Thursday, 28. january 2010
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Als Richard Ambellans Gärtnerei am Fürstenberger Tor in den 6oer
Jahren in voller Blüte stand und der fleißige Gärtner in warmen, regenreichen Sommermonaten Mühe hatte, über das schnell wachsende Unkraut Herr zu werden, kam ihm ganz gelegen, dass die zwei
älteren Schwestern Stein aus der Vogelgesangstraße öfters mal mit ihrem kleinen Handwagen und einem Sack zum Futtersuchen für ihre Ziegen bei ihm auftauchten. Sie schnitten Melde, Löwenzahn,
Knopfkraut - bei uns Franzosenkraut genannt - und Gras solange, bis der Sack gestopft voll war. Das war Richard Ambellan ganz recht so. Allerdings ärgerte er sich jedesmal, wenn die beiden
Schwestern - manchmal kam auch nur eine allein - vor der Futtersuche erst einmal auf das hölzerne Plumsklo gingen, um sich von drückender Last zu befreien. Immer wieder überlegte er, ob er sie mal
darauf ansprechen sollte. Aber so richtig traute er sich nicht. Eine Unterhaltung über dieses Thema schien ihm doch zu fatal. So überlegte er hin und her. An originellen Einfällen mangelte es ihm
eigentlich nie. Und dann kam ihm die rettende Idee: Er suchte sehr zeitig am frühen Morgen, als er wusste: "heute kommen sie wieder!" eine lange Holzstange und genügend festes Band. Dann lief er an
den Rand der Gärtnerei, wo am Hang üppig kräftige Brennesseln wuchsen. Davon schnitt er ein ordentliches Bündel und befestigte es mit kräftiger Hand an der Stangenspitze gleich hinter dem hölzernen
Plumsklo. Er öffnete schon ein wenig die Entleerungsklappe unten an der Hinterfront des Häuschens. Nun wartete er ab. Und bald erschien eine Schwester allein mit ihrem Handwagen, stellte ihn
schnell ab und lief schnurstracks auf das stille Örtchen zu, öffnete die unverriegelte Tür und schloss sie wieder. Zwei Minuten reichten Richard Ambellan, um die Entleerungsklappe ganz leise
herunter zu klappen. Dann schob er die Stange mit dem Brennesselbüschel hinein und wedelte ordentlich damit hin und her. Aus dem Klo ertönte ein schmerzhaftes "Au!", "Huch!" und "Oh!" Die
Brennesseln waren wohl von bester Güte, denn es war ein warmer, trockener Vormittag. Hätte es zuvor geregnet, hätte er weniger Erfolg gehabt. Richard Ambellan lief schnell weg und ließ sich nicht
sehen. Beide Seiten bewahrten diskretes Stillschweigen.
Siehe auch die Seite "Richard Ambellan - Gärtner mit Witz und Humor".
von anais
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veröffentlicht in: Lychener Stammtisch-Geschichten
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Thursday, 21. january 2010
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08:37
Das Städtchen Lychen hatte in den 60er Jahren zu DDR-Zeiten so etwas ähnliches erlebt, wie die Geschichte vom "Hauptmann von Köpenick". Dass sich das
merkwürdige Ereignis wirklich zugetragen hat, bezeugen alteingesessene Stammtischteilnehmer.
"Der Hauptmann vom Marx-Engels-Platz"
Eines Tages hupt eine große schwarze Limosine vom Typ "Wolga" laut auf dem Marktplatz und hält vor dem Rathaus. Die schwere Tür des ehrwürdigen Gebäudes passiert ein elegant
gekleideter Herr mit Aktentasche und dem Parteiabzeichen, dem "Bonbon" am Revers. Zur Pförtnerin sagt er kurz: "Melden Sie mich bitte dem Bürgermeister! Ich komme vom Staatsrat der DDR aus
Berlin." Schnell verbreitet sich die Nachricht, ein führender Genosse, Mitarbeiter von Walter Ulbricht, sei ins Rathaus gekommen. Diensteifrig erscheint der Bürgermeister und vernimmt die überaus
wichtige Nachricht: "Dem Staatsrat und Genossen Walter Ulbricht persönlich ist zu Ohren gekommen, dass alte verdiente Kommunisten, Genossen der Kampfzeit, vielerorts nicht genügend geachtet
werden. Mein Auftrag lautet: Der Staatsrat organisiert in allen Gemeinden Kundgebungen, in denen diese Kämpfer ausgezeichnet und materiell beschenkt werden. Die Ehrung hat in Zusammenarbeit mit
Partei und FDJ zu erfolgen. Materieller Träger sind die jeweiligen Räte der Städte und Gemeinden!"
Im Lychener Rathaus brodelt es. Der Dezernent für Sozialwesen stellt Listen zusammen, die FDJ mobilisiert ihre Jugendchöre. Die Stadtgärtnerei erhält einen großen Kranzauftrag. Der
Bürgermeister bedankt sich beim hohen Gast: "Genosse! Für Lychen ist Ihr Besuch eine große Ehre. Würden Sie die Grüße des Genossen Ulbricht und die anerkennenden Worte für die Veteranen der
Partei nicht am besten in einer außerordentlichen Stadtverordnetenversammlung öffentlich vortragen?"
Der junge Berliner Genosse nickt zustimmend: "Ja, einverstanden. Und alle diese verdienten Kämpfer laden Sie bitte noch zum heutigen Abend ein. Ein Bankett des Staatsrates soll gegeben werden für
diese Besten der Republik im Kurhotel Hohenlychen. Morgen früh dann die Kranzniederlegung vor dem Ehrenmal der sowjetischen Soldaten, verbunden mit der Überreichung der Auszeichnungen und
Geschenke."
Schon während der außerordentlichen Stadtverordnetenversammlung schickt die Stadtgärtnerei ein Dutzend Kränze ins Rathaus.
Abends geht es im Kurhotel Hohenlychen hoch her: Der Gesandte Walter Ulbrichts verkündet: "Das Teuerste ist für unsere alten Kämpfer und Genossen der Garde Thälmanns und Ulbrichts gut genug!
Fahren Sie Sekt auf! Rechnen Sie nicht mit einer Flasche! Und dass dann ein anständiges Abendbrot auf den Tisch kommt - das Beste, was Küche und Keller hergeben für Walter Ulbrichts Gäste!"
Am nächsten Morgen erschallen die Fanfaren der FDJ. Der Pionierchor singt das Spanienlied. Aus der Rathaustür treten der Bürgereister und die Ratsmiglieder und tragen die Kränze mit ernster
Miene vor sich her. Nur einer fehlt - der Genosse aus Berlin! Der Bürgermeister schickt eine Abordnung ins Kurhotel. Doch von dort kommt schon der Objektleiter persönlich: "Wo ist der Genosse vom
Staatsrat? Oder sind Sie, Genosse Bürgermeister, für das gestrige Bankett zuständig?" Dabei hält er die Rechnung in der Hand. "Da ist nämlich etwas passiert, was mich befremdet", meint zögernd
der Hotelier. "Soeben kam ein Anruf aus Gransee. Dort hat ein Genosse vom Staatsrat vorgestern ein Bankett gegeben, leider aber vergessen, den Scheck zur Bezahlung der 2300 Mark dazulassen.
wissen Sie nicht,wo sich der Genosse jetzt befindet?"
Die Lieder der Jungen Pioniere und der FDJ verklangen, keine Rede wurde vor dem Denkmal gehalten, und die Kränze wurden in die Stadtgärtnerei zurück geschickt.
Wenige Tage später fuhren Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit aus der Bezirksstadt an und begannen mit den Ermittlungen. Der hochrangige Genosse aber blieb vorerst unauffindbar. Wo
und wann er geschnappt wurde, ist nicht bekannt. Die Volkspolizei ließ in Lychen die Order verbreiten, dass über die peinliche Geschichte weder gesprochen noch geschrieben werden dürfe. Aber ganz
Lychen lacht noch heute über den "Hauptmann vom Marx-Engels-Platz".
(frei nach einem späteren Zeitungsbericht von Arno Hahnert)
von anais
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veröffentlicht in: Lychener Stammtisch-Geschichten
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Thursday, 14. january 2010
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08:55
So schneereich wie in diesem Jahr waren die Winter in der Nachkriegszeit nach 1945 allemal. Dazu waren sie noch bitterkalt. Die Leute froren und hatten
kaum etwas zum Heizen. Größere Betriebe erhielten Braunkohlelieferungen, die auf freien Plätzen abgeladen wurden. So auch das Lazarett der Roten Armee in den ehemaligen Heilstätten Hohenlychen. Der
Vorplatz am Bahnhof wurde Kohleplatz. Die russischen Soldaten schippten die Kohle von den Waggons auf ein Förderband, und bald türmte sich ein Kohleberg auf. Pfiffige Lychener klauten sich nachts
davon einige Eimer voll, und am Morgen rauchten die Schornsteine auf den anliegenden Häusern. Zu dem Lychener Günter Linke, der als deutscher Zivilangestellter das Heizhaus leitete, sagte dann
morgens der russische Wirtschaftsoffizier mit Blick auf die Zehdenicker Straße: "Schau mal da! Alles meine Kohle!" Kohle klauen war strengstens verboten. Regelmäßig erschien in der Lokalpresse die
warnende Karrikatur eines Männchens mit großen, tiefschwarzen Augen, "Kohlenklau", und die Leser wurden damit zur Wachsamkeit aufgerufen. So hatten Frauen mit großen schwarzen Augen im Ort bald den
Spitznamen "Kohlenklau". Die frierenden Lychener kümmerten sich wenig darum. Auch deutsche Arbeiter aus dem Militärobjekt schleppten bisweilen eine kleine Ladung nach Hause. Richard Nehls z.
B. nahm sich öfters einen Rucksack voll Kohlen mit. "Aber einmal", so erzählte Günter Linke, haben wir ihm aus Schabernack Steine reingelegt." Die Russen hatten selten jemanden erwischt.
Wahrscheinlich hatten sie es darauf auch nicht abgesehen. Sie waren auch zum Tausch bereit. Hans Grätz aus der früheren Lychener Gärtnerei erinnerte sich, dass die Russen eines Abends für das
Gewächshaus Kohlebriketts für das Gewächshaus anfuhren. Um 23.00 Uhr traf der Lkw ein, und der Fahrer rief: "Kamerad! Kohle! Schnell, schnell!" Und Hans Grätz erwiderte: "Ja, kommt mal noch mal!
Morgen bekommt Ihr dafür Gurken."
So wusch eine Hand die andere. Jedes Jahr holten sich die Russen im Herbst Kartoffeln von der LPG Beenz. Und im Ausbau Giese bei Mechow borgten sie sich aus der kinderreichen Familie
Wegner den Ganter aus. Denn - die Russen hielten im Objekt auch Gänse, hatten aber keinen Ganter. Von Wegners Ganter ließen sie ihre Gänse treten.
Das Lazarett der Roten Armee war lange Zeit ein wichtiger Arbeitgeber für die Lychener. Und so haben einige diese Zeit nicht einmal in schlechter Erinnerung.
von anais
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Saturday, 9. january 2010
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Anfang des vorigen Jahrhunderts hatte Julius Steffen in Lychen einen Pferdeomnibus. Damit fuhr er stets im Trab vom Marktplatz zum Bahnhof und retour, um
die Urlaubsgäste zu befördern. Steffen war von mittelmäßiger Statur mit mächtigem Kopf und einer leuchtenden, kupferroten Nase. Über die Stadt hinaus kannte man ihn, seinen Humor und sein
unersättliches Bedürfnis nach Alkohol.link Er fuhr auch den Leichenwagen. Dabei bemerkte er stets: "Mit Freud'
fahr' ich Dich hin!"
Weil der Hof seines Grundstücks am Marktplatz sehr klein war, musste er einige Wagen nachts draußen auf dem Platz stehen lassen. Vorsichtshalber schloss er diese Wagen jeden Abend fest an. Aber
einmal hatte er es vergessen. Das geschah zudem auch noch in jenem Jahr, als sich alle mit Angst und Schrecken auf den Weltuntergang durch den Halley'schen Kometen vorbereiteten.
Nach einem kräftigen Zechgelage an diesem Abend wollten seine Kumpane gegen Mitternacht den losen Wagen entführen. Als sie jedoch mit dem schweren Gefährt um die Ecke zur abschüssigen
Hospitalstraße biegen wollten, sahen sie plötzlich den Polizeisergeanten Karl Stimm link von unten
den Berg heraufkommen. Vor Schreck ließen sie die Deichsel los und flüchteten eiligst. Der Wagen machte sich selbständig und rollte mit steigender Geschwindigkeit allein die Straße hinunter. Dabei
kam er auf die rechte Seite und zertrümmerte mit der Deichsel die Haustür in der Hospitalstraße 44 (heute Nr. 8) von August Lassahn und eine Stubentür, hinter der ein Schrank stand. Der fiel auf
das Bett der schlafenden Frau Fischer. Mit einem Satz sprang die arme Frau aus dem Bett und rief laut ihrem Mann auf plattdeutsch zu: "Vadder, Vadder! De Komet is doa!"
Und so haben wir heutzutage alle nur den Wunsch: "Mögen wir von solchen "kosmischen" Ereignissen verschont bleiben!
von anais
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veröffentlicht in: Lychener Stammtisch-Geschichten
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Friday, 18. december 2009
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08:51
Als wir uns auf dem Historienstammtisch über die im 13. Jahrhundert aus Feldsteinen erbaute Lychener St.-Johannes-Kirche
unterhielten, kamen wir auf die Pfarrer und Küster zu sprechen, die in dieser mächtigen mitteralterlichen Wehr- und Schutzkirche ihren Dienst verrichteten. Derer waren es viele, soweit die
Aufzeichnungen zurückreichen. Zu den Küstern, auch Kirchendiener genannt, gehörte so um 1955/56 auch Hans Müller, ein kleiner, freundlicher Mann mit Krückstock. An ihn kann ich mich besonders gut
erinnern. Als Schüler der 5. und 6. Klasse nannten wir ihn schlicht und einfach Onkel Hans. In jenen Jahren mussten die drei Kirchenglocken "Glaube", "Liebe" und "Hoffnung" noch mit dem Strick
gezogen werden. Das taten wir Jungen und Mädchen gerne. Der Stärkste durfte die große Glocke "Glaube" ziehen, denn beim Anhalten flogen wir mit dem Strick bis hinauf ans Gebälk. Und - die Glocken
durften nicht nachschlagen. Wenn das mal passierte, meinte Onkel Hans ganz aufgeregt: "Das zieht einen Toten nach sich, wenn die Glocke nachschlägt!" So hatte sich zwischen uns und Onkel Hans
eine richtige Freundschaft entwickelt. Manchmal spielte er mit uns sogar Murmeln auf dem Kirchplatz. Im sonnigen Spätherbst eines jener Jahre heckten wir einen unserer schönsten Kinderstreiche aus.
In den Gärten gab es so viele große Kürbisse wie nie zuvor. Und da kam mir die Idee, Kürbisköpfe zu schnitzen und mit Kerzen zu versehen. Meine Schulkameraden machten sofort begeistert mit. Dann
fragten wir Onkel Hans: "Lässt Du uns mal abends, wenn es dunkel wird, auf den Kirchturm hinauf? Wir wollen dort mal die leuchtenden Kürbisköpfe in den Turmfenstern ausstellen." Onkel Hans war
davon nicht so sehr begeistert. Aber nach langem Bitten und Betteln willigte er ein. Abends gegen acht oder halb neun Uhr stiegen wir die enge Turmtreppe mit drei großen, gruseligen Kürbisköpfen
empor. Zu jener Zeit hatten die Leute kaum Fernsehen zu Hause, und gerne trafen sie sich abends mit den Nachbarn zum Plausch vor der Haustür.
Oben angekommen, zündeten wir die Kerzen an und stellten die drei Kürbisse nach Norden, Osten und Süden in die schmalen Turmfenster. Dann schauten wir voller Spannung und Neugier nach unten in die
unterhalb der Kirche verlaufende lange Vogelgesang- und in die Kirchstraße, wo wir alle wohnten. Es dauerte nicht lange, da zeigten die Älteren mit Händen und Stöcken zum Kirchturm hinaus, liefen
zu Grüppchen zusammen und gestikulierten aufgeregt herum.
Eine dreiviertel Stunde lang genossen wir den Spaß, bis uns Onkel Hans zur Umkehr mahnte. Ich hatte vor dem Abstieg vergessen, mein Kerzenlicht auszupusten. Und so kamen wir an die Eingangspforte.
Dort stand schon eine feine Dame mit elegantem Hut und meinte nur: "Das hat aber ein Nachspiel!"
Und so kam es am folgenden Tag, dass sich unser lieber Onkel Hans vom Pfarrer eine ordentliche Standpauke anhören musste. Und üble Zungen behaupteten sogar, seine kräftige Frau Erna hätte ihn übers
Knie gelegt.
Für uns war das einer der aufregendsten Kinderstreiche - so ähnlich wie in den "Heiden von Kummerow" von Ehm Welk.
von anais
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