Lychener Stammtisch-Geschichten

Thursday, 13. january 2011 4 13 /01 /Jan. /2011 11:50

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Zwischen Weihnachten und Neujahr habe ich es noch einmal gewagt. Mein Freund Frank, der erst Anfang 40 ist, kam auf die Idee, eine Schlittenwanderung durch die Lychener Winterwanderung zu unternehmen. Eigentlich wollten wir Jutta mitnehmen. Aber die hätte sich wohl freundlich bedankt. Als Junge wäre er das letzte Mal gerodelt, und eigentlich müsste er es mal wieder probieren. Er hatte den Camcorder mitgebracht und wollte unbedingt Winterclips aufnehmen, die er zu einem Video zusammenstellt.

Auf unserer gemeinsamen Bali-Reise durch den Regenwald und zu den hinduistischen Tempeln vor zwei Jahren ist ihm das vortrefflich gelungen. Über die drei Videos haben  sich nicht nur wir sondern auch andere sehr amüsiert, weil die Bilder und Kommentare, die wir da abgeben, sehr lustig sind.

So holte ich den stabilen Schlitten aus der DDR-Zeit - Marke "Davos" - aus der hintersten Ecke des Holzstalls und los ging die Wanderung ohne geistigen Benebler, mit klarem Kopf. Ich erzählte ihm von meiner früheren, letzten Schlittenfahrt, als ich mit einer Schulfreundin mit dem Untersatz zusammenbrach. Meine vorerst letzte Schlittenfahrt  Das war am Feuerwehrberg. "Dann lass' uns mal dort anfangen," freute sich Frank.

Als wir dort ankamen, sahen wir die aus Feldsteinen gemauerte Treppe, die heute den Hang hinunterführt. Daneben aber hatten sich Kinder eine Rodelpiste gefahren. Und so konnte ich als Erster an den Start gehen.

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Als ich mit ziemlicher Geschwindigkeit unten ankam, flog ich diesmal nicht über einen Stucks, sondern der Schlitten bohrte sich in einen hohen, aufgefahrenen Schneehügel. Plauts, lag ich daneben!!

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Frank hatte mehr Glück und meinte spöttisch zu mir: "Mir scheint, Du hast das Lenken verlernt." Dazu erwiderte ich gar nichts.

Wir zogen weiter über die Neuländer, hoch über Stadtsee und Großen Lychensee bis in die Nähe des Strandbades, denn ich wusste, dort kann man auch schön absausen. Diesmal hatte ich den Camcorder zu bedienen und nahm Franks Abfahrt auf.

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Wahrscheinlich vergaß er diesmal das Lenken, landete unten an einer Bordsteinkante und kippte in voller Länge um.

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Ich verzichtete auf diesem Hang, denn wir hatten genug vom Rodeln.

Es hat Spaß gemacht, und unter dem Schlitten sind die Kufen wieder blank. Mal sehen, wie der nächste Winter wird. 

von anais - veröffentlicht in: Lychener Stammtisch-Geschichten - Community: Natur und Wissenschaft
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Wednesday, 5. january 2011 3 05 /01 /Jan. /2011 10:54

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Es ist noch nicht allzu lange her, da bekam ich Besuch von einem Bekannten, der sich als Putzteufel perfektioniert hat. Hier in Lychen machte er die Bekanntschaft mit einer netten jungen Dame, die in dem nahe gelegenen, kleinen Dorf Türkshof ein schmuckes Häuschen ihr eigen nennt. Und so fragte der Putzteufel im Laufe der Unterhaltung, ob es nicht bei ihr etwas zu putzen gäbe, z. B. Fenster, Fußböden usw. "Oh, ja," meinte sie, "davon habe ich in meinem Anwesen genug. Da können wir ins Geschäft kommen."

Der Putzteufel war begeistert und animierte mich, die Dame so bald wie möglich zwecks Rücksprache zu besuchen. Allerdings hatte er nicht ihre Adresse, und der Zettel mit der Telefonnummer war ebenfalls verschwunden. "Na," sagte ich, "Macht nichts. Ich rufe mal meine Freundin Eva in Türkshof an. Sie weiß bestimmt, wo die junge Frau dort wohnt. Vielleicht gibt uns Eva noch ein paar zusätzliche Informationen."

Also griff ich zum Telefon und rief Eva an. Sie freute sich sehr. Als wir aber mit unserer Frage rausrückten, wurde sie etwas skeptisch und riet uns von diesem Putzjob ab, weil dort die pünkliche Bezahlung unsicher wäre. Andere hätten dort schon dererlei Erfahrungen gemacht. "Aber," setzte Eva sogleich hinzu, " unser Nachbar! Der hat hier ein Haus gebaut. Und ich weiß, dass er für die Innenräume eine Putzkraft sucht. Ich werde ihn noch einmal anrufen". Wir versprachen der netten Eva, gleich einmal vorbeizukommen, um auch bei ihr ein Käffchen zu trinken. "Na, dann kommt mal," ermunterte sie uns zum Abschied. 

So setzten wir uns am selben sonnigen Vormittag in meinen Pkw und fuhren bei Eis und Schnee nach Türkshof. Weil ich zuvor noch nicht Gelegenheit hatte, dort einen Besuch abzustatten, suchten wir erst einmal Evas Haus in diesem Örtchen, wo die Straßen und Wege keine Namen haben. Nur die Häuser haben ihre Nummern.

Endlich standen wir vor dem hübschen Fachwerkbau. Eva präsentierte uns die geschmackvolle Innenausstattung, erzählte, ihr Mann wäre zum Angeln gegangen. Dann wies sie durch das Fenster auf das Nachbarhaus. "Das hat ein Berliner gebaut. Es ist jetzt fertig geworden. Aber innen muss noch alles geputzt werden." Da stutzte ich. Kraulte mir das Kinn und fragte ganz kleinlaut: "Der meint doch wohl nicht verputzen. Der will doch wohl die Innenwände verputzt haben, oder?" "Klar," erwiderte Eva, "so habe ich ihn verstanden. Es geht doch ums Verputzen. Das meintest Du doch," blickte sie erschrocken auf meinen Putzteufel. "Nee," rief der entsetzt. Wände verputzen kann ich nicht. Ich kann nur Wohnungen blitzblnk putzen!"

Damit war die Sache erledigt. Und wo die junge, nette Dame wohnt, wollten wir auch nicht mehr wissen. Aber da kam Evas Mann vom Fischfang nach Hause - ohne Fisch.

Auf alle diese Überraschungen tranken wir erst einmal einen großen, heißen Kaffee und mussten über dieses Missverständnis nun endlich mal herzhaft lachen.

von anais - veröffentlicht in: Lychener Stammtisch-Geschichten - Community: Sprechen durch Schreiben
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Wednesday, 22. december 2010 3 22 /12 /Dez. /2010 22:07

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Beim Anblick des herrlichen, weißen Pulverschnees kommt mir immer wieder meine bisher letzte Schlittenfahrt in Erinnerung.

17 oder 18 Jahre alt, jung und unternehmungslustig war ich damals wie meine Freundinnen und Freunde im Ort. 

Für einem schönen Winternachmittag hatten wir uns verabredet. Es war so um die Weihnachtszeit. Einige waren zu den Festtagen nach Hause zu ihren Familien zurückgekehrt, und wir besuchten uns. So beschlossen wir für den gemeinsamen Nachmittag, nach längerer Zeit wieder einmal Rodeln zu gehen. Ich war begeistert, hatte aber so mein Problem. Ich besaß keinen Schlitten mehr. "Na," meinten meine Freunde, "Du hast doch Neffen und eine Nichte! Die werden doch einen Schlitten haben." Klar, sie hatten einen Kinderschlitten aus solidem Holz, wie er damals so üblich war.

So bat ich also meinen zehn Jahre älteren Bruder und Vater der Kinder, mir für einen Nachmittag den Schlitten zu überlassen. "Gut." meinte er. "Aber sei vorsichtig und fahre ihn nicht kaputt!" Natürlich war das auch mein Vorsatz. Wollten wir doch nur ganz bescheiden rodeln in der nächsten Umgebung.

Wir trafen uns am dämmrigen Nachmittag auf dem Kirchplatz. Burkhard hatte besonders lieb an uns alle gedacht. Er brachte eine große Flasche Kirsch-Whisky mit. "Zum Aufwärmen", wie er sagte. So ging die Flasche von Mund zu Mund. Wir plauderten ein bischen. Und als uns so richtig warm wurde, wollten wir losziehen. "Wohin denn", fragten die Mädels. "Na, zum Feuerwehrberg am Kienofen," schlug ich vor. Alle waren einverstanden. Auf dem Weg machte das Fläschchen immer wieder seine Runden. Wir wurden immer ausgelassener.

Wir hatten nur drei Schlitten, waren aber drei Jungs und drei Mädels. So entschied sich Brigitte für mich und meiner Neffen Schlitten. Schließlich kamen wir am Feuerwehrberg an. Die Piste war zwar nicht lang, dafür aber sehr abschüssig. Fast am Ende hatte sie einen jähen Absatz, einen Stucks, wie das bei uns hieß. Die ersten schossen bereits johlend den Hang hinunter.

Ich nahm Brigitte vorn auf den Schlitten zwischen meine Beine. "Wenn das mal gut geht," lachte sie im leichten Rausch. Wir stießen ab und sausten mit rasender Geschwindigkeit hinab. Da kam der Stucks!  In hohem Bogen flogen wir beide ein paar Meter durch die Luft, landeten und krach, brach der Schlitten unter unseren Hintern mitten durch. "Weshalb musstet Ihr auch über den Huckel sausen," lachten schadenfreudig die anderen. "Etwas weiter seitlich rechts hättet Ihr - wie wir . den Stucks umfahren können." Tja, da war es aber zu spät mit dem guten Rat.

Sofort am nächsten Tag kaufte ich schnell am Vormittag einen neuen, gleichen Schlitten und stellte ihn in den Holzstall meines Bruders. Erst später offenbarte ich ihnen diese Geschichte und erntete - ein Kopfschütteln. 

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Thursday, 16. december 2010 4 16 /12 /Dez. /2010 16:32

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Es ist schon eine ganze Weile her, da habe ich meine Bank gewechselt. Lange Jahre treuer Kunde der Sparkasse, hatte ich mich in den Jahren nach der Wende immer wieder über die hohen Kontoführungsgebühren geärgert. "Was muss ich noch für das Konto bezahlen, wenn alles elektronisch abgewickelt wird und die Bank dazu noch mit meinen Einlagen arbeitet", fragte ich mich. Außerdem wurde mir einmal der Dispokredit um die Hälfte gekürzt, obwohl ich über ein gesichertes Einkommen verfüge. Nur nach Verhandlung mit dem Sparkassenangestellten erhielt ich wieder den Dispo in ursprüglicher Höhe. Aber das war nicht das Ärgste. Vielmehr waren es immer wieder die Kontoführungsgebühren.

Da erhielt ich eines Tages ein Angebot von einer renommierten Internet-Bank mit gebührenfreier Kontoführung. "Na," dachte ich so bei mir, "Das ist viel bequemer vom PC von zu Hause aus". Gedacht, getan. So richtete ich mir ein Internetbanking-Konto ein. Brauchte ich Bargeld, so konnte ich es mit der Visacard ohne Gebühren am Automaten abheben. Die Gebühren übernimmt meine Internetbank. Also war ich rundum zufrieden und sparte noch Geld ein im Vergleich zu früher. Allerdings geht das Abheben vom Geldautomaten unserer Sparkasse nur bis zu einer Höhe von 50,- Euro. Das reichte mir einmal in der Woche bei meiner bescheidenen Lebensführung. Zudem kann ich doch überall in Supermärkten mit der EC-Karte bezahlen. So lebte ich fröhlich ohne Geldsorgen , bis ich eines Tages meine Autoreparatur und den TÜV zu bezahlen hatte. Das war im warmen Wonnemonat August. Mein freundlicher Kfz-Mechaniker wollte das Geld cash haben, immerhin 650,- Euro. Und das war noch billig.

Abends schlenderte ich über den Marktplatz zum Geldautomaten der Sparkasse. Die Straßen waren fast leer. Kaum eine Menschenseele zu sehen. Mit der Visacard probierte ich mal 200,- Euro. Das ging nicht! Also wählte ich wieder 50,- Euro. Die gab er mir mehrere Male hintereinander. "Oh," freute ich mich. "Da nehme ich mal immer wieder 50,-Euro runter, solange er sie mir gibt. Es wartet ja niemand hinter mir". Das klappte insgesamt 13 Mal! Gedanken darüber, was die Angestellten bei Neufüllung des Automaten am anderen Tag gedacht haben, machte ich mir natürlich nicht.

Am nächsten Tag bezahlte ich schmunzelnd die Reparaturkosten mit 50,-Euro-Scheinen, und mein Kfz-Mechaniker nahm sie lachend.

Einige Tage später war der Geldautomat der Sparkasse für meine Karte gesperrt! Ich versuchte es beim Konkurrenten in unserem Städtchen, der Volksbank. Da war die Karte ebenfalls gesperrt. "Ei", dachte ich so bei mir, "Wie gut die doch in solchen Dingen kooperieren!"

Ich meldete mich am Schalter der Sparkasse und fragte, weshalb ich denn kein Geld mit der Visacard abheben könnte. "Das können Sie bei uns mit dieser Karte nicht mehr", bekam ich als Antwort.

Wohl aber ging es mit der EC-Karte bei einer Gebühr von 5,- Euro. Bedeppert tat ich das auch in meiner Dummheit. Draußen fiel mir ein: "Du musst zu dem Geldautomaten Deiner Internetbank an der Tankstelle in Templin in Zukunft fahren." 

So änderte ich meine Haushaltsführung, nutze die sowieso notwendigen Einkäufe in Templin ab und an und hole mir eben dort mein Bargeld in beliebiger Höhe. Und meine liebe, alte Sparkasse bekommt nun für meine Visacard keine Gebühren mehr von der Internet-Bank.

So haben wir uns gegenseitig ausgetrickst. 

von anais - veröffentlicht in: Lychener Stammtisch-Geschichten - Community: Sprechen durch Schreiben
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Thursday, 9. december 2010 4 09 /12 /Dez. /2010 12:49

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Dunkles Dezemberwetter lag über Lychen. Dichte, schwarze Wolkenwände zogen vom westlichen Horizont auf, obwohl fast Windstille herrschte. Am fühen Nachmittag färbte lichtes Grau den Himmel etwas heller. Es hatte schon etwas geschneit. 

Mich packte wieder die Lust, nach etwas Neuem, noch Unbekanntem suchend durch den Wald zu streifen. Wusste ich doch, dass unter den mir bisher bekannten Pilzen immer noch mindestens einer fehlte: der Frostschneckling. In den Büchern hatte ich bereits emsig nachgeschaut. In Kiefernwäldern sollte er nicht selten zu finden sein. So entschied ich mich für eine hinter dem Dorf Rutenberg gelegene, nach dem Willen der Natur frei von Menschenhand gewachsene Waldfläche, die bis nach Mecklenburg-Strelitz hinein für ihre Herbstpilze bekannt ist und viel besucht wird.

Mit Korb, Taschenmesser, Fotoapparat und Armbanduhr bewaffnet, setzte ich mich in meinen kleinen, silbergrauen Ford-Fiesta und nahm die kürzeste, aber holprige Strecke, die Rutenberger Landstraße. Hinter dem Dorfausgang in Richtung Hasselförde, schon auf dem Waldweg, lief mir eine junge, dicht eingemummelte Familie voraus. Bei all' der Kälte wagten sie einen Spaziergang. Sie wechselten hinüber auf den rechts nach Beenz abbiegenden Weg. Vor mir war meine Strecke wieder frei. So an die 500 Meter fuhr ich weiter und stellte das Fahrzeug am Waldesrand ab. Von Rutenberg aus betrachtet ist dies wohl der westliche Rand der ausgedehnten, mit wild wachsenden Kiefern und grauem Rentiermoos bewachsenen Fläche. Ich nahm meinen eigenen Weg quer durch das Gelände in Richtung Nordosten, wo wohl weit in der Ferne das Dorf Beenz lag. Aus früherer Erfahrung wusste ich nur allzu gut, wie tückisch dieses Gelände ist, weil es jede Orientierung schwierig werden lässt. Vorsichtshalber und etwas wehmütig schaute ich noch einmal zu meinem silbergrau weit hinten noch blinkenden PKw zurück, als wäre es ein Abschied für immer. 

Von jetzt ab konzentrierte ich meinen Blick auf den bemoosten Erdboden, fand hier und dort den Grauen Erdritterling, gelbe, mir noch unbekannte Trichterpilze standen in Gruppen. Viele schwarz Verfärbte zeugten vom eigentlichen Ende der Pilzzeit. Aber eigentlich sollte es ja kein Ende der Pilzzeit geben!

So lief ich denn immer schneller und ungeduldiger von einer Lichtung zur anderen, um doch wohl noch den Frostschneckling zu entdecken. Ich kletterte über umgefallenen Bäume, schaute unter Reisighaufen. Nirgendwo auch nur der kleinste Schneckling. Ich hielt inne, schaute um mich und zum grauen Himmel hinauf. Kiefern, Moos, Geäst und leichte Dämmerung überall, wohin ich blickte. Langsam begann mein Herz zu klopfen, weil ich die herannahende Dunkelheit ahnte. Ein Geräusch ließ mich aufhorchen. Sollte es ein Vogelruf gewesen sein, oder war es das keckernde Lachen meiner Trolle? Irritiert sagte ich mir: "Gehe zurück! Es ist zwecklos. Hier findest Du den Frostschneckling nicht."

In gerader Richtung lief ich meinem vermeindlichen Waldende entgegen, stolperte ab und zu, musste hin und wieder zickzack laufen. Der Wald schien kein Ende zu nehmen. Da tauchte im Hintergrund eine Fichtenschonung auf. "War denn da am Weg, wo ich das Auto abgestellt hatte, eine Fichtenschonung?" Voller Hoffnung eilte ich zu den Fichten und stand - ich traute meinen Augen nicht - an der alten Beenzer Waldstraße am entgegengesetzten Ende! Ich war mir sicher, denn ich sah das uralte Kopfsteinpflaster. Also schnell wieder zurück in die andere Richtung. Am dämmrigen Firmament erkannte ich nicht mehr, wo die Himmelsrichtungen waren. Ich musste doch nach Südwesten!! Wieder lief ich voller Unruhe drauflos und stand nach einer mir unendlich lange scheinenden Hast - oh Schreck! - wieder an den alten Pflastersteinen. Jetzt reichte es mir. Ich setzte mich auf einen Baumstamm und wusste weder ein noch aus. Schummrig und unheimlich wurde es in meinem verhexten Wald. Auf einmal war mir so, als hörte ich ein Trampeln und Keuchen. Hoffnung kam in mir auf. Vielleicht würden sich die Trolle meiner erbarmen. Auf dem Waldweg erschien jedoch eine junge, sportliche Frau mit einem großen Hund, einem stattlichen Labrador. Der freute sich und sprang an mir hoch, dass ich fast umkippte. Seine Herrin zog ihn zurück und redete erst einmal erzieherisch auf ihn ein. "Die Labradors sind immer so zutraulich. Entschuldigen sie bitte," schaute sie mich mit fragendem Blick an. "Was machen Sie denn hier in der Dunkelheit? Haben Sie noch Pilze gesucht und auch welche gefunden?" "Das war meine Absicht," entgegnete ich, "und jetzt habe ich mich total verlaufen. Mein Auto steht an der Waldstraße in Richtung Hasselförde. Wie komme ich da bloß wieder hin?" "Oh", meinte die junge Frau, "Sie müssen jetzt diesen Weg in Blickrichtung entlang laufen. Nach einiger Zeit sehen Sie links im Grund den Rednitz-See liegen. Eben dort zweigt nach rechts ein Waldweg ab. Den gehen Sie bis zum Ende. Dann kommen Sie an den Ortseingang von Rutenberg." 

Mittlerweile hatte ich erkannt, dass es die Besitzerin des schönen "Rosalienhofes", eines feinen Cafés, in Beenz war. Ich bedankte mich überschwenglich vor Freude, bestellte noch schöne Grüße an ihre Mutter, die ich vom Historienstammtisch her kannte. Die ganze Familie ist nämlich ein altes Beenzer Geschlecht, dass schon im 16. Jahrhundert erwähnt wird und immer diese Gaststätte hatte. Sie lächelte, fand mich etwas bedauernswert, und wir gingen unsere Wege.

Jetzt hatte ich wieder ein Ziel! Und schon summte ich das alte FDJ-Lied "Du hast ja ein Ziel vor den Augen, damit du in der Welt dich nicht irrst..." Bald schimmerte der Rednitz-See aus dem Untergrund hervor. Und da war auch schon der Rutenberger Weg. "Wenn ich ihn bis zum Ende gehe, bin ich wieder viel zu weit vom Auto entfernt," überdachte ich meine Lage so gegen 17.00 Uhr. "Es bleibt Dir nichts anderes übrig. Du musst wieder eine Abkürzung durch den Wald nehmen. Un zwar ab hier und ganz gerade durchlaufen!" Gedacht, getan.

Diese Entscheidung erwies sich allerdings als ein noch schlimmeres Abenteuer. Überall lagen Fichtenstämme, die mir den Weg durch hohes, trockenes Gras erschwerten. Ich beschleunigte mein Tempo und - hops, hallo - stolperte ich, sprang und rannte so schnell wie nie zuvor, um nicht zu fallen. Nach ungefähr fünf Minuten schaute ich in meinen Korb. Er war leer. Und der Fotoapparat war weg, auf Nimmerwiedersehen verloren! Das brachte mich in höchste Verzweiflung. "Den findest Du da hinten nicht mehr in dem hohen Gras." Ich lief zurück. Da hörte ich wieder das keckernde Lachen, das mir diesmal nur allzu vertraut vorkam. Mein kleiner Trollfreund Pück richtete sich aus dem Gras empor und zeigte auf meine Fototasche. Dann keckerte er fröhlich voller Schadenfreude und verschwand.

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Noch einmal dankte ich der netten Dame vom Rosalienhof, dem kleinen Pück und dem unendlichen Universum, die mich nicht im Stich gelassen hatten. So gelangte ich endlich an meinen gesuchten Weg. Aus dem Dunkel heraus leuchtete der silbergraue Ford-Fiesta - allerdings aus 300 Metern Entfernung. Kein eigenes Foto habe ich vor Aufregung geschossen. Nur Pück muss sich wohl selbst fotografiert haben, dieser Schlingel!

von anais - veröffentlicht in: Lychener Stammtisch-Geschichten - Community: Sprechen durch Schreiben
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