Lychener Stammtisch-Geschichten

Friday, 25. march 2011 5 25 /03 /März /2011 11:40

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Der schwülwarme Sommertag legt Gewitterstimmung über Seen und Wälder. Vom Westen her ziehen dunkle Wolken über den Großen Lychensee und ballen sich zu einem drohenden Unwetter zusammen. An diesem Feriennachmittag setzt ich mich gespannt auf den Sims der Hoftreppe, schaue hinauf zum Himmel und über unseren Stadtsee.

Immer näher schieben sich die schweren Wolken an an das Städtchen heran. Blitze zucken, und ich zähle die Sekunden bis zum Donnerschlag, wie ich es von Vater gelernt habe, um die Kilometer zu wissen, wie weit das Gewitter noch entfernt ist. Kürzer werden die Abstände zwischen Blitz und Donner. Diesmal wird es nicht hinter uns vorbeiziehen. Die Gewalten rollen direkt auf die Stadt zu.

Nun setzt sich Vater zu mir und meint: „Das wird ein schweres Unwetter. Hoffentlich kommen wir heil davon! “Ach“, entgegne ich, „wir haben doch die große St.-Johannes-Kirche hinter uns mit ihren Blitzableitern. Uns wird schon nichts passieren.“

Mutter hat bei Gewitter immer Angst und setzt sich hinter die Tür des Esszimmers, um nichts zu sehen. Ab und zu ruft sie: „Kommt bloß rein!“

Vater und ich beobachten das Lichterzucken der Flächenblitze, und bizarre Zickzackblitze schlagen irgendwo in der Ferne in die Erde ein, worauf ein gewaltiger Donner folgt.

Schon zieht das Gewitter über die Neuländer hinter dem Südufer unseres Sees. Plötzlich schießt ein gleißend heller Pfeil fast zeitgleich mit dem Donnerschlag aus den Wolken. „Jetzt hat's aber eingeschlagen,“ kommentiert Vater sofort. Und da sehen wir über den Neuländern eine lodernde Flamme emporschlagen. „In unseren Aussichtsturm hat's eingeschlagen! Der brennt jetzt lichterloh. Da muss ich hin! Peter (mein Freund und Nachbarsohn) muss mitkommen,“ rufe ich und schieße los.

So laufen wir schnell die Vogelgesangstraße lang, über die Schleusenbrücke den Angelberg hoch. Und – wir sind nicht die Einzigen. Selbst der kleine, spindeldürre Waldemar Kietzmann mit seinen krummen Beinchen torkelt den Angelberg hinauf, immer hinter uns her, ächzend und stöhnend: „Nicht so schnell! Nicht so schnell!“ Trotz Protest hält er aber wacker das Tempo mit.

Noch haben wir ein ganzes Stück zu rennen, immer oben die Bredereicher Landstraße entlang bis zur höchsten Stelle auf den Neuländern zum geometrischen Punkt. Holztürme stehen auf diesen Plätzen die zur Landvermessung und der Kontrolle von Waldbränden dienen.

Für uns Jungs ist das unser Aussichtsturm. Eine schmale Holzleiter führt ab dem ersten Absatz nach oben zu einer kleinen Plattform. Vom Erdboden aus müssen wir jedes Mal erst über die Streben zur Holzleiter klettern. Oben haben wir dieherrlichste Aussicht, die man sich denken kann, über alle Seen mit dem alten Lychen und seiner Feldsteinkirche mittendrin.

Und nun steht unser Turm in Flammen! Brennende Holzteile fallen zu Boden. Wir müssen uns vorsehen und trauen uns gar nicht zu weit heran. Hin und her gerissen jammern wir um unseren geliebten Turm und starren zugleich fasziniert und gebannt auf das Feuerwerk.

Es dauert nicht allzu lange, und das Gerüst fällt krachend im Flammenmeer in sich zusammen.

Traurig und fassungslos schleichen wir wieder nach Hause.

Als wir in den folgenden Tagen wieder nachschauen, sehen wir nur noch einen Haufen verkohlter Balken in der grauschwarzen Asche.

Nie wieder wurde an dieser erhabenen Stelle ein neuer Aussichtsturm errichtet. Eigentlich schade!

Dafür haben wir aber eventuell den Aussichtsturm in Zukunft mitten im Stadtsee vor der Nase als „Krönung“ eines überdimensionalen Stadthafens. Über den Yachthafen soll ja wohl – so wird hinter vorgehaltener Hand geflüstert – der Fürst von Monaco die Schirmherrschaft übernehmen, und Lychen erhält wieder einen neuen Beinamen, nämlich „Klein Monaco“. Wenn noch ein Spielkasino dazu kommt, bringt das ordentlich Schotter!!

von anais - veröffentlicht in: Lychener Stammtisch-Geschichten - Community: Sprechen durch Schreiben
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Thursday, 17. march 2011 4 17 /03 /März /2011 21:04

 

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Während meiner Studentenzeit in den 1970er Jahren an der Universität Rostock wohnten wir in alten, einstöckigen Baracken, die noch aus der Vorkriegszeit stammten. In den 4- und 2-Mann-Zimmern stand jeweils ein kleiner, transportabler Kachelofen, den wir im Winter jeden Morgen mit etwas Kienspan und Braunkohlebriketts heizen mussten. Im Sommer hatten wir dieses Problem nicht. In der oberen Etage ließen wir die Fenster offen, damit die Sonnenwärme ins Gemach ziehen konnte. Ich wohnte zusammen mit einem Germanisten, einem Slawisten und meinem Studienfreund der Lateinamerikanistik oben in einem 4-Bett-Zimmer. Tagsüber hatten wir unsere Studienaufgaben in den Instituten und Hörsälen zu erfüllen. Aber abends saßen wir gemeinsam beim Abendbrot zusammen. Jeder aß nach seinem Geschmack. Gab es mal Tee als Getränk, brühten wir uns eine große Kanne voll für alle. Zur Abendbrotzeit war natürlich jeder neugierig, wie die anderen den Tag erlebt hatten. Und jedes Mal gab es genügend Stoff zum heftigen Diskutieren. Nicht selten gerieten wir in Streit, denn ein Wort ergab das andere. Unser Ältester, der Germanist, später ein Romanautor der DDR-Literatur, stand meistens über den Dingen, und nicht selten machte er frozzelnde Bemerkungen über uns und unsere Studienrichtungen.

So saßen wir eines Frühsommerabends wieder zusammen, schenkten uns den grusinischen Tee ein, und jeder packte sein Essen aus. Da meinte der Literat plötzlich, Südamerika läge weit weg. Da kämen wir nie hin, und unser Studium wäre eine brotlose Kunst, reine Romantik! Mein Studienfreund schaute ihn verärgert an, sagte aber nichts. Ich dagegen nahm blitzschnell meinen Füllfederhalter und tauchte diesen in den Tee des Germanen. Erbost warf er ihn zum offenen Fenster hinaus. „Wie kannst Du meinen Füllfederhalter aus dem Fenster schmeißen,“ blaffte ich ihn zwar lachend aber etwas wütend an. Gleich nahm ich seine Brotbüchse und warf sie hinterher. Daraufhin vergriff sich der Gute und schleuderte die Essbestecktasche des Slawisten in hohem Bogen hinaus. Der wiederum fand nicht sofort das Passende auf dem Tisch. Deshalb brachte er den Kochtopf des Germanisten auf dem Luftweg ins Freie. Jetzt saßen wir schon alle vier nicht mehr sondern hatten uns zu Schlacht erhoben. Voller Lust und Freude flogen wahllos Bratpfannen, Taschen, Schuhe u. a. durch das Freie auf den kümmerlichen Rasen vor dem Haus.

Da ertönte von unten eine Stimme: „Hey! Seid Ihr da oben bekloppt?“ Wir schauten lachend aus dem Fenster hinaus. Ohoh! Unsere Utensilien lagen verstreut auf dem Boden, und die Pfanne steckte mit dem Stiel in der Erde. Was blieb uns weiter übrig? Ernüchterung trat ein, wir liefen nach unten und sammelten unter dem Gelächter anderer Studenten alles wieder ein und schleppten es nach oben in unsere Stube.

Erst dann nahmen wir gesittet unser Abendbrot ein und freuten uns mächtig über unseren eigenen Unsinn.

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Thursday, 10. march 2011 4 10 /03 /März /2011 11:51

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In der Uckermark kriegen es die Junggesellen und Jungfern, wenn sie über 47 Jahre alt sind, recht schlecht. Sie sind um ihr Amt wirklich nicht zu beneiden. Die Jungfern müssen hin aufs Kröchlendorffer Feld und da auf dem Hundeberg fünfundzwanzig Jahre lang mit der Nähnadel graben. Die Junggesellen aber müssen nach ihrem 47. Jahr fünfundzwanzig Jahre lang Krebse nach Jerusalem treiben, oder sie müssen hin zum Passowschen Eisenbruch und dort fünfundzwanzig Jahre lang Stubben roden.

War einst eine alte Jungfer von 76 Jahren; sie war schon ganz raus aus der Klasse, die noch mit der Nähnadel graben musste. Sie konnte nachts oft nicht so recht schlafen, und wenn sie schlief, so hatte sie im Schlaf immer einen so schweren Traum, dass sie öfters im Schlaf umherlief und in ihrer Wirtschaft herumkramte.

Einst träumte dem alten Mädchen in der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag, dass sie ihr Sonntagszeug anzog und zur Kirche ging. Sie steht dabei aber auch wirklich auf, zieht sich sonntäglich an und geht hin zur Kirche. Es war gerade um Mitternacht. Als sie bei der Kirche ankam, stand die Kirchentür auf, und die Kirche war recht hell erleuchtet. Sie ging hinein, setzte sich in einen Kirchenstuhl und sang recht andächtig mit. Dabei aber wachte sie auf und hörte nichts mehr von einem Gesang. Als sie wieder ganz zu sich selber kam und in die Höhe guckte, bekam sie viele Leute zu sehen, die nicht mehr auf dem Erdboden lebten. Da saßen Leute in den Kirchenstühlen, die schon vor Jahr und Tag gestorben waren. Sie sah ihren Vater und ihre Mutter, ihre Brüder und ihre Schwestern, ihre Nachbarn, ihre Mitkonfirmanden und Schulkameraden. Sie sah auch den vorigen Pastor, der schon lange in der Erde verwest war. Ja, was noch wunderlicher war, der Pastor stand auf der Kanzel und predigte; er handschlagte dabei so, als wenn er lebendigen Leuten predigte. Sie aber konnte auch nicht ein bisschen davon hören, von der Predigt sowohl wie vom Gesang. Als der Pastor den Segen sprach, was sie an den Bewegungen seiner Hände sah, und dass dabei alle Leute aufstanden, kam eine Frau zu ihr heran (die vor sechzehn Jahren, als sie starb, ihre beste Freundin war) und flüsterte ihr ins Ohr: "Nun geh' hinaus!" Gleich stand sie auf und verließ die Kirche; die anderen Leute sangen noch einen Vers, wovon sie aber nichts hören konnte. Als sie eben mit ihrem letzten Fuß aus der Kirchtür schritt, schnappte die Tür ein, und ihr Kleid wurde in die Tür geklemmt. In ihrer Angst riss sie, was sie reißen konnte und riss sich dabei den halben Rock hinten ab.

Am anderen Tag, als der Küster sehr zeitig hinging, um zur Predigt zu läuten, fand er den Flicken nicht in der Tür. Aber auf jedem Grab lag ein Stück vom abgerissenen Rock. Die Alte wurde von der Angst sehr krank und starb ein paar Tage nach diesem grausigen Kirchgang.

( Quelle: Eberhard Kaulich, "Queerbeet", Lychener Sagen und Prosa, Sammlung Teil II, erschienen im Eigenverlag, 2004)

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Thursday, 3. march 2011 4 03 /03 /März /2011 09:58

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Gestern machte ich mich daran, einige meiner Acrylbilder einzurahmen. Dazu hatte ich mir über's Internet sechs bronzefarbene Rahmen mit Acryl-Kunstglas schicken lassen. Der Preis schien mir günstig. 72 Euro habe ich an die Firma ALUTECH zu zahlen.

Als das Paket eintraf, freute ich mich sehr. Kam es doch rechtzeitig, denn das Lychener "Haus Vogelsang"  vom Ökostadtverein e. V. Berlin wird am 12. März die neue Saison mit einem Hoffest eröffnen. Dazu schlug man mir vor, einige Bilder aus meiner Freizeitmalerei im Hofcafé auszustellen. Ich sagte zu, um einfach einmal zu sehen, welche Meinung die Leute zu den kleinen Arbeiten haben.

Also machte ich mich ans Werk, öffnete das große Paket und nahm die gut verpackten Rahmen heraus. Jede Menge dick genoppe Kunststofffolie beließ ich im Karton. Jeder Rahmen war mit dünner, durchsichtiger Folie zugeschweißt. Ich entfernte sie mit der Schere, und der Plastehaufen wurde immer größer. Nun untersuchte ich die Befestigungstechnik. Acht Klammern waren dazu an jedem Bildrücken angebracht. Die knippste ich erst einmal raus, nahm die hintere Deckpappe und das Firmeneinlageblatt ab und wählte das erste Bild von mir zum Rahmen aus. Vorsichtig legte ich es auf das Acryl-Kunstglas und die Deckpappe obendrauf. Ich machte die acht Halterungen fest, drehte das fertige Bild herum und starrte wie gebannt auf die Vorderseite! "Das kann doch nicht wahr sein," sagte ich entsetzt zu mir. "Das Acrylglas hat Kratzer!" Dann schaute ich mir die übrigen Bilderrahmen an. "Ist denn so etwas möglich", rief ich, obwohl ich allein war. "Alle Kunstgläser haben Kratzer! Was mache ich da bloß?"

Da kam mir die genial-praktische Idee, die einzelnen Bilder so auszusuchen und einzulegen, dass die Kratzer auf hellen Malflächen nicht so sehr zu sehen wären. Irgendwie aber waren sie immer wieder sichtbar, schon durch den seitlichen Lichteinfall. Ich war enttäuscht.

Gerade in dem Augenblick schaute meine Mitbewohnerin herein. "Gucken Sie doch mal! Kann man das so lassen," rief ich ihr zu. "Na", meinte sie sofort, "da würde ich von der Firma aber einen Preisnachlass verlangen. Wie können sie so etwas versenden!" "Ja," entschloss ich mich, "das werde ich nachher gleich telefonisch absprechen. Zeit haben wir nicht mehr, um sie zurück zu schicken und neue kommen zu lassen." Also fand ich mich schweren Herzens und etwas missmutig mit der Situation ab. Ich begann aufzuräumen, nahm den großen Karton und wollte ihn hinaustragen. Da sah ich noch einen weißen Zettel zwischen der Plastefolie schimmern. Den nahm ich heraus und las ihn. Stand doch da geschrieben:

"Vor der Erstbenutzung der Rahmen ziehen Sie zuvor die Schutzfolien beiderseitig vom Acrylglas ab!"

"Na so etwas! Bin ich doch ein Trottel!" Gleich nahm ich das erstbeste Bild wieder heraus. Und wirklich! auf beiden Seiten klebte hauchdünne Folie. Sofort löste ich sie und schau an: Das Acrylglas war einwandfrei und ohne Kratzer! So wiederholte ich die ganze Prozedur, aber mit spürbar besserer Laune. Alle Bilder sehen nun gut aus. Was hätte ich mich doch blamiert, wenn ich bei der Lieferfirma eine Reklamation versucht hätte!

Deshalb wieder einmal die Lehre: Tue alles in Ruhe und mit Bedacht! 

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Thursday, 24. february 2011 4 24 /02 /Feb. /2011 10:31

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 An einem warmen Sommernachmittag in den späten 1950 Jahren entschlossen sich Vater und Mutter, mit uns Jungen eine Bootsfahrt über den Großen Lychensee zu unternehmen. Mutter packte ein paar Brote, etwas Obst und Saft als Proviant für ein kleines Picknick am Ufer des Sees in den Korb.

 Nun konnte die Fahrt über See beginnen. Mein Vater, mein älterer Bruder und ich wechselten uns beim Rudern über den ausgedehnten See ab, denn wir wollten bis an seinen südlichen Ausgang zur Woblitz gelangen, ein malerisches Fließ, das sich bis nach Himmelpfort durch hohen Wald und Wiesen schlängelt. Nach gut zwei Stunden erblickten wir die dunkle Einfahrt der Woblitz. An ihrem rechten Ufer schimmerte, hinter Laub- und Obstbäumen versteckt, das Försterhaus hervor. Ein sehr altes Gehöft, das schon in vergangenen Jahrhunderten in Schriften Erwähnung fand.

Wir legten nicht an sondern setzten unsere vergnügliche Seefahrt am Südufer fort bis zur Koppelablage kurz vor dem Lychener Buchenwinkel. Link: Gestürzte Baumriesen . Dort kletterten wir aus dem Boot. Mutter packte die Stullen aus, und gemütlich bei Trank und Schmaus genossen wir die würzige Sommerluft am Rande des hohen Buchenwaldes. Als ich aufstehen und den Waldeshang neugierig hinaufgehen wollte, meinte mein Vater mit nachdenklichem Blick: „Tagsüber lässt es sich ohne weitere durch den Wald streifen. Aber wer hier des nachts verweilt, könnte Unheimliches erleben. In der Stunde nach Mitternacht soll dort oben ein ruheloser Förster zu hören sein, der einmal in grauen Vorzeiten erschlagen worden war.“ Mein Bruder lachte: „Gespenstergeschichten!“ Ich aber wollte von ihm mehr wissen. Vater meinte nur: „Ich weiß nur, dass alte Lychener davon erzählt haben. Genaueres, mein Junge, kann ich Dir nicht sagen.“

Am späten Nachmittag- es war bald Abendbrotzeit – ruderten wir nach Hause zurück. Immer wieder musste ich an diese Geschichte denken. Sie ließ mir keine Ruhe. Großmutter hatte das Abendessen schon vorbereitet. Ich warf einen fragenden Blick auf sie. Bei uns nannten wir die Großmutter „Mutter“ und unsere Mutter war „Mama“. „Mutter“, fragte ich sie schließlich voller Ungeduld, „kennst Du die Geschichte vom sagenhaften Förster, der im Wald über der Koppelablage des nachts dort geistert?“ Das war etwas für unsere alte Mutter, denn sie erzählte gerne so manche Geschichte. Also ließ sie uns nicht lange warten und begann:

Vor langer, langer Zeit lebte im Forsthaus Woblitz ein junger, stattlicher Förster allein auf seinem Anwesen. Er ernährte sich von den Früchten des Feldes und des Gartens. Ab und zu ging er in seinem Revier am Buchenwinkel abends und nachts auf Jagd.

So machte er sich auch eines späten Abends bei stürmischem Herbstwetter auf und pirschte den Hang an der Koppelanlage zum hohen Buchenwald hinauf. Unten peitschte der starke Westwind den See, und hohe Wellen schlugen an das Ufer. Der junge Förster ließ sich von dem Unwetter nicht beirren. Mutig suchte er sich seine von Gebüsch gedeckte Stellung und wartete ab, denn er wusste aus Erfahrung, bald würden in naher Ferne Rehe oder Hirsche vorbeiziehen. So saß er wartend und wartend, bis die Mitternachtsstunde herannahte.

Plötzlich hörte er ein Geräusch! Äste knackten, und aus dem Gesträuch sprang – er traute seinen Augen nicht – eine weiße Hirschkuh hervor. Ohne zu überlegen, löste der junge Förster den Schuss. Die Hirschkuh brach zusammen, und aus dem Grund, so schien ihm, schwebte für einen kurzen Augenblick eine bildschöne Maid hervor, die augenblicklich mit einem herzzerreißenden Seufzer wieder verschwand. Wie geblendet und von Sinnen verharrte der einsame Jäger.

Kaum tat er den ersten Schritt, um nach dem Mädchen zu suchen, da erhob sich ein mächtiger, brausender Sturm über den Wipfeln der alten Buchen. Über ihn hinweg stürmten die wilden Reiter, angeführt von Wodan, eskortiert von seinen Begleiterinnen, den Walküren! Bäume riss der Sturm der wilden Jagd aus dem Boden. So wurde der junge Förster von einer Buche erschlagen. Seither findet seine Seele keine Ruhe mehr. In stürmischen Nächten nach Mitternacht sucht er seufzend und stöhnend nach dem wunderschönen Mädchen, immer noch im Glauben, dass er es nur verletzt aber nicht getötet habe. Niemand weiß bis zum heutigen Tag, wie er von seiner Pein erlöst werden kann.“

Damit beendete Mutter ihre Erzählung und senkte den Blick. Ich schaute sie schweigend an und war mir nicht ganz sicher, ob dies wohl eine Sage war, oder ob sie sich das nicht wieder in ihrer von Natur und Mystik beseelten Fantasie ausgedacht hatte.









 

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