Ein Hoch auf die Winterzeit

Veröffentlicht auf von anais

Ein Hoch auf die Winterzeit

Neulich habe ich sehr bewusst erlebt, dass es, wenn es in der Sommerzeit mittags um 12.00 Uhr ist, dagegen in der Winterzeit nachmittags um 13.00 Uhr ist.

Bevor ich diese zwei Uhrzeiten zur gleichen Zeit erlebt habe, möchte ich nur kurz bemerken, dass ich zwei Armbanduhren besitze: eine etwas Teurere – ich nenne sie immer meine Goldene nach ihrem Aussehen – für  besondere Anlässe - und eine Top-10-Euro-Uhr für den normalen Alltag.

Meine Goldene hatte ich schon eine ganze Weile nicht getragen, weil der Alltag mich wesentlich öfter beschäftigt.

Nun rückte kürzlich ein wichtiger Tag an mich heran. Frank hatte nämlich Karten für ein vorweihnachtliches Konzert mit Chorgesang in der Berliner Philharmonie für uns erstanden. Er hatte auch gerade Geburtstag und wollte beide festliche Anlässe miteinander verbinden.

Deshalb meinte er, es wäre ein schöner Ausklang des Nachmittags, wenn wir nach dem Konzert gut zu Abend essen würden. Das gefiel mir, und ich bedankte mich für die Einladung.

Schon am Vorabend des besagten Tages legte ich sorgfältig Anzug, weißes Oberhemd und Krawatte zurecht. Meine Goldene platzierte ich auf den Nachttisch, weil ich um 7.00 Uhr aufstehen wollte. Einen Wecker brauche ich nicht, denn ich werde sowieso immer gegen halb Sieben wach.

Wie jedes Mal frühmorgens, etwas schlaftrunken, wandelte ich in die Küche, um zuerst die Katzen, Lucy und Peacy, zu füttern. Ich schaute auf die Küchenuhr und stellte fest, dass sie wohl stehen geblieben war. Sie ging nämlich eine Stunde nach. Gleich nahm ich sie ab, sah nach, ob die Batterie lose wäre. Die Uhr tickte wieder. Ich stellte sie von sechs auf sieben Uhr. Nach der Morgentoilette rief ich Frank so gegen halb Acht an, weil er wollte, dass ich schon kurz nach 13.00 Uhr bei ihm sein sollte, denn er hatte einen Imbiss vorbereitet. Wir wollten nicht mit leerem Magen zum Nachmittagskonzert aufbrechen. Frank wunderte sich über den Anruf, denn er war noch gar nicht nicht aufgestanden.

Ich legte mir beim Frühstück meinen Fahrplan zurecht: Wenn ich nach 13.00 Uhr auf dem Berliner Bahnhof Potsdamer Platz ankommen wollte, musste ich um 12.11 Uhr mit dem REGIO von Fürstenberg/Havel abfahren. Also sollte ich um 11.15 Uhr zum Auto gehen und losfahren, um am Bahnhof Fürstenberg ohne Stress einen Parkplatz zu finden und rechtzeitig auf dem Bahnsteig zu sein.

Und so tat ich es. Geschniegelt und gebügelt, etwas beengt im Anzug mit Weste stieg ich in mein Auto und fuhr mit guter Laune nach dem 12 Kilometer entfernten Fürstenberg. Viel zu früh war ich da. Ich blieb eine Weile im warmen Auto sitzen, hörte Musik und Nachrichten und beobachtete, wie der Minutenzeiger der Autouhr langsam auf die volle Stunde zulief.

Zum Bahnsteig sind es mal gerade 10 Minuten Fußweg. Der Zug traf pünktlich ein. Auf meine Goldene schaute ich nicht, denn die Zeitanzeiger im Display und die alten Bahnhofsuhren gingen genau. Ich trug nur eine leichte Tasche mit mir, stieg schnell ein und suchte mir einen behaglichen Platz am Fenster. Mitreisende taten wie üblich sehr geschäftig, telefonierten mit dem Handy oder spielten ihre Spielchen, vielleicht las auch der eine oder andere ein Notebook. Ich schaute lieber aus dem Fenster und hing meinen eigenen Gedanken nach. Bis Oranienburg, der nächsten großen Stadt vor Berlin, braucht der Zug ungefähr eine halbe Stunde. Kurz vor Oranienburg ertöne eine Durchsage durch den Lautsprecher: „Werte Fahrgäste. Die Weiterfahrt bis Berlin-Gesundbrunnen ist wegen Bauarbeiten gesperrt. Benutzen Sie bitte den Anschluss mit der S-Bahn um 11.51 Uhr nach Berlin-Gesundbrunnen.

Ich schaute auf meine Goldene: „Verflixt! Es ist doch schon 12.45 Uhr!“ Ich geriet in Panik.

„Jetzt kommst du zu spät“, sagte ich mir. Diese S-Bahn fährt ja über Gesundbrunnen weiter über den Potsdamer Platz bis raus nach Wannsee kurz vor Potsdam. Aber bis zum Potsdamer Platz braucht sie mindestens 45 Minuten. Ich wäre erst nach 13.30 auf dem Potsdamer Platz. Dann noch der Fußweg zur U-Bahn und 15 Minuten Fahrt. Ich käme erst gegen 14. Uhr bei Frank zu Hause an

Schnell packte ich meine Tasche und lief die Treppen herunter und wieder hinauf zur S-Bahn. Ich blickte auf die Bahnhofsuhr. Sie zeigte 11.50 Uhr an. Dann der Vergleich mit meiner Goldenen. Hier war es bereits 12.50 Uhr. Langsam schwante mir etwas: „Oh, du hast auf Deiner Uhr noch die Sommerzeit!“ Ich atmete erleichtert auf, beruhigte mich und war froh, dass ich Frank nicht wegen der „Verspätung“ angerufen hatte.

So kam ich also schon kurz nach halb eins auf dem Potsdamer Platz an und hatte noch Zeit, einen Kaffee und eine Bockwurst zu mir zu nehmen.

Als ich schließ bei Frank klingelte, öffnete er die Tür und freute sich ganz verwundert: „Du kommst ja ziemlich früh. Weshalb denn das?“

„Ach,“ erwiderte ich. „Zwischen Oranienburg und Gesundbrunnen waren wieder Bauarbeiten. Deshalb musste ich einen Zug früher fahren.“

Aber – ich konnte es wieder nicht lassen. Ich musste ihm die Wahrheit erzählen.

Ich weiß es allerdings heute immer noch nicht: Lobe ich nun die Sommerzeit oder die Winterzeit oder mein Glück bei aller Schusseligkeit?

 

 

 

Veröffentlicht in Lychener Stammtisch-Geschichten

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David Lepnik 03/01/2017 16:45

Verwenden Sie Digitaluhr. Es wird automatisch ändern, um die Zeit zu korrigieren ;)

anais 03/25/2017 07:42

Beim nächten Kauf einer Uhr berücksichtige ich Ihren Rat. vielen Dank!

Katharina vom Tanneneck 12/07/2016 20:49

Guten Abend Joachim,
das kann passieren, wenn man nicht alle Uhren im Oktober auf die richtige Zeit einstellt. Aber im Grunde ist ja fast alles planmäßig verlaufen und Du hattest ein Erlebnis an dem wir nun teilhaben dürfen.
Den Geburtstag von Frank habt Ihr sehr schön verbracht und die Idee mit dem vorweihnachtlichen Konzert war genial. Sicher habt Ihr beide den Tag sehr genossen.
Liebe Grüße,
Katharina

anais 12/08/2016 15:25

Hallo Katharina,
mein Beitrag sollte mal ein Beispiel dafür sein, wie beim unsinnigen Wechsel von Sommer- auf Winterzeit doch etwas Gutes herauskommen kann, wenn man selber mal nicht an Alles denkt. Ich hätte am Abend zuvor auch auf die Zugverbindung im Internet schauen können. Heutzutage muss alles vorher geprüft werden, sonst kann man Überraschungen erleben.
Das Konzert war im ersten Teil abstrakte Musik und für mich schrecklich. Im zweiten Teil gab es eine Mozart-Komposition. Sonst war der Tag sehr schön.
LG Joachim

Archi 12/07/2016 18:12

Guten Abend Joachim

Das ist eine tolle Geschichte, und sie ist so weltnah :-)
Ich würde dir vielleicht eine tragbare Sonnenuhr empfehlen *hihi
Öm ja - also kann ich nur hoffen,
dass Eurer vorweihnachtliches Konzert darum besonders angenehm war. Besser zu früh und lustig, als im Zeitstau und abgenervt ;-)
Ich mag die Zeitumstellung nicht. Mensch und Tier vertragen sie nicht, und überflüssig ist sie ebenso.
Deine Uhren finde ich übrigens beide toll, muss aber gestehen, dass ich die goldene Farbe lieber mag.
Dabei ist es mir egal, ob teuer oder nicht.

Einen schönen Abend

liebe Grüße Uli

anais 12/08/2016 15:33

Hallo Uli,
dieses Erlebnis habe ich hier aufgeschrieben, weil ich zeigen wollte, wie unangenehme Situationen doch mit etwas Glück einen positiven Ausgang finden. Man muss eben heutzutage an alles denken. Das Konzert bestand im ersten Teil nur aus disharmonischer Ton-Spielerei. Der Chor hat keine Worte gesungen sondern nur Laute von sich gegeben. Die zeitgenössische Komposition nannte sich Misa Brevis von Paszckowski. Im zweiten Teil gab es eine schöne Mozart-Komposition, die ich noch nicht gehört hatte.
Ich mag die Zeitumstellung aus allen diesen Gründen auch nicht.
LG Joachim