Der unterirdische Gang

Veröffentlicht auf von anais

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Geheimnissvoll schien uns Jungen immer wieder die gewaltige Wehrkirche in Lychen. Aus dem Granit der Eiszeit erbaut, steht sie seit dem 13. Jahrhundert auf der höchsten Erhebung in der Stadt. Ihr mitteralterlicher, wuchtiger Backsteinturm blickt weit Seen und Wälder hinaus.

Wir kannten den schmalen Gang hinauf zu den Glocken. Oft sind wir die hohen Stufen gemeinsam mit dem Küster, unserem Onkel Hans, empor gestiegen, um die Glocken zu ziehen. Irgendwann ließ er uns einmal auf den weiten, dunklen Dachboden schauen. Betreten durften wir ihn nicht. War der Pfarrer nicht zugegen, durften wir in die Sankristei schauen, matt erleuchtet durch ein fantastisches Buntglasfenster mit einem Pelikan, der sich die Brust auf reisst und anderen allegorischen Darstellungen der Spender für den Wiederaufbau der Kirche 1693 bis 1696 nach einem großen Stadtbrand.

Eines schönen Sommernachmittags saßen wir zusammen auf dem Kirchplatz und träumten von Abenteuern und Entdeckungen. Ich deutete mit einer viel sagenden Geste an, dass ich etwas wüsste. Peter und Siegi schauten mich ungeduldig an, bis ich zu erzählen begann, was ich von meinem zehn Jahre älteren Bruder wusste, der sich in Geschichte so gut aus kannte wie kein anderer: „Mein Bruder Ulrich hat mir von einem unterirdischen Gang erzählt. Er soll von unserer Kirche aus bis zum Kloster Himmelpfort führen. Wie Ihr wisst, wurde das Zisterzienserkloster 1299 gebaut, und bald danach muss auch der Gang angelegt worden sein.“

Die beiden waren sofort Feuer und Flamme: „Wo soll der Gang denn hier in der Kirche sein? Man müsste doch irgendwo nach unten steigen können?“ Peter wurde etwas nachdenklich und meinte: „Ich kann mir kaum vorstellen, dass es einen solchen Gang bis nach Himmelpfort gibt. Überlegt doch mal! Wo sollte der denn entlang laufen? Durch oder unter den Großen Lychensee, an der ganzen langen Woblitz vorbei bis zum Kloster?“

Ich versuchte, seinen Zweifel zu zerstreuen: „Was denkst Du, wozu die Mönche damals fähig waren. Sie haben den Mühlenbach angelegt. Bei Fegefeuer schwere Bäume gerodet und wer weiß, was nicht noch so alles? Ich halte es für möglich, dass sie auch einen solchen langen unterirdischen Gang anlegen konnten. Irgend etwas muss doch dran sein.“ Und so begannen wir zu überlegen, wo wohl der Eingang zu finden wäre. Wir liefen die Kirchenmauern von außen ab, blieben an der Südkapelle, der Sakristei, stehen und entdeckten im Gras einen viereckigen Holzdeckel. „Da könnte es sein,“ riefen wir fast gleichzeitig. Vorsichtig, mit all' unserer Kraft, versuchten wir, den schweren Deckel hoch zu heben. Schließlich konnten wir ihn zur Seite legen und schauten hinab in ein schwarzes Loch, aus dem übel riechender Modergeruch empor stieg. „ Da steigen wir nicht runter,“ protestierte Siegi, „das ist eine Kloake mit dreckigem Wasser!“

Nein“, sagte auch ich enttäuscht, „hier kann es nicht sein. Lasst uns morgen Onkel Hans fragen. Vielleicht weiß der mehr. Uns wird er es bestimmt verraten.“ So warteten wir bis zum nächsten Tag.

Kurz vor Mittag fanden wir uns zum Glockenziehen vor der Kirchtür ein. Onkel Hans kam die Kirchstraße hoch, auf seinem Stock gestützt mit der Pfeife im Mund. Als er bei uns war, erzählten wir ihm ganz aufgeregt von unserer Idee. Mir war dazu noch eingefallen, dass es unter dem Altar eine Gruft geben sollte. „Onkel Hans,“ fragte ich ihn, „ könnte es nicht sein, dass von dort unten, in der Gruft, der unterirdische Gang losgeht?“ Onkel Hans überlegte, machte ein paar Züge aus seiner Pfeife und meinte darauf kopfschüttelnd: „In der Gruft unter dem Altar befinden sich die Särge der Pfarrer, die dort bis zum Jahre 1800 beigesetzt wurden. Um 1900 wurde der Eingang zur Gruft zugemauert.“

Enttäuschung glitt über unsere Gesichter. „Und weißt Du denn gar nichts weiter über den Gang,“ bohrten wir ungeduldig weiter. „ Ja, wisst Ihr, so viel, wie ich gehört habe, soll der unterirdische Gang vom Kloster Himmelpfort gar nicht hierher zur St.-Johannes-Kirche führen sondern bis nach Fegefeuer, zur früheren Strafkolonie des Klosters für widerspenstige und sündhafte Mönche.“

Als wir das hörten, waren alle unsere Hoffnungen geschwunden, denn der Gang müsste noch viele Kilometer weiter unter dem Oberpfuhlsee bis in den Küstriner Bach hinein führen. Einstimmig gaben wir unsere Entdeckungsgedanken auf und stiegen hinauf zu den Glocken mit den schönen Namen „Glaube“, „Liebe“ und „Hoffnung“.

Der unterirdische Gang vom Kloster Himmelpfort bis zum Fegefeuer wartet somit heute noch auf seine Entdecker.

Veröffentlicht in Lychener Stammtisch-Geschichten

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Cebulon 12/11/2011 12:44


Stimmt, das habe ich sogar schon mal gemacht. Kostet zwar auch etwas, soviel ich weiß, aber man kann ja mal fragen. Werde ich bei meinem nächsten Büchereibesuch machen.

anais 12/12/2011 08:34



Hallo Cebulon! Ich wünsche Dir dabei viel Erfolg. Studiere gut und tief die Gänge.


Liebe Grüße


Joachim



Cebulon 12/09/2011 17:31


Naja, der Euro zieht ja leicht an, wie ich vorhin im Radio gehört habe. Interessant ist das Buch sicher, aber so viel Geld möchte ich da auch nicht für ausgeben. Schade das es nicht in der
Stadtbücherei vorrätig ist.

anais 12/09/2011 20:47



Hallo Cebulon! wir werden mal beobachten, wie der Euro anzieht. Zum Dollar stand er schon mal besser. Es gibt doch auch so etwas wie Fernleihe. vielleicht kannst Du Dir darüber das Buch zum Lesen
besorgen.


Liebe Grüße


Joachim 



xamantao 12/03/2011 21:55


Dass unterirdische Gänge auch in Frankfurt existierten, wurde bei so manch einem Neubau bewiesen. So war ein Gang zwischen dem Gewerkschaftshaus des DGB und der IG Metall entdeckt worden, der in
ein Abflussrohr zum Main endete. Ganz Alte Menschen wussten, dass er in der Nazi-Zeit zur Flucht vor den braunen Häschern genutzt worden war.


Einen schönen 2. Advent!

anais 12/04/2011 22:05



Hallo Xammi! In den großen Städten gibt es sicherlich ein Labyrinth von unterirdischen Gängen. In Berlin ist das auch so. Wer durch sie von den Nazis flüchten konnte, hatte Glück und konnte sein
Leben retten. So hatten diese Gänge auch etwas Gutes.


Liebe Grüße


Joachim



Cebulon 12/01/2011 17:43


Leider habe ich zu dem Thema nicht all zu viel gefunden, es gibt aber ein Buch dazu, das allerdings ziemlich teuer ist. Die Produktbeschreibung zum Buch (weiter unten auf der Seite) hört sich aber schon sehr spannend an. Es gibt auch einige
Kundenrezensionen die vielleicht auch interessant sind.


 


 


 

anais 12/04/2011 22:40



Hallo Cebulon! Ich danke Dir für die Links. Ich habe bei Amazon mal in die Rezensionen reingeschaut. Sicherlich ist es spannend, wenn man keine akribischen wissenschaftlichen Erwartungen an den
Inhalt stellt, wie das einige wohl getan haben. Das Buch wird es ja wohl noch eine Weile geben, weil ich jetzt für meine Reise sparen muss, und der Euro stand zum Dollar schon mal besser.
Lach.


Liebe Grüße


Joachim



Cebulon 11/27/2011 21:10


Schade! Unterirdische Welten sind sicher sehr interessant. Ich habe in einer der wissenschaftlichen Zeiten die ich gerne lese, mal einen Artikel gelesen in dem es um unterirdische Gänge ging. Es
soll sie überall in Deutschland und der Welt geben, und man soll z. B. unterirdisch durch ganz Deutschland reisen können.


Diese Gangsysteme sollen Leute angelegt haben die den Kriegen entgehen wollten, die es immer wieder und überall gab. Hört sich geheimnisvoll und interessant an, nicht wahr? Es soll nur eine
gewisse Anzahl von Leuten geben die um diese Gänge wissen und dieses Wissen an ihre Kinder weiter geben. Manche sollen sogar darin leben. Ob es stimmt? Wer weiß, aber ein interessanter Gedanke
ist es schon. Ein unterirdisches Deutschland, das von allem verschont wird was uns das Leben schwer macht, das wäre doch was für uns, oder? ;-)


Ein anderer Bericht erzählte von der New Yorker Unterwelt. Da gibt es U-Bahn- und Versorgungsstollen, die wurden immer wieder um- und ausgebaut, manche sind stillgelegt und darin soll sich eine
eigene Welt entwickelt haben in der Leute leben die sich von der Welt zurückgezogen haben.


Wer weiß was die Unterwelt wirklich alles bietet? Jedenfalls reichlich Stoff für die Phantasie! Jules Verne hat sie ja schon zu seinem Buch "Reise zum Mittelpunkt der Erde" inspiriert. Und in der
Welt der Fantasy sind es die Zwerge die unterirdisch leben und reisen.

anais 11/29/2011 08:39



Hallo Cebulon! Das ist ja eine spannende Geschichte, die Du mir geschrieben hast. In Deutschland müssen wir unbedingt die Leute finden, die das Wissen über die unterirdischen Gänge
haben. In den Großstädten leben heute schon Obdachlose in U-Bahn-Schächten. Hier in Deutschland werden sie wohl
immer wieder hinaus getrieben. Das unterirdische Wohnen war früher bei manchen Völkern verbreitet. Und heute - denken wir mal an solche Wohnungen in Australien. Aber das ist alles sehr begrenzt.
Die Banken z. B. würden wohl nicht unter die Erde ziehen. Lach!


Liebe Grüße


Joachim



Katharina vom Tanneneck 11/25/2011 23:42


Hallo Joachim, zum Glück habt Ihr keinen Eingang gefunden! Wer weiß was Euch da passiert wäre. Dein Onkel hat das recht gut kaschiert und Euch ein schönes Märchen erzählt. 


Wir waren in jungen Jahren auch immer auf Entdeckung und haben uns viel beim Kloster Altstadt und Schloss Saleck herumgetrieben. Das scheint für Kinder recht anziehend zu sein. 


Vielen Dank für die schöne Geschichte! So habe ich mal wieder in meiner alten Heimat gestöbert.


Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende und schicke liebe Grüße!


Katharina

anais 11/27/2011 17:04



Hallo Katharina! Das Schloss Saaleck sieht sehr imposant aus, ist schon sehr alt. mit seinen Vorläufern älter als unsere Kirche. Ich kann mir gut vorstellen, dass Ihr euch als Kinder dort gerne
herum getrieben habt. Kinder suchen gerne das Geheimnisvolle. Da sind wir alle gleich.Herzl. Dank für die Wochenendgrüße!


Liebe Grüße


Joachim