Lychener Stammtisch-Geschichten

Thursday, 17. february 2011 4 17 /02 /Feb. /2011 06:16

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 Im Jahre 1878 wurde in Lychen eine Spar- und Darlehenskasse nach dem System "Schulze - Delitsch" ins Leben gerufen. Der Vorsitzende war ein gewisser Dannenberg (damaliger Mühlenbesitzer. Anmerk.: J. H.), Prüfer Kantor Zierach.

Dieses Unternehmen war von vornherein als Schwindelunternehmen anzusprechen. So hatte man goldene 20-Markstücke nur an die Enden des eingerollten Geldes gelegt. Das sollte den Anschein erwecken, die ganze Rolle seinen 20-Markstücke. Das war aber nicht der Fall. In die Mitte hatte man kupferne 2-Pfennigstücke gelegt, welche dieselbe Größe hatten wie die 20-Markstücke.

Der Kasse gehörten sehr viele Lychener, insbesondere Ackerbürger, Gewerbetreibende und Kleinsparer an, die glaubten, ihre Spargroschen sicher angelegt zu haben. Da dieses Unternehmen auf "Gegenseitigkeit" aufgebaut war, hafteten im Falle eines Kraches der Kasse die Mitglieder mit ihrem Vermögen für die ordnungsgemäße Abwicklung des Unternehmens.

Während der Vorsitzende Dannenberg u. a. in Saus und Braus  lebten, konnte es nicht lange dauern, daß dieses Unternehmen "zu Bruch" ging. So kam es dann auch, daß der Gerichtsvollzieher Dräger ausgerechnet am heiligen Abend des Jahres 1882 bei den Mitgliedern erschien, um zum Teil erhebliche Summen zu pfänden, ob mit Erfolg, ist nicht bekannt.

Die Pfändungen machten viele gut dastehende Ackerbürger bettelarm - eine Kuh nach der anderen wurde abgeholt - und auch die kleinen Sparer (Tagelöhner) sahen nie etwas von ihren Spargroschen wieder!-

Verflucht haben sie den Dannenberg und immer erklärt, Stubenrauchs - jetzt Kleineidam - Gehöft ist unser Geld!

Der alte Samuel Haberland, Wuppgarten, sagte: "Wie hem'm blos dat Geld verlor'n!" Und immer wieder kam der Gerichtsvollzieher.-

Um endlich Ruhe zu haben, begab sich eine Delegation mit sämtlichen Unterlagen zu Fuß nach Berlin zum Kaiser Wilhelm I. Die Delegation wurde auch in Audienz vom Kaiser empfangen und Hilfe zugesagt. Das geschah nun sehr bald, und der Fall war begraben!

Am Morgen, als die Nachricht von der Beilegung des Falles bekannt wurde, begab sich die Stadtkapelle unter der Leitung ihres bewährten Dirigenten Hermann Müller auf den Marktplatz und spielte das Lied "Nun danket alle Gott"!

(Aus der Chronik des Lychener Heimatdichters Gustav Metscher)

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Thursday, 10. february 2011 4 10 /02 /Feb. /2011 09:08

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Es geschah einem strahlendem Sommertag.

Am späten Nachmittag schwang ich mich auf mein Fahrrad. In kluger Voraussicht stellte ich mir einen Korb auf den Gepäckträger, denn, kann man vorher wissen, was man in Wald und Flur an guten Gaben der Natur findet? Mein kleines Taschenmesser vergaß ich nicht.

Gut gelaunt und bei besten Kräften nahm ich meinen Weg von der Vogelgesangstraße den Angelberg hinauf nach Hohenlychen durch das Gelände der ehemaligen Heilstätten, an der Helenenkapelle vorbei in die Buchheide. Von dort führt der asphaltierte Radwanderweg über Hügel und kleine Täler durch lichten, sonnendurchfluteten Laubwald bis hinunter zur Wuppgartenbrücke. Weiter die Waldstraße hinauf kommt man an die alte Templiner Landstraße. Bis nach Alt Placht sind es so an die neun Kilometer. Das sollte mir für meine Radtour an diesem Nachmittag genügen.

Ab und zu kamen mir radelnde Wanderer entgegen. Besonders Schnelle und Sportbegeisterte überholten mich, den Oberkörper gebeugt zu Stromlinienform sausten sie an mir vorbei. Ich hielt mehr vom gemütlichen Tempo. Obwohl – ab und zu geriet ich außer Puste. Stieg dann ab und schob das Rad den Hang hinauf. Auf der Wuppgartenbrücke verschnaufte ich ein Weilchen, lehnte mich übers Geländer und blickte auf den Platkowsee, der dort seine breiteste Ausdehnung hat. Etwas weiter, in Richtung Alt Placht, windet er sich etwas schmaler durch hohe, bewaldete Ufer. Still wie immer lag das Wasser. Nur weit in der Ferne saß ein Angler geduldig in seinem Boot und hoffte auf einen Fang.

Bevor ich mich wieder auf das Rad setzte, schaute ich in meinen Korb, ob wohl die Banane und zwei Äpfel nicht heraus gefallen wären. „Na“, dachte ich so bei mir, „auf der Rückfahrt machst Du noch einen Abstecher in den Busch, in der Nähe der Stelle, wo einmal vor langer Zeit eine Glashütte gestanden hat“. Dort hinten, am Rande des Platkowufers findet der Sammler mit geübtem Auge unter den Buchen manch' feine Pfifferlinge.

So trat ich wieder kräftig in die Pedalen, gab Dampf, die steile Straße hinauf bis zur Kreuzung, denn dieser Weg führt geradeaus über die Gleise der Draisinenstrecke bis zur Templiner Chaussee. Dahin wollte ich nicht, denn mein Ziel war Alt Placht.

Also bog ich auf der Kreuzung rechts ab. Die linke Seite des Radweges entlang zieht sich der alte Mischwald mit Kiefer- und Buchenbestand. Auf der rechten Seite wächst reiner Kiefernwald, wo nicht nur Lychener sondern auch so manche Berliner Heidelbeeren pflücken. Und – siehe da! Ein paar abgestellte Pkws standen dort wie so oft.

Jetzt musste ich mich wieder anstrengen, denn es ging auf und nieder. Eine lange Strecke bis zur alten Försterei Alt Placht. Kurz davor, am Rastplatz, machte ich mein Picknick mit Banane und Äpfeln. Einen erfrischenden, kalten Tee ließ ich meine durstige Kehle hinunter fließen.

Nun sollte das eigentliche Abenteuer beginnen.

Einige Meter nach dem Feldstein mit der Aufschrift „Glashütte“ stieg ich ab und schob das Fahrrad in den Waldweg. Den Platz merkte ich mir genau, denn es kam schon vor, dass ich meinen Drahtesel nicht wiedergefunden hatte. Mit dem Korb in der Hand und dem Taschenmesser bewaffnet lief ich über Moos und Gras mit suchendem Blick auf die alten Buchen zu.

Ja, da leuchteten sie schon, die Pfifferlinge! Sie standen wie gesät. Lange musste dort kein anderer gewesen sein. Ach, wie freute ich mich! Rings um mich herum lag Waldesstille. Ich spürte bereits den herannahenden Abend. Ab und zu, wie dieses Mal, kniete ich mich nieder, um die Pfifferlinge zu schneiden. Einen kurzen Augenblick schaute ich auf, um nach weiteren, pfundigen Stellen zu suchen.

Und - in diesem Augenblick erstarrte ich vor Schreck! Höchstens, aber allerhöchstens zwanzig Meter von mir entfernt schaute mich ein großes Anlitz an. Oh Schreck! Zwei lange, gebogene, graue Hörner! Ein schwarzweißes Gesicht mit weißem Bart! Das Wesen starrte mich an. Ich starrte zurück. „Jetzt hat Dich gleich der Leibhaftige“, dachte ich mir völlig ratlos.

Wie lange wir uns gegenüber gesessen haben, weiß ich nicht mehr. Vor Furcht erhob ich mich langsam, trat einige Schritte rückwärts und lief in den Schatten der Buche zurück. Ich schaute wieder zum Leibhaftigen. Der lag immer noch im Gras, und ich sah - wie er mit vollem Wohlbehagen kaute! „Ein Glück! Der scheint ja friedlich zu sein“, dachte ich voller Erleichterung.

Das Pfifferlingsuchen brach ich ab. Ich hatte genug. Auf der Rückfahrt kam ich nicht aus dem Grübeln. Was war das nur für ein Ungeheuer?

Zu Hause, in Lychen, klärten mich sachkundige Freunde auf: „Dort oben haben die Förster Mufflons angesiedelt. So eine Art Wildschafe. Da wirst Du wohl einem stattlichen Bock begegnet sein. Vielleicht war es auch ein entlaufener Ziegenbock, der sich an den Waldkräutern labte.“

Oh! Ich nahm alle vorherigen Vermutungen zurück! Wie gerne hätte ich meinen „Leibhaftigen“ noch einmal getroffen. Aber nie habe ich ihn wieder zu Gesicht bekommen.





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Thursday, 3. february 2011 4 03 /02 /Feb. /2011 09:09

 

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In gewisser Weise können wir, die wir in der Nachkriegszeit aufgewachsen sind, uns „Trümmerkinder“ nennen, denn nur allzu gerne haben wir bis in die 1950er Jahre hinein in den Ruinen unseres damals zu 60 Prozent zerstörten Lychens gespielt.

Der Kirchplatz war fast täglich nachmittags Treffpunkt für unsere kleine Clique aus Mädchen und Jungen. Oftmals spielten wir dort Murmeln. Besonders beliebt waren die großen, bunten Glasbucker, die zuerst einmal beguckt wurden, wer wohl diesmal die Schönsten mitgebracht hatte. Hatten wir vom Murmeln genug, turnten wir an den Resten des alten Holzzauns, der vor dem Krieg den Platz zur Kirchstraße abgrenzte. Als besonders mutig galt derjenige, der von oben auf der Stange sitzend die Rolle rückwärts konnte.

Immer wieder aber zog es uns in die Mauern der ausgebrannten Häuser an der hügligen Tornow-Straße, die ziemlich steil zur Vogelgesangstraße hinunterführte.

Unten an der Ecke stand noch die Fassade mit hohlen Fenstern des Hauses, das einmal Balls gehört hatte. Etwas höher, auf der Terasse des Grundstücks von Malermeister Rander, blühte im Mai ein violetter Fliederbusch im verwilderten Vorgarten. Im Innern lagen Steine, Sand und Mörtel der zusammengefallenen Mauern in hohen Haufen über dem Kellergewölbe. Dort war es gefährlich herumzusteigen, denn jederzeit konnte das Gewölbe einbrechen.

Etwas weiter höher befand sich die Ruine des Vorderhauses von Weimanns bereits weitgehend geräumt, denn die Familie hatte sich hinten auf dem Hof ein Fertigteilhaus als Unterkunft hingestellt.

Am sonnigsten aber lag die Ruine von Stimms. Mutter Ida hatte den Vorgarten auf der Terasse wieder mit Blumen bepflanzt. Durch die offene Hausfassade gelangte man über den freigeräumten ehemaligen Steinfußbodenkorridor zur kahlen, hinteren Hausmauer, durch die eine Tür auf den Hof führte. Maurer Herrmann Stimm hatte den massiven Stall und die Waschküche zur Wohnung ausgebaut. Dort lebte er mit Frau und Tochter Doris, einer meiner Spielkameradinnen.

Die Mädchen hatten ihre Puppen, Kistchen und Kästchen, kleine Töpfe und Pfannen, aber keine Puppenstuben. Deshalb machte ich mich zum Baumeister.

Vorn, auf ihrer Ruine, oder noch viel lieber im zerfallenen Armenhaus daneben, fügte ich lose, manchmal mit Lehm, aus Ziegelsteinen die Wände zu Puppenhäusern zusammen. Hinten blieben sie offen. Auf der Vorderseite brachte ich die Fensterkreuze aus Holzstäben an. So konnten die Puppenmütter ihre Zimmer einrichten. Manchmal waren sie besonders anspruchsvoll, und ich musste noch eine Etage mehr draufsetzen. So spielten wir unter freiem Himmel in den Steinhaufen, denn Spielzeug gab es zu jener Zeit wenig zu kaufen.

Schon etwäs älter, so mit neun oder zehn Jahren, machte „Räuber und Gendarm“ viel mehr Spaß. Einer war Gendarm, die anderen die Räuber. Schnell liefen die Räuber los und versteckten sich in Nischen, hinter Mauern und unter Gewölben. Der Erste, den der Gendarm erwischte, war der neue Polizist. So ging das Spiel wieder von vorn los bis in die Abendstunden. Oftmals erst nach dem Ruf der Mütter zum Abendessen kehrten wir nach Hause zurück.

Bei dieser harmlosen, wenn auch manchmal gefährlichen Spielerei ist es aber nicht geblieben. Wir Kleineren gerieten nämlich in die Fänge der Älteren, 14-bis15jährigen. Unter denen hatten sich zwei Gangs formiert, die in bittere Feindschaft geraten waren. Dorit Sellin hatte einen älteren Bruder, Horst. Der scharte uns um sich gegen seinen Rivalen Wolfgang Ratzloff. Zu dessen Gruppe gehörte zu meinem Ärger auch mein Freund Peter Steffen.

An einem Sommernachmittag trommelte uns Horst zusammen und erklärte uns in richtiger Anführermanier: „Morgen nachmittag treten wir gegen Ratzloff an. Mit einer Steinschlacht werden wir ihn schlagen, dass er ein für allemal genug hat! Um 15.00 Uhr treffen wir uns hinter dem Giebel des Armenhauses. Jeder wird dort Position beziehen und vorher einen Haufen eiergroßer Wurfsteine sammeln. Ratzloff wird von unten her, vom Weimannschen Grundstück aus, angreifen.“

So richtig wohl war uns nicht zumute, denn die Mädchen sollten ebenfalls dabei sein. Horst Schwester Dorit putschte uns noch ordentlich auf. Ging es doch um die Ehre ihres großen Bruders!

So traten wir also am nächsten Nachmittag an. Wir bezogen hinter dem alten, roten Backsteingiebel der Ruine des Armenhauses Stellung und warteten gespannt ab.

Plötzlich ertönte von unten ein Pfiff herauf. Und schon flogen die ersten Geschosse auf uns zu. Wie aus einem Schützengraben mussten wir immer wieder aus der Deckung herausgehen, um zu sehen, wohin wir unsere Steine werfen mussten. Auf „Mann“ wurde nämlich gezielt. Schnell duckten wir uns, wenn ein Geschoss des Gegners auf uns zuflog. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie lange das so ging. Jedenfalls weiß ich heute noch, dass ich in einem unbedachten Augenblick an der rechten Giebelseite den Kopf rausstreckte und – klacks – traf mich ein Stein an der Stirn! Ich blutete und lief schnell nach hinten, am Kirchplatz vorbei nach Hause.

Meine Mutter war entsetzt. Sie wischte mir Stirn und Gesicht ab, und schimpfte mächtig mit mir. Zum Glück war es nur eine Platzwunde, die allerdings eine Woche dauerte, bis sie verheilt war.

Wer als Sieger aus der Steinschlacht hervorgegangen ist, kann ich nicht sagen. Mir ist so, als wäre später die Polizei sowohl bei Ratzloffs als auch bei Sellins gewesen.

Zum Glück war das die erste und die letzte Steinschlacht in der Tornow-Straße, in dem sonst so friedlichen Lychen.



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Wednesday, 26. january 2011 3 26 /01 /Jan. /2011 15:03

 

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Als Kinder kletterten wir auf unseren Streifzügen gerne an steilen Hängen herum, balancierten auf schmalen Balken, um unser Geschick und unseren Mut zu beweisen. So erinnere ich mich an ein Ereignis, dass mich fast mein Leben gekostet hatte.

Ende der 1940er Jahre - ich ging noch nicht zur Schule - traf ich mich nachmittags im kalten Februar mit meinen Spielgefährten Elke und Peter Bahr. Wir wollten zur alten Villa Jonas laufen, um dort in dem davor liegenden strauchigen Gelände, dicht am Ufer des Großen Lychensees Entdeckungen zu machen.

Also zogen wir los: am Stadtsee vorbei, über die Hohestegbrücke bis unter die Eisenbahnbrücke. Dort blieben wir- wie immer- stehen und schauten vom geländerlosen Uferweg in das Wasser, das die beiden Seen verbindet. Fast bis auf den Grund konnten wir blicken und sahen die großen Gesteinsbrocken dort unten schimmern. 

Noch vor Kriegsende hatten fanatische Nazis die sehr schön im Bogen geschwungene, gelbe Klinkerbrücke gesprengt, um den Russen den Weg zu versperren. Der Wasserweg war noch nicht geräumt und frei für die Schifffahrt. So lag das Gestein in der Durchfahrt.

Allerdings verkehrte bereits wieder die Eisenbahn auf dieser Strecke von Fürstenberg/ Havel über Lychen und Hohenlychen nach Templin und Eberswalde. Dazu hatte man provisorisch schwere Eisenträger von Brückenpfeiler zu Brückenpfeiler und darüber das Gleis gelegt. Im Schneckentempo zog die Dampflok die Wagen hinüber. Besonders langsam fuhren die langen Güterzüge.

In der damals unsicheren Zeit - aus Furcht vor Sabotage durch "Feinde des Sozialismus"- hatten an solchen Verkehrspunkten Brückenwächter ihren Dienst zu tun. Unser Brückenwächter hatte eigens dafür ein Holzhäuschen zum Schutz gegen die Witterung am Fuße der Brücke zu stehen.

Als wir hinüberschauten, war er gerade nicht da. Und so liebäugelten wir mit dem schon etwas angefaulten Vierkantholz, welches das Bollwerk unter unserem Gehweg hielt. "Los! Lasst uns mal hier drüber langlaufen! Mal sehen, wer's schafft", rief ich den Beiden zu. Kalt war mir nicht, denn ich hatte einen dunkelgrünen Lodenmantel mit Kapuze an.

Als Anstifter machte ich gleich den Anfang in meinen hohen Winterschuhen. Obwohl ich merkte, dass der bemooste Balken glitschig war, balancierte ich drauflos. Plötzlich rutschte ich ab und stürzte in das eiskalte Wasser! Ich ging unter, kam mit den Kopf wieder hoch, schnappte nach Luft und versank wieder.

Da fühlte ich einen Gesteinsbrocken, stieß mich hoch, schnappte wieder nach Luft. Der schwere Lodenmantel hatte sich noch nicht voll Wasser gesogen und trieb mich aufwärts. Elke und Peter schrien aus Leibeskräften: "Hilfe, Hilfe! Hier ertrinkt einer!"

Nach einer mir schier unendlichen Zeit kam der Brückenwärter angehastet, denn er hatte wohl gerade seinen Lohn auf dem ziemlich weit entfernten Bahnhof Lychen geholt. Er packte eine lange Stange, kletterte über die Brücke bis auf unsere Seite und hielt sie mir entgegen. In Todesangst packte ich zu.

So rettete mich der beherzte Mann in letzter Minute vor dem Ertrinken. Völlig durchnässt lief ich so schnell es ging mit meinen kleinen Freunden nach Hause, weinte und jammerte in einem fort: "Ach, hätte ich das bloß nicht gemacht!"

Zu Hause steckte mich meine Großmutter sofort ins Bett, denn Mutter war irgendwo unterwegs. Als hätte sie eine Vorahnung gehabt, organisierte sie durch Tausch eine Tafel Schokolade, denn so etwas gab es nicht alle Tage. Sie gab sie mir gleich zum Naschen und packte mich noch wärmer ein. Am nächsten Tag war ich wieder wohlauf, Aber - nach einer Woche bekam ich eine schwere Erkältung.

So hatte mein Schutzengel damals die Gestalt des Brückenwächters angenommen. Welch' Glück im Unglück!  

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Thursday, 20. january 2011 4 20 /01 /Jan. /2011 15:56

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Selbst in Lychen gab es im Mittelalter Anklagen wegen Hexerei.

So beklagt sich Lorenz Gertt, "1602 burger zu lichen" über den Rat seiner Stadt. Man hatte seine Frau von der Straße weg verhaftet und in das Gemach gebracht, wo man eben die arme Sanna Hennings so grausam gefoltert hatte. Diese nämlich hatte sie beschuldigt, und als die Bürgersfrau nichts von den Beschuldigungen gestehen wollte und man ihr ohnehin nicht das Geringste hat beweisen können, hat man sie "in das ergste gefengnus" gelegt und war willens, sie auch zu traktieren wie Sanna Hennings. Schließlich mit dem Erfolg, dass sie, wie der Magd Sanna Hennigs Mutter, "todt uf der Letter" (= Leiter) blieb.

Die Magd hatte man ganz fürchterlich geschunden. Lorenz Gertt schreibt selbst, der Rat habe sie so "uncristlich und unerhörter weiße" peinigen lassen, dass sie eben auf jede unmögliche Frage des Rates ein Ja sagte und die ungereimtesten Dinge bekannte, um bloß der Schmerzen ledig zu werden. Was Unmögliches von den der Zauberei Angeklagten alles bei den entsetzlichen Qualen der Folter gestanden wurde, davon ein Beispiel über die Teilnahme am Hexentanz auf dem Brocken:

Da bekannte eine Frau, sie wäre die letzten drei Jahre jedesmal auf Walpurgi nachts zum Tanz auf dem Brocken gewesen. Des Abends zuvor hätte ihr Buhle ihr eine Salbe gebracht, die unter die Arme, in die Ellenbogen, unter und auf die Knie, auf Rücken und Bauch geschmiert werden musste. Unter Sprechen des Zauberversleins: "Woll up, woll up" sei sie zum Giebel hinausgefahren und auf einem schwarzen Pferd mit weißen Zähnen durch die Luft zum Brocken geritten. Dort wäre getanzt worden. Nach dem Tanz hätte der oberste Teufel, den sie Seff Jürgen geheißen, ihnen Butter und Käse gebracht und Wein aus einem Teich mitten auf dem Brocken, der sonst nur Wasser enthalte. Gegen Mitternacht habe ihr Buhle ihr und jeder seiner Bräute drei Pfennig zum Lohn gegeben, und dann sei sie heimgeritten und zum Schlag eins zu Hause gewesen. So, bis in's Kleinste, hatte die Gefolterte erzählt. Ganze drei Stunden all hat man der armen Magd auf der langen Leiter den Leib gestreckt, dass er so schmal wie ein Arm geworden. Unter den Rücken hatte der Büttel ihr ein Stück Holz gelegt und damit immer auf dem Rücken entlang "gerumpelt". Dann hatte er an die Stricke geschlagen, womit man ihre Glieder straff gezogen hielt, "damit die wehetagen in den gliedern geheufet". Was Wunder, wenn das arme Menschenkind wie gemeinhin bei Anwendung der Folter, die unmöglichsten Dinge bekannte.

So zog auch die Frau des Gertt in ihr Geständnis, und man hörte diese in der Folterkammer zu den von Sanna Hennigs gemachten Angaben. In der Nacht darauf weinte und klagte die Gequälte, dass sie ehrliche Frauen und ihre Mutter bezichtigt habe. Die zwei Lychener Bürger, die draußen an der "Stadtbude" Wache standen, kamen herein, und diesen gegenüber wiederholte sie alles und betonte, dass man sie nicht eher wollte loslassen, und dass sie vor Schmerzen alles hätte bejahen müssen. Es täte ihr herzlich leid, und klagte sie es Gott im Himmel.

Die beiden Bürger, Karsten Othmann und Michael Hermstorff, aber erzählten Gertt davon. Dieser ließ sie ihre Aussagen vor dem Prenzlauer Notar Joachim Rehberg wiederholen und bekräftigen.

Den gesamten Hergang berichtete Gertt an die Brandenburger Schöppen und bat sie, dem Rat von Lychen folgendes zu befehlen: Er solle sein "blutdürstiges beginnen und uncristliches Vornehmen und die Peinigung einstellen", bis dass alles genauer festgelegt sei. Auch die Magd sei zu schonen.

Der Bescheid von dort sah wie gewünscht aus. Gertt solle beweisen, dass man die Sanna Hennigs unrechtmäßig hart gepeinigt habe, über die Frau Gertts Ungünstiges auszusagen. Deshalb soll der Rat die Frau in gelindere Verwahrung bringen und mit jeder Peinigung einhalten, ihm vor allem Zeit zu lassen, Material für die Verteidigung zu sammeln. Weiteres würde dann entschieden werden.

Wie die Angelegenheit auslief, ist unbekannt. Ob es aber Gertt gelang, das Geforderte zu beweisen, steht dahin. Denn die Folter, die entsetzlichen Qualen formten die Aussage doch nach dem Wunsch der Richter. Und wer der Zauberei etc. angeklagt war, war so gut wie verloren.

(Aus: "Templiner Kreisblatt", 1929, Nr. 17, Beilage "Unsere Heimat")  

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