Lychener Stammtisch-Geschichten

Thursday, 25. november 2010 4 25 /11 /Nov. /2010 17:16

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Im "Haus Vogelsang", heute eine attraktive Kultureinrichtung des Berliner Vereins Öko-Stadt in unserem Lychen, ging es in früheren Zeiten nicht so kulturvoll zu. Zwar war dort alles ökologisch und bio, allerdings nicht so ganz rein. Das Haus gehörte zu DDR-Zeiten dem schon recht betagten Schwesternpaar Stein. Beide waren unverheiratet. Eine der zwei Schwestern hatte zwei Söhne, die aber bald aus dem Haus gingen und in andere Orte zogen.

So wirtschafteten die zwei Damen wie kleine Ackerbürgerinnen allein so für sich hin. Sie hielten sich Hühner und mehrere Milchziegen auf dem Hinterhof. Die Ziegen hatten ihren Stall, bekamen ihr Futter und Stroh als Streu. Um die häusliche Viehwirtschaft kümmerte sich nur die eine Schwester, die die andere bald überleben sollte.

Die schwere Arbeit im Ziegenstall war für sie zu mühsam und so verzichtete sie auf das Ausmisten, vielleicht auch mit dem Gedanken: "Dung kann nicht schaden, weil er wärmt". Das hatte zur Folge, dass böse Zungen in der Stadt behaupteten, die Ziegen ständen im Stall schon so hoch, dass sie aus dem Dach rausguckten. Mag sein, ich habe es nicht gesehen.

Die über 80 Jahre alte Schwester wohnte in der oberen Etage des großen Vorderhauses in ihrer Mehrzimmerwohnung und hatte sich im Laufe der Zeit so sehr eingemüllt, dass dort einfach kein Durchkommen mehr war. In den 1960er Jahren geschah es nun, dass dringend die Fenster in ihrer Wohnstube repariert werden mussten. Frau Stein bestellte sich den hilfsbereiten, kräftigen "roten Peter", so genannnt wegen seines rotblonden Haares, zu sich. Peter nahm diese Arbeit gerne an. Er war aber auch kein Kostverächter und führte deshalb oft den guten Schluck mit sich herum.

In gehobener Stimmung traf er bei Frau Stein ein und siehe da! Er kam nicht an die Fenster heran. So begann er zu schimpfen, und es kam zum Streit. Frau Stein machte ihm mit seiner Hilfe Platz, und er reparierte die Fenster. Ab und zu machte er seine Pause und genehmigte sich ein Schlückchen vom Lebenselexier.

Als dann Feierabend an diesem Sommertag war, stieg er die Treppe hinunter und ging zum Stall. Er band eine Ziege los und zog sie am Strick auf die Vogelgesangstraße. Die Ziege ließ sich mit etwas Gemecker willig führen. Peter brachte sie auf den Marktplatz und band sie an einer Linde vor dem Rathaus fest. Da stand nun das arme Vieh und meckerte und meckerte, bis sich ein Lychener ihrer erbarmte, sie losband und zu Frau Stein zurückbrachte. Denn er wusste, Ziegen hielt sich zu der Zeit nur noch Frau Stein.

Siehe auch: Link Brennesseln am Po, oh!

 

 

von anais - veröffentlicht in: Lychener Stammtisch-Geschichten - Community: Sprechen durch Schreiben
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Thursday, 18. november 2010 4 18 /11 /Nov. /2010 15:41

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In den 1960er Jahren lebten die Lychener Familien zum großen Teil, wie zuvor die Ackerbürger, von ihrer Eigenversorgung. Sie bauten in ihren Gärten Gemüse und Obst an und hielten sich Schweine, Ziegen, Schafe, Kaninchen und Geflügel. Bei uns zu Hause war mein Vater für die Kaninchen und meine Mutter für das Federvieh zuständig. So hatten wir jedes Frühjahr junge Kücken und einige junge Enten.

Als ich das letzte Jahr zur "Penne" ging und mich auf das Abitur vorbereiten musste, besorgte sich meine Mutter zwei Güssel in weiser Voraussicht, zu Weihnachten einen feinen Gänsebraten auf den Tisch zu bringen. Das war im Mai. Wir hatten warmes, sonniges Wetter und eine grüne Wiese am See. Dort erledigte ich meistens meine Schulaufgaben.

Eines schönen Nachmittags setzte meine Mutter ein kleines Drahtgehege auf den Rasen und meinte zu mir: "Wenn Du hier unten bist, kannst Du auf die jungen Gänse aufpassen, damit sie nicht von fremden Katzen gefressen oder von Raubvögeln gegriffen werden!" Wie sie gesagt, so ich getan. Jeden Nachmitag, so gegen 14.00 Uhr, wenn wir gegessen hatten, sammelte ich die zwei Güssel in den Korb und trug sie zu ihrem Gehege. So ging das bis in den Hochsommer hinein. Mittlerweile brauchte ich sie nicht mehr zu tragen. Ich öffnete die Stalltür, und mit weit geöffneten Flügeln, laut schreiend liefen sie freudig auf mich zu. Wir hatten schon Sommerferien von Juli bis Ende August.

Jetzt setzte ich mich nicht mehr zum Lernen auf die Wiese, sondern nahm meine blaue Luftmatratze auf den Kopf und marschierte den Gartenweg hinunter zum Bootssteg. Ganter und Gans, Hans und Grete, watschelten schnatternd hinter mir her zum See. Ich warf - wie immer - die Luftmatratze auf das Wasser, sprang hinein und legte mich drauf. Die Gänse breiteten gleichzeitig ihre Schwingen aus, hoben ab und landeten neben mir, die eine links, die andere rechts. Also hatte ich eine Gänseeskorte! So schwammen wir drei über den Stadtsee bis hin zum Floßholz, wo ich mich mit anderen Freunden zum Baden traf.

Dort hockten wir auf den Stämmen, plauderten und übten uns im Kopfsprung. Mein Gänsepaar hatte zwischen den Hölzern eine freie Wasserfläche entdeckt, die voller Entengrütze war. Dort schnabulierten sie nach Herzenslust und ließen es sich gut ergehen. Brav, wie zwei treue Hunde, eskortierten sie mich wieder, wenn ich zum Ufer zurück schwamm.

Das beobachteten die Nachbarn.

Das Uhrmacherehepaar Duckwitz, ein paar Häuser weiter, erzählte meiner Mutter: "Jeden Nachmittag um halb Drei setzen wir uns auf unsere Bank am See und schauen zu, wie Ihr Sohn mit den Gänsen schwimmen geht. So etwas haben wir ja noch nie gesehen!" So haben Hans und Grete uns allen Freude bereitet - fast allen. Unsere alte Mitbewohnerin, Tante Heidler, traute sich nie auf das Plumsklo auf dem Hof, wenn die Gänse dort waren. Der Ganter packte sie sofort an den Rock. Aber zum Glück hatte sie Zeit für ihr Geschäft, wenn wir auf dem See waren.

Fazit: Vom weihnachtlichen Gänsebraten habe ich kein Stück gegessen!!!

Siehe dazu auch das lustige Gedicht "Fischers Gänse", das auf Wahrheit beruht: Meine Gedichte 

 

von anais - veröffentlicht in: Lychener Stammtisch-Geschichten - Community: Sprechen durch Schreiben
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Thursday, 11. november 2010 4 11 /11 /Nov. /2010 10:58

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Im März des Jahres 1807 trafen in Lychen durch das Stargarder Tor kommend drei französische Ärzte ein. Ein Aquarell, um 1860 . Sie kamen von einer Armee aus Polen und waren zu einem anderen Corps versetzt.

Der am Stargarder Tor wachhabende Einwohner Köppen - ein berüchtigter Wilddieb - brachte die Ankommenden zum Bürgermeister. Bei dieser Gelegenheit bemerkte er das schwere Felleisen, das jene bei sich hatten. Er glaubte, dass sich Geld und Wertsachen darin befänden. Sofort eilte Köppen noch am selben Tage nach Himmelpfort und beredete die Gebrüder Glamann - auch berüchtigte Wilddiebe - die drei Ärzte in der Heide hinterrücks zu ermorden und zu berauben. Der Knecht des Mühlenmeisters Hoffschild, der die Ärzte nach Zehdenick bringen sollte, wurde in den Plan eingeweiht.

Der Augenblick nahte! Sobald er in den Wald kam, bog er von der Landstraße ab und fuhr in das Dickicht, wo Köppen und Glamann standen. Hier erst erfuhr der jüngste Glamann, worauf es abgesehen war. Ehe er es hindern konnte, schossen die beiden anderen zwei Ärzte tot.

Nun sollte es auch über den Dritten hergehen. Allein der jüngste Glamann erklärte: "Wer diesen dritten Arzt auch totschießt, dem werde ich selbst die Kugel durch den Kopf jagen. So wurde dieser Arzt gerettet.

Statt des Geldes und der Wertsachen aber fanden die Räuber nur chirurgische Instrumente in dem Kasten.

Der Müllerknecht kehrte mit dem Blut besudelten Wagen nach Lychen zurück und sagte aus, dass er vom Schillschen Corps angefallen und die Franzosen erschossen wären.

Dieser Aussage maßen die Franzosen keinen Glauben bei. Der Knecht sollte darauf festgenomen werden.. Er entfloh aber.

Bürgermeister Loos fürchtete, dass, wenn diese Angelegenheit nicht aufgeklärt würde, die Stadt es schwer werde büßen müssen. Er beschloss, alles zu tun, um die Schuldigen ausfindig zu machen.

Da Köppen geäußert hatte, dass er schnell zu Glamann nach Himmelpfort gehen müsse, kam man auf die Spur der Mörder. Der Bürgermeister fuhr mit dem Gendarmen Herm nach Bredereiche, wo inzwischen der gerettete Franzose auch angekommen war. Sofort wurden die Täter Glamann verhaftet. Aber der älteste Glamann entsprang und entkam.

Auf dem Rathaus in Lychen fand alsdann das Standgericht statt. Dem Stadtrichter Schulze wurde die Verteidigung der Verbrecher übertragen. Das Urteil lautete auf Todesstrafe.

Der jüngste Glamann sowie Köppen wurden standrechtlich erschossen auf dem Angelberg. Es soll an der Stelle gewesen sein, wo die Franzoseneiche heute noch steht.

 

(Aufgeschrieben vom Lychener Stadtchronisten Eberhard Kaulich).

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Thursday, 4. november 2010 4 04 /11 /Nov. /2010 08:16

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In den Nachkriegsjahren - so um 1947/48 - gingen die älteren Damen noch nicht so modern gekleidet mit Hosen oder Röcken bis kurz unterm Knie durch die Lychener Straßen wie heute. Damals trugen die 70- bis 80jährigen dunkle, lange Röcke, die bis auf die Fußspitzen reichten. Auch die Unterwäsche war weiter und offener und deshalb sicherlich bequemer.

Ich erinnere mich, dass meine Mutter mich eines Tages am späten Vormittag an die Hand nahm und sagte: "Komm' mal mit mir mit! Wir wollen in der Fürstenberger Straße Lebensmittel einkaufen. Zuvor will ich uns mal bei Frau Becker an der Ecke für die Wäscherolle anmelden."

So liefen wir also Hand in Hand unsere Vogelgesangstraße entlang, am "Berliner Hof" vorbei. Die Straße war fast menschenleer. Plötzlich blieb meine Mutter stehen, guckte nach vorn und meinte mit großem Mitgefühl und aus vollem Herzen zu mir: "Nun sieh' doch! Ach, die arme alte Diesner mit ihrem langen, schweren Rock! Da steht sie mit einem Bein auf dem Fahrdamm und mit dem anderen auf dem Bürgersteig über der Regenrinne. Sie kommt wohl nicht hoch auf den Bürgersteig. Komm' mal etwas schneller! Wir wollen der alten Frau helfen."

Wir liefen etwas schneller. Frau Diesner sah uns nicht, denn sie stand unbeholfen mit dem Gesicht von uns abgewandt. Wir waren fast bei ihr, stieg sie auf einmal flink auf den Bürgersteig, schüttelte ordentlich den langen Rock und lief vor uns weiter die Straße entlang. Als wir an den Rinnsteig kamen, wo sie zuvor so in sich versunken verharrt hatte, sahen wir eine breite Wasserlache, die langsam am Rand des Bürgersteigs entlang lief.

"Na so was," rief meine Mutter erstaunt aus. "Gucke mal, was die Diesner hier gemacht hat!" Und ich fragte - aber nur zur Bestätigung: "Na, was hat 'se denn gemacht, Mama?"

von anais - veröffentlicht in: Lychener Stammtisch-Geschichten - Community: Sprechen durch Schreiben
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Wednesday, 27. october 2010 3 27 /10 /Okt. /2010 16:55

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In der Neuzeit gab es in Lychen mindestens zwei beachtliche Vorfälle:

Der erste Raub:

Am 15. 2. 1997 wurde die Lychener Filiale der Sparkasse Uckermark durch drei bewaffnete Bankräuber überfallen. Die Angestellten werden diesen Tag nicht so schnell vergessen. Eine Angestellte im Ruhestand erinnerte sich nach der Tat: "Wir hatten bereits die Türen zugeschlossen. Das muss so gegen 20 nach sechs gewesen sein. Plötzlich stürzten drei Männer, recht klein, mit Gesichtsmasken und Integralhelm bewaffnet, je eine Pistole in der Hand, in den Schalterraum und forderten energisch: 'Geld! Geld!' Es ging so blitzschnell. Alarm konnte keiner mehr geben."

Vermutlich waren die Täter durch ein Fenster eingestiegen und auch später so geflüchtet. Alles dauerte nicht länger als 10 Minuten. Die Mitarbeiterinnen der Filiale mussten den Geldschrank öffnen. Darin befanden sich Kassetten für den Geldautomaten. Dann sperrten die Gangster die Frauen in die Damentoilette ein (wenigstens hier haben sie Rücksicht auf das Geschlecht genommen). "Wir haben eine halbe Stunde lang Klopfzeichen gegeben", erzählte die Zeugin. Dann kam "dein Freund und Helfer", die Polizei, und befreite die Frauen. Es wurde eine sechstellige Summe geraubt.

Der zweite Raub:

Auch in der Rubrik "dümmste Gangster" können wir mithalten.

Das Lychener Postamt, 1908 in der jetzigen Berliner Straße gebaut, wurde am 26. 8. 2003 durch die Post geschlossen. Vor dem Krieg hatte Lychen zwei Postämter. Nach der Schließung übernahm der "Quelleshop" am Markt den Postbetrieb ab dem 27. 8. 2003.

Trotzdem steht im Polizeibericht vom 4. 9. 2003: "Die Einbrecher hebelten das Gitter auf, schlugen mehrere Türen ein und standen schließlich nur vor leeren Schränken. Der verursachte Sachschaden war allerdings erheblich. Er wurde auf 1000 Euro geschätzt." Gesprochen wird hier von dem alten Postgebäude. Also, Zeitunglesen hätte den Einbrechern viel Arbeit erspart!

(Aufgeschrieben vom Stadtchronisten Eberhard Kaulich. Personennamen wurden von mir entfernt).

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