Ein tückischer, verhexter Wald

Veröffentlicht auf von anais

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Dunkles Dezemberwetter lag über Lychen. Dichte, schwarze Wolkenwände zogen vom westlichen Horizont auf, obwohl fast Windstille herrschte. Am fühen Nachmittag färbte lichtes Grau den Himmel etwas heller. Es hatte schon etwas geschneit. 

Mich packte wieder die Lust, nach etwas Neuem, noch Unbekanntem suchend durch den Wald zu streifen. Wusste ich doch, dass unter den mir bisher bekannten Pilzen immer noch mindestens einer fehlte: der Frostschneckling. In den Büchern hatte ich bereits emsig nachgeschaut. In Kiefernwäldern sollte er nicht selten zu finden sein. So entschied ich mich für eine hinter dem Dorf Rutenberg gelegene, nach dem Willen der Natur frei von Menschenhand gewachsene Waldfläche, die bis nach Mecklenburg-Strelitz hinein für ihre Herbstpilze bekannt ist und viel besucht wird.

Mit Korb, Taschenmesser, Fotoapparat und Armbanduhr bewaffnet, setzte ich mich in meinen kleinen, silbergrauen Ford-Fiesta und nahm die kürzeste, aber holprige Strecke, die Rutenberger Landstraße. Hinter dem Dorfausgang in Richtung Hasselförde, schon auf dem Waldweg, lief mir eine junge, dicht eingemummelte Familie voraus. Bei all' der Kälte wagten sie einen Spaziergang. Sie wechselten hinüber auf den rechts nach Beenz abbiegenden Weg. Vor mir war meine Strecke wieder frei. So an die 500 Meter fuhr ich weiter und stellte das Fahrzeug am Waldesrand ab. Von Rutenberg aus betrachtet ist dies wohl der westliche Rand der ausgedehnten, mit wild wachsenden Kiefern und grauem Rentiermoos bewachsenen Fläche. Ich nahm meinen eigenen Weg quer durch das Gelände in Richtung Nordosten, wo wohl weit in der Ferne das Dorf Beenz lag. Aus früherer Erfahrung wusste ich nur allzu gut, wie tückisch dieses Gelände ist, weil es jede Orientierung schwierig werden lässt. Vorsichtshalber und etwas wehmütig schaute ich noch einmal zu meinem silbergrau weit hinten noch blinkenden PKw zurück, als wäre es ein Abschied für immer. 

Von jetzt ab konzentrierte ich meinen Blick auf den bemoosten Erdboden, fand hier und dort den Grauen Erdritterling, gelbe, mir noch unbekannte Trichterpilze standen in Gruppen. Viele schwarz Verfärbte zeugten vom eigentlichen Ende der Pilzzeit. Aber eigentlich sollte es ja kein Ende der Pilzzeit geben!

So lief ich denn immer schneller und ungeduldiger von einer Lichtung zur anderen, um doch wohl noch den Frostschneckling zu entdecken. Ich kletterte über umgefallenen Bäume, schaute unter Reisighaufen. Nirgendwo auch nur der kleinste Schneckling. Ich hielt inne, schaute um mich und zum grauen Himmel hinauf. Kiefern, Moos, Geäst und leichte Dämmerung überall, wohin ich blickte. Langsam begann mein Herz zu klopfen, weil ich die herannahende Dunkelheit ahnte. Ein Geräusch ließ mich aufhorchen. Sollte es ein Vogelruf gewesen sein, oder war es das keckernde Lachen meiner Trolle? Irritiert sagte ich mir: "Gehe zurück! Es ist zwecklos. Hier findest Du den Frostschneckling nicht."

In gerader Richtung lief ich meinem vermeindlichen Waldende entgegen, stolperte ab und zu, musste hin und wieder zickzack laufen. Der Wald schien kein Ende zu nehmen. Da tauchte im Hintergrund eine Fichtenschonung auf. "War denn da am Weg, wo ich das Auto abgestellt hatte, eine Fichtenschonung?" Voller Hoffnung eilte ich zu den Fichten und stand - ich traute meinen Augen nicht - an der alten Beenzer Waldstraße am entgegengesetzten Ende! Ich war mir sicher, denn ich sah das uralte Kopfsteinpflaster. Also schnell wieder zurück in die andere Richtung. Am dämmrigen Firmament erkannte ich nicht mehr, wo die Himmelsrichtungen waren. Ich musste doch nach Südwesten!! Wieder lief ich voller Unruhe drauflos und stand nach einer mir unendlich lange scheinenden Hast - oh Schreck! - wieder an den alten Pflastersteinen. Jetzt reichte es mir. Ich setzte mich auf einen Baumstamm und wusste weder ein noch aus. Schummrig und unheimlich wurde es in meinem verhexten Wald. Auf einmal war mir so, als hörte ich ein Trampeln und Keuchen. Hoffnung kam in mir auf. Vielleicht würden sich die Trolle meiner erbarmen. Auf dem Waldweg erschien jedoch eine junge, sportliche Frau mit einem großen Hund, einem stattlichen Labrador. Der freute sich und sprang an mir hoch, dass ich fast umkippte. Seine Herrin zog ihn zurück und redete erst einmal erzieherisch auf ihn ein. "Die Labradors sind immer so zutraulich. Entschuldigen sie bitte," schaute sie mich mit fragendem Blick an. "Was machen Sie denn hier in der Dunkelheit? Haben Sie noch Pilze gesucht und auch welche gefunden?" "Das war meine Absicht," entgegnete ich, "und jetzt habe ich mich total verlaufen. Mein Auto steht an der Waldstraße in Richtung Hasselförde. Wie komme ich da bloß wieder hin?" "Oh", meinte die junge Frau, "Sie müssen jetzt diesen Weg in Blickrichtung entlang laufen. Nach einiger Zeit sehen Sie links im Grund den Rednitz-See liegen. Eben dort zweigt nach rechts ein Waldweg ab. Den gehen Sie bis zum Ende. Dann kommen Sie an den Ortseingang von Rutenberg." 

Mittlerweile hatte ich erkannt, dass es die Besitzerin des schönen "Rosalienhofes", eines feinen Cafés, in Beenz war. Ich bedankte mich überschwenglich vor Freude, bestellte noch schöne Grüße an ihre Mutter, die ich vom Historienstammtisch her kannte. Die ganze Familie ist nämlich ein altes Beenzer Geschlecht, dass schon im 16. Jahrhundert erwähnt wird und immer diese Gaststätte hatte. Sie lächelte, fand mich etwas bedauernswert, und wir gingen unsere Wege.

Jetzt hatte ich wieder ein Ziel! Und schon summte ich das alte FDJ-Lied "Du hast ja ein Ziel vor den Augen, damit du in der Welt dich nicht irrst..." Bald schimmerte der Rednitz-See aus dem Untergrund hervor. Und da war auch schon der Rutenberger Weg. "Wenn ich ihn bis zum Ende gehe, bin ich wieder viel zu weit vom Auto entfernt," überdachte ich meine Lage so gegen 17.00 Uhr. "Es bleibt Dir nichts anderes übrig. Du musst wieder eine Abkürzung durch den Wald nehmen. Un zwar ab hier und ganz gerade durchlaufen!" Gedacht, getan.

Diese Entscheidung erwies sich allerdings als ein noch schlimmeres Abenteuer. Überall lagen Fichtenstämme, die mir den Weg durch hohes, trockenes Gras erschwerten. Ich beschleunigte mein Tempo und - hops, hallo - stolperte ich, sprang und rannte so schnell wie nie zuvor, um nicht zu fallen. Nach ungefähr fünf Minuten schaute ich in meinen Korb. Er war leer. Und der Fotoapparat war weg, auf Nimmerwiedersehen verloren! Das brachte mich in höchste Verzweiflung. "Den findest Du da hinten nicht mehr in dem hohen Gras." Ich lief zurück. Da hörte ich wieder das keckernde Lachen, das mir diesmal nur allzu vertraut vorkam. Mein kleiner Trollfreund Pück richtete sich aus dem Gras empor und zeigte auf meine Fototasche. Dann keckerte er fröhlich voller Schadenfreude und verschwand.

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Noch einmal dankte ich der netten Dame vom Rosalienhof, dem kleinen Pück und dem unendlichen Universum, die mich nicht im Stich gelassen hatten. So gelangte ich endlich an meinen gesuchten Weg. Aus dem Dunkel heraus leuchtete der silbergraue Ford-Fiesta - allerdings aus 300 Metern Entfernung. Kein eigenes Foto habe ich vor Aufregung geschossen. Nur Pück muss sich wohl selbst fotografiert haben, dieser Schlingel!

Veröffentlicht in Lychener Stammtisch-Geschichten

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Regina 12/12/2010 15:40



Ohja da wird einem ganz schön mulmig, wir haben uns mal in einem sehr großen Wald in Österreich verlaufen und sind da
stundenlang rum geirrt. Da kommen einem die merkwürdigsten Gedanken, ich habe mich nämlich ernsthaft gefragt ob es da wohl Wildschweine gibt ich wünsche Dir einen schönen 3. Advent, l G Regina



anais 12/13/2010 17:21



Hallo Regina! Herzlichen Dank für den Adventsgruß! Wildschweine kann man schnell antreffen. Aber vielleicht nicht so häufig im Winter. Zum Glück laufen sie meistens weg und haben vielleicht mehr
Angst als wir selbst.


Liebe Grüße


Joachim



Katharina vomTanneneck 12/11/2010 02:05



Hallo Joachim,


das ist aber eine abenteuerliche Geschichte. Hast Du die wirklich so erlebt oder einfach erfunden? Für mich wäre es undenkbar so etwas überhaupt zu planen denn mein Orientierungssinn ist gleich
"null". Ich hätte da wohl nur durch Zufall wieder heraus gefunden. Nein, das ist nichts für mich. Ich habe mit Dir gelitten!


Bist Du denn schon fertig mit Deiner Renovierung? Dann warst Du aber schnell!


Ich wünsche Dir ein schönes Adventswochenende und schicke Dir liebe Grüße,


Katharina



anais 12/11/2010 10:51



Hallo Katharina! Das war wirklich ein Abenteuer, und bis auf meine Fantasie-Trolle, die ich ab und zu gerne mal dabei habe, ist alles so verlaufen. Das ist mir und anderen dort nicht das erste
Mal passiert. Orientierung hat man auf diesem Gerlände nur, wenn die Sonne scheint und man vorher guckt, wo sie steht. Lach! Ich "freue" mich, dass Du mit mir gelitten hast. Herzlichen Dank!! Mir
der Renovierung bin ich noch nicht fertig. Gestern haben die Jungs erst alles geputzt. Jetzt geht es ans Anstreichen, und die Wände bleiben mir wieder vorbehalten. Wenn ich selber im Moment
nichts tun kann, gucke ich hier manchmal rein und zu Dir! Ich wünsche Dir ein schönes Adventswochenende!


Liebe Grüße


Joachim