Der Förster und die weiße Hirschkuh

Veröffentlicht auf von anais

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 An einem warmen Sommernachmittag in den späten 1950 Jahren entschlossen sich Vater und Mutter, mit uns Jungen eine Bootsfahrt über den Großen Lychensee zu unternehmen. Mutter packte ein paar Brote, etwas Obst und Saft als Proviant für ein kleines Picknick am Ufer des Sees in den Korb.

 Nun konnte die Fahrt über See beginnen. Mein Vater, mein älterer Bruder und ich wechselten uns beim Rudern über den ausgedehnten See ab, denn wir wollten bis an seinen südlichen Ausgang zur Woblitz gelangen, ein malerisches Fließ, das sich bis nach Himmelpfort durch hohen Wald und Wiesen schlängelt. Nach gut zwei Stunden erblickten wir die dunkle Einfahrt der Woblitz. An ihrem rechten Ufer schimmerte, hinter Laub- und Obstbäumen versteckt, das Försterhaus hervor. Ein sehr altes Gehöft, das schon in vergangenen Jahrhunderten in Schriften Erwähnung fand.

Wir legten nicht an sondern setzten unsere vergnügliche Seefahrt am Südufer fort bis zur Koppelablage kurz vor dem Lychener Buchenwinkel. Link: Gestürzte Baumriesen . Dort kletterten wir aus dem Boot. Mutter packte die Stullen aus, und gemütlich bei Trank und Schmaus genossen wir die würzige Sommerluft am Rande des hohen Buchenwaldes. Als ich aufstehen und den Waldeshang neugierig hinaufgehen wollte, meinte mein Vater mit nachdenklichem Blick: „Tagsüber lässt es sich ohne weitere durch den Wald streifen. Aber wer hier des nachts verweilt, könnte Unheimliches erleben. In der Stunde nach Mitternacht soll dort oben ein ruheloser Förster zu hören sein, der einmal in grauen Vorzeiten erschlagen worden war.“ Mein Bruder lachte: „Gespenstergeschichten!“ Ich aber wollte von ihm mehr wissen. Vater meinte nur: „Ich weiß nur, dass alte Lychener davon erzählt haben. Genaueres, mein Junge, kann ich Dir nicht sagen.“

Am späten Nachmittag- es war bald Abendbrotzeit – ruderten wir nach Hause zurück. Immer wieder musste ich an diese Geschichte denken. Sie ließ mir keine Ruhe. Großmutter hatte das Abendessen schon vorbereitet. Ich warf einen fragenden Blick auf sie. Bei uns nannten wir die Großmutter „Mutter“ und unsere Mutter war „Mama“. „Mutter“, fragte ich sie schließlich voller Ungeduld, „kennst Du die Geschichte vom sagenhaften Förster, der im Wald über der Koppelablage des nachts dort geistert?“ Das war etwas für unsere alte Mutter, denn sie erzählte gerne so manche Geschichte. Also ließ sie uns nicht lange warten und begann:

Vor langer, langer Zeit lebte im Forsthaus Woblitz ein junger, stattlicher Förster allein auf seinem Anwesen. Er ernährte sich von den Früchten des Feldes und des Gartens. Ab und zu ging er in seinem Revier am Buchenwinkel abends und nachts auf Jagd.

So machte er sich auch eines späten Abends bei stürmischem Herbstwetter auf und pirschte den Hang an der Koppelanlage zum hohen Buchenwald hinauf. Unten peitschte der starke Westwind den See, und hohe Wellen schlugen an das Ufer. Der junge Förster ließ sich von dem Unwetter nicht beirren. Mutig suchte er sich seine von Gebüsch gedeckte Stellung und wartete ab, denn er wusste aus Erfahrung, bald würden in naher Ferne Rehe oder Hirsche vorbeiziehen. So saß er wartend und wartend, bis die Mitternachtsstunde herannahte.

Plötzlich hörte er ein Geräusch! Äste knackten, und aus dem Gesträuch sprang – er traute seinen Augen nicht – eine weiße Hirschkuh hervor. Ohne zu überlegen, löste der junge Förster den Schuss. Die Hirschkuh brach zusammen, und aus dem Grund, so schien ihm, schwebte für einen kurzen Augenblick eine bildschöne Maid hervor, die augenblicklich mit einem herzzerreißenden Seufzer wieder verschwand. Wie geblendet und von Sinnen verharrte der einsame Jäger.

Kaum tat er den ersten Schritt, um nach dem Mädchen zu suchen, da erhob sich ein mächtiger, brausender Sturm über den Wipfeln der alten Buchen. Über ihn hinweg stürmten die wilden Reiter, angeführt von Wodan, eskortiert von seinen Begleiterinnen, den Walküren! Bäume riss der Sturm der wilden Jagd aus dem Boden. So wurde der junge Förster von einer Buche erschlagen. Seither findet seine Seele keine Ruhe mehr. In stürmischen Nächten nach Mitternacht sucht er seufzend und stöhnend nach dem wunderschönen Mädchen, immer noch im Glauben, dass er es nur verletzt aber nicht getötet habe. Niemand weiß bis zum heutigen Tag, wie er von seiner Pein erlöst werden kann.“

Damit beendete Mutter ihre Erzählung und senkte den Blick. Ich schaute sie schweigend an und war mir nicht ganz sicher, ob dies wohl eine Sage war, oder ob sie sich das nicht wieder in ihrer von Natur und Mystik beseelten Fantasie ausgedacht hatte.









 

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Katharina vomTanneneck 02/27/2011 23:29



Hallo Joachim, ich wollte Dich jetzt nicht in Verlegenheit bringen. Du mußt Dir nichts aus dem Ärmel schütteln. Ich lese auch gerne Kochrezepte! Oder Gedichte mag ich ja auch! Schließlich
schreibst Du ja für alle Deine Anhänger. Mach weiter so wie bisher, dann ist es schon die richtige Mischung.


Liebe Grüße, Katharina



anais 02/28/2011 21:19



Hallo Katharina! Nein, in Verlegenheit hast Du mich nicht gebracht. aber hier sind die vergangenen Ortsgeschichten endlich. Zwar soll ja die Fantasie unendlich sein, aber da muss ich für mich
noch ein Elexier zum Einnehmen finden. Drogen sollen es ja gerade nicht sein. Lach!


Liebe Grüße


Joachim



Katharina vomTanneneck 02/26/2011 22:48



Hallo Joachim, eine schöne und zugleich schaurige Geschichte. Ich könnte fast daran glauben.  Solchen Geschichten
könnte ich stundenlang zuhören und man weiß ja wirklich ob da was Wahres dran ist. Da müßte man schon einmal um Mitternacht an dem Ort sein. Das wäre mir aber wieder zu schaurig. Lach!


Liebe Grüße, Katharina



anais 02/27/2011 09:53



Hallo Katharina! Ich schätze mich glücklich, dass Du solch' eine liebe und geduldige "Zuhörerin" der Geschichten bist. Ich kann ebenfalls gepannt zuhören, wenn andere erzählen. Ich muss jetzt
allerdings schon grübeln, wie ich mir neue eigene Geschichten, wie du so sagst "aus dem Ärmel schütteln" kann. Langsam geht "der Saft" aus. Lach! Na, mal sehen. Es muss ja nicht so oft
sein.


Liebe Grüße


Joachim