Komm met mi to Deep!"

Da antwortete die Erste: "All' min Lewdag nich!"

Und da rauschte die zweite Glocke wieder hinab in den See. Die erste Glocke aber, obwohl sie nur von einem schwachen Faden gehalten wurde, war doch mit der oberirdischen Welt verbunden und musste auf ihr bleiben.

Die Kinder waren spornstreichs nach Hause geeilt und erzählten dort, was sie erlebt hatten. Die Leute liefen hin und fanden die große Glocke am Ufer liegen, die in die Tiefe hinab wollte, aber nicht konnte.

Die benachbarte Gutsherrschaft wollte sie fortschaffen lassen. Aber, ob man auch noch so viele Pferde vorspannte, sie war nicht von der Stelle zu bewegen. Endlich gelang es den Bauern von Warthe, sie auf einen Wagen zu bringen, der von 16 Ochsen gezogen wurde.

So hängt die Glocke noch heute im Glockenstuhl zu Warthe und hat einen der schönsten Klänge in der ganzen Uckermark.

Der Steutzsee war um 1900 einer der krebsreichsten Seen in der ganzen Umgegend.

(Nach der Chronik von Robert Engelbrecht, Lychen, 1954)

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