Auf den Spuren deutscher Kolonialgeschichte

Veröffentlicht auf von anais

Taipeh-149.JPG

Heute, am Donnerstag, dem 19. Januar 2012, fahren wir vormittags nach Kolonia, dem größten Ort auf Pohnpei. Mit einem Taxi lassen wir uns die wenigen Kilometer hinunterfahren. Es geht immer bergab von unserem Hotel.

Nach einer Viertelstunde sind wir dort und lassen an der Hauptstraße halten. Uns interessieren vor allem die Überreste aus kolonialer Vergangenheit. Dazu muss man wissen, dass die Karolineninseln wie auch Palau früher einmal für kurze Zeit deutsche Kolonie waren.

!898, es gibt auch Angaben für 1899, verkauften die Spanier die Inseln an das deutsche Kaiserreich. Die Spanier hatten das Gebiet seit dem 16 Jahrhundert in ihrem Besitz. Nach dem I. Weltkrieg wurde Mikronesien ab 1918 vom Völkerbund verwaltet, wurde 1920 an Japan übergeben und war von 1947 bis 1979 Treuhandgebiet der USA. !979 wurde die Unabhängigkeit erklärt. Die Inseln Pohnpei ( bis 1990 Ponape), Kosrae, Chuuk und Yap bildeten die Föderierten Staaten von Mikronesien. Somit hat jede Insel ihre eigene lokale Regierung. Die Zentralregierung befindet sich auf Pohnpei, allerdings nicht in Kolonia sondern in Palikir, im Bezirk Sokeh. Wir snd dort wohl vorbei gefahren, haben aber nicht fotografiert.

Karte-Pohnpei-001.JPG

Historisch jedoch war Kolonia der Verwaltungssitz. Zur Zeit der deutschen Kolonialisation lebten ca. 3000 Menschen auf Pohnpei, heute sind es ca. 35000. Verwaltung und Tourismus sind wahrscheinlich die größten Arbeitgeber. Die Deutschen, so wird von Einheimischen erzählt, hätten das Land neu vermessen und mit einer Bodenreform den Privatbesitz an Grund und Boden eingeführt.

Unrühmlich in die Geschichte ist die Niederschlagung des Aufstands der Sokehs 1912 eingegangen. Die Insulaner konnten damals ihre Steuern durch Arbeit abgelten. Beim Straßenbau auf einer Nebeninsel bei Kolonia hatte sich ein junger Sokeh den Befehlen des Aufsehers widersetzt. Dafür wurde er bestraft. Der Unmut eskalierte, denn am folgenden Tag legten alle Beschäftigten die Arbeit nieder und streikten. Der deutsche Bezirkshautmann, sein Sekretär, die Vorarbeiter und vier weitere Personen schritten nach Kolonialmanier ein und wurden schließlich in der Auseinandersetzung von den Sokehs erschossen. Die deutsche Verwaltung ersuchte in Berlin um Hilfe. Nach 40 Tagen trafen Kriegsschiffe des Ostasiengeschwaders und ein Kanonenboot aus Neuguinea ein.

Der Aufstand wurde blutig niedergeschlagen. Viele Sokehs wurden nach Babeldoap verschleppt (zum heutigen Palau gehörig) und hatten Zwangsarbeit in den Phosphat-Minen auf Angaur zu leisten. Erst nach Ankunft der Japaner kehrten die meisten wieder auf ihre Heimatinsel zurück.

Noch in Unkenntnis dieser geschichtlichen Ereignisse suchen wir in Kolonia nach alten Gemäuern und müssen uns durchfragen, denn der Ort ist sehr ausgedehnt und nur locker bebaut.

Taipeh-145.JPG

Taipeh-164.JPG

Taipeh-148.JPG

Zuvor aber wollen wir uns Informationen und Ansichtskarten im Tourismus Center holen. Als wir hineingehen, sitzen dort ein paar junge Männer. Sie scheinen betrunken zu sein. Deshalb geben sie uns nur vage Auskünfte. Wir kaufen Postkarten und laufen kopfschüttend wieder raus.

In einem kleinen Supermarkt kaufen wir Getränke, etwas Obst, Brot und Schnittkäse ein. Mit vollem Beutel geht die Entdeckungstour weiter. Von der langen Hauptstraße  lafen wir auf ein parkartiges Gelände und kommen zur spanischen Mauer, wohl das älteste Relikt.

 Taipeh-146.JPG

Uber Seitenstraßen gelangen wir schließlich zum deutschen Glockenturm (Titelbild) mit einem Gewölbeteil der früheren Kirche. Nicht allzu weit davon entfernt steht ein neues, weißes Gotteshaus. Wir schauen uns ein japanisches Denkmal an und suchen weiter nach dem deutschen Friedhof.

Taipeh-150.JPG

Taipeh-147.JPG

 

Die Ruhestätte liegt ziemlich versteckt hinter einem langen Haus. Vorsichtig betreten wir das Gelände. und wirklich, dort stehen Grabsteine aus der alten Kolonialzeit. Der Größte wurde dem Kaiserlichen Regierungsrat und Vizegouverneur Victor Berg gesetzt, der 1907 auf Pohnpei verstarb.

Wir machen Aufnahmen, lesen die Inschriften und kehren gedankenversunken wieder auf die Straße zurück vorbei an hübschen Häusern und einer Schule.

Taipeh-156.JPG

Taipeh-157.JPG

Taipeh-158.JPG

Die Kinder haben gerade Pause. Übermütige Mädchen sind auf einen Baum geklettert und lachen uns zu.

Taipeh-160.JPG

Von der langen, interessanten Wanderung und der Hitze erschöpft, essen wir zu Mittag in dem "ersten Haus am Platze", nehmen uns ein Taxi und fahren zum The Village Hotel zurück.

Taipeh-162.JPG

Taipeh-159.JPG

Veröffentlicht in Taipeh Mikronesien und Palau

Kommentiere diesen Post

Almuth Sander 03/06/2013 16:29


Hallo Joachim(?)


Ich persoenlich bin nicht mit der Familie Berg verwandt, da es sich hier um eine angeheiratete Frau des Bruders meines Grossvaters handelte. Alles was ich ueber die Familie Berg weiss, ist, dass
ihre Mutter (die Frau von Viktor Berg) eine geborene Kutzner war, die schon 1901 verstarb. Danach kam sie zu verschiedenen Verwandten, ehe sie zu dem Bruder ihres Vater auf das Gut Sawadden im
Kreis Lyck in  Ostpreussen kam, und von ihm adoptiert wurde.


Viele Gruesse


ALMUTH

anais 03/09/2013 11:20



Hallo Almuth! Vielen Dank für die Erklärung der verwandtschaftlichen Beziehungen von Victor Berg. Es scheint ja etwas kompliziert zu sein. Solltest du bei Deinen Recherchen für den Stammbaum eine
Linie zu den Bergs in Lychen finden, so lasse es mich bitte wissen. Das wäre interessant. Vielleicht findest Du auch noch weitere Details zu Victor Berg und seiner Familie heraus. Ich wünsche Dir
ein schönes Wochenende.


Herzl. Gruß


Joachim



Almuth Sander 03/04/2013 13:25


vielen Dank fuer den Kommentar. Damals wurden keine Informationen an die Verwandten weitergegeben. Der Familie wurde mitgeteilt, dass Viktor Berg an einem Sonnenstich gestorben waere. dies habe
ich im Web gefunden:


Victor Berg nahm 1907 erste
archäologische Ausgrabungen im Auftrag des »Leipziger Völkerkundemuseums« vor. Die von ihm entdeckten Fundstücke lassen sich aber kaum noch konkreten Stätten zuordnen. Besonders wertvolle
Grabbeigaben erhoffte sich Berg in der bunkerartigen Gruft von König Isokelekel. Einen Tag nach der Öffnung der Ruhestätte starb Berg. Der ärztliche Befund gab »totale Erschöpfung« und einen
»Sonnenstich« als Todesursachen an. Die Einheimischen allerdings glaubten an einen Fluch, der die Störung der Totenruhe strafte. Die Aufzeichnungen Bergs gingen auf ungeklärte Weise
verloren.


.(http://www.ein-buch-lesen.de/2009/10/nan-madol-das-venedig-der-sudsee.html)


viel
Gruesse


Almuth Sander



anais 03/06/2013 09:18



Hallo Frau Sander! Vielen Dank für die Erklärung über das Ableben von Victor Berg und den Link zu dem Buch. Es müssen wohl schon nach dem untergang von Nan Madol dort Seeräuber gehaust haben,
welche die Kultstätte geplündert hatten. Das aber Victor Bergs Aufzeichnungen verloren gegangen sein sollen, ist ein Verlust, denn sonst könnten wir mehr erfahren. Ich finde es aber sehr gut,
dass sein Grabstein auf dem kleinen Friedhof noch voll erhalten ist. Hoffentlich bleibt das so!


Noch eine neugierige frage von mir: Sind sie vielleicht mit der Familie Berg aus Lychen verwandt, denn diese hat einen sehr weit verzweigten Stammbaum.


Herzl. Gruß


J. Hantke



Almuth Sander 02/24/2013 18:07


vielen Danf fuer die Photos, Der VizeGouverneur von Ponape, Viktor Berg (Bild Grabstein) war der Grossvater meiner Vetter, und lange Jahr wusste niemand so recht, was mit ihm passiert war. ich
versuche nun, etwas ueber die Umstaende seines todes heraus zu bekommen, da ich dabei bin, eine chronik unserer Familie Vogel zu verfassen. MFG Almuth Sander

anais 03/04/2013 09:45



Hallo Frau Sander! Ich freue mich, dass ich Ihnen mit meinem Beitrag über den Besuch auf dem deutschen Friedhof in Colonia, Pohnpei bei der Suche nach Ihren Vorfahren helfen konnte. Ich wünsche
Ihnen Erfolg bei der Erstellung Ihrer Familienchronik und danke Ihnen sehr für den Kommentar, vor allem, weil solche Kommentare zu sachlichen und informativen Beiträgen leider sehr selten
sind.


Herzl. Gruß


Joachim



Katharina vom Tanneneck 03/16/2012 23:42


Hallo Joachim,


das war jetzt ein interessanter Geschichtsunterricht, danke! Die Deutschen sind ja in der Welt herum gekommen. Dort haben sie sich wohl nicht so angenehm in Erinnerung gehalten. Ich hoffe, Ihr
hattet dadurch keinen Ärger?!   


Ich wünsche Dir ein schönes und sonniges Wochenende!


Liebe Grüße, Katharina 

anais 03/18/2012 16:45



Hallo Katharina! Wenn wir bei den Inselbewohnern aud die Deutschen zu sprechen kamen, wurden sie immer für besser gehalten als die Japaner. die Japaner sollen geschlagen haben. Diese Gespräche
hatten ir aber auf den anderen Inseln. Auf Pohnpei hat sch keiner dazu geäußert - wohl absichtlich. zu uns waren alle nett.


Liebe Grüße


Joachim



Mr.Cornflacks 03/16/2012 16:16


Das haben Sie war wieder schön geschrieben  Mr.Noodles+eine grosse Historik diese kleine Insel.Kenne Sie das
Sprichwort (Bleib wo der Pfeffer wächst)Ich glaube der kommt von dieser schöne Insel oder?+Ich glaube auch das hier der Beste Pfeffer Der Welt herkommen soll stimm das?


 


Ich grüsse Sie ganz lieb Mr.Noodles+drücke Sie ganz lieb an meine ...... 

anais 03/18/2012 16:41



Hallo Mr. Cornflacks! Vielen Dank für die Erinnerung an den Pfeffer. Ich werde das Sprichwort und seine Herkunft irgendwann mit hineinschreiben.


Greetings from Mr. Noodles