Frohe Weihnacht!

Veröffentlicht auf von anais

 

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                            Meine kleine, wahre Weihnachtsgeschichte

 

Schon in den ersten Dezembertagen wurde ich ganz kribblig. Als Erstes, wenn ich aus der Schule nach Hause kam, fragte ich meine Mutter: „Ist heute schon das Paket gekommen?“Meine Mama schüttelte den Kopf: „Noch nicht.“ So setzte sich die Fragerei fort, bis ich eines schönen Tages im Adventsmonat das lang ersehnte Paket auf dem Küchenstuhl stehen sah. Mutter hatte es noch nicht geöffnet, denn diese Freude sollte mir vorbehalten sein.

Na, da ist es ja endlich,“ lachte ich, warf die Schulmappe in mein Zimmer und kehrte in die Küche zurück, um das Paket zu öffnen. Es kam jedes Jahr einmal vor Weihnachten von Tante Friedel von weither, aus München. Also machte ich es auf und nahm nach und nach, eines nach dem anderen heraus. Das meiste interessierte mich nicht so sehr, denn das waren Lebens- und Genussmittel, die in der Küche zur Vorweihnachtszeit vonnöten waren, die es aber bei uns im Osten nicht gab. Zwei Päckchen Rosengries, ein Päckchen Mondamin, jede Menge Backpulver von Dr. Oetker, feiner Bohnenkaffee, Kakao, Puderzucker, Rosinen und Zitronat. Als ich die Rosinen herausnahm, dachte ich sogleich daran, wann ich davon heimlich naschen könnte.Meistens lag noch ein Pullover drin, der mir nicht gefiel.

Ein, manchmal auch zwei bunte Beutel sollten auf alle Fälle mir gehören. Ich fragte vorsichtshalber mit bittenden Blick: „Mama, die darf ich doch haben, ja?“ Mutter schaute hin: „ Aber nicht gleich alle auf einmal essen!“ Es waren meine geliebten Waffeleier mit der leckeren Kremfüllung – Schoko und Vanille. Ich war glücklich. Das Paket hatte seinen Zweck für mich erfüllt.

Mutter machte sich die nächsten Tage ans Kuchenbacken. Hefe gab es hier beim Bäcker in der Stadt. So bereitete sie mit den Rosinen, dem Zitronat und dem Puderzucker den Weihnachtsstollen vor. Bei uns war der Weihnachtsstollen weiblich und hieß „Stolle“. Bis zum Weihachtsfest wurde der in ein Küchentuch gewickelt und weggelegt.

So blieben noch einige Tage bis zum Heiligen Abend. Schneeflocken wirbelten durch den Wind ,und wir konnten auf unseren abschüssigen Straßen in Lychen Schlitten fahren. Besonders beliebt war die Kirchstraße, weil sie am meisten Gefälle hatte. Über dem Kopfsteinpflaster lag eine Schneedecke. Wir rodelten sie glatt. Das Tollste allerdings waren die Abflüsse von zwei Häusern direkt hinein in die Straßenrinne. Das Schmutzwasser gefror sofort und bildete eine lange Eisbahn. Da sausten wir am schnellsten herab. Mussten aber aufpassen, dass wir rechtzeitig die Kurve bekamen, denn sonst wären wir mit Schlitten und Kopf an unserer oder Schmidts Hauswand gelandet.

Früh setzte die Dämmerung ein. Durchnässt kehrte ich nach Hause zurück. Sofort hatte ich mir trockene Sachen anzuziehen. Die Jacke hängte Mutter in den Hausflur, weil sie ganz entsetzlich roch.

Ich nahm mir mein funkelnagelneues Motorrad und fuhr damit auf dem Tisch hin und her. Das hatte Tante Friedel ebenfalls ins Paket gelegt. Es war aus Blech und kam aus Amerika. „Wenn ich groß bin“, dachte ich bei mir, „muss ich ein solches Motorrad haben.“

Zur Zeit hatte ich jedoch nicht einmal ein Fahrrad. Das wünschte ich mir insgeheim von Herzen. Vater hatte sein Vorkriegsrad, das er täglich brauchte, wenn er als Maler zur Arbeit fuhr. Ein Kaputtes und Verrostetes stand im Schuppen. Als ich dort wieder einmal hineinschaute, war es verschwunden.

Endlich war der Heilige Abend da. Mutter hatte den ganzen Vormittag in der Küche zu tun. Vater, mein Bruder und ich stellten den Tannenbaum auf. Wir schmückten ihn mit bunten Kugeln und hingen viel Lametta dran. Brennende Kerzen sollte er haben. Elektrische gab es damals noch nicht.

Nachmittags, gegen 17.00 Uhr, wenn zum ersten Mal die Kirchenglocken läuteten, hatten wir Jungen aus dem Wohnzimmer zu verschwinden. Weihnachtsmann und Christkind bereiteten den Gabentisch vor.

Als die Uhr sechs schlug, durften wir eintreten. Der Weihnachtsbaum leuchtete im festlichen Glanz seiner Kerzen. Ich schaute hin und klatschte in die Hände. Vor dem Tannenbaum stand mein Fahrrad! Funkelnagelneu sah es aus. Mit Gesundheitslenker, Lampe und Gepäckständer. Liebevoll strich ich mit der Hand über das Metall. Dunkelgrün schimmerte es. Vater hatte es mit Meisterhand lackiert, der Lenker war mit Silberbronze gestrichen. Wunderschön!

Bei Kartoffelsalat und Würstchen vom Fleischer erzählte mir Vater, woher er das Fahrrad hatte. Gekauft hatte er es nicht, denn so etwas gab es noch nicht im Handel: „Du kennst doch Hermann Mante. Der repariert alte Fahrräder. Und - er baut auch aus alten Teilen ein Neues zusammen. Ich habe ihm unser kaputtes Rad hingebracht. Die fehlenden Teile hatte er selbst besorgt und das Rad für Dich montiert. Ich musste es vormittags, wenn Du in der Schule warst, abschleifen. Dann habe ich es gestrichen.“

Ganz hinten in seiner Malerwerkstatt hatte er es versteckt. Da ging ich selten rein und konnte es so vorher nicht entdecken.

Trotz Eis und Schnee stieg ich am ersten Feiertag auf mein Rad und fuhr die Vogelgesangstraße auf dem Bürgersteig entlang. Mir schien, als sei die Welt näher an mich heran gerückt und wartete darauf, dass ich sie entdeckte.



Mit dieser kleinen, wahren Weihnachtsgeschichte möchte ich allen meinen Freunden, Bekannten und Besuchern ein frohes und gesundes Weihnachtsfest wünschen!

 

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Veröffentlicht in Lychener Stammtisch-Geschichten

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xamantao 12/31/2011 07:22


Hallo Joachim, ich komme erst heute Morgen dazu, einmal mit Muse in Deinem Blog  zu lesen. Das ist eine stimmungsvolle, warmherzige Weihnachtsgeschichte.


Nur etwas irritiert mich: Diese schwarz-weiß gefüllten Eier, auf die Du so sehnsüchtig an Weihnachten gewartet hast, gibt es bei uns im Westen seit Jahr und Tag zur Osterzeit. Ähem...


Liebe Grüße!

anais 12/31/2011 14:23



Hallo Xammi! Ist denn so etwas möglich! Sollte ich mich geirrt haben? Haben wir vielleicht zu Ostern auch ein Paket von Tante Friedel aus München bekommen? Ich weiß es nicht mehr. Dann war es die
Schokolade, die ich alleine essen durfte. Aber - gibt es die Waffeleier heute nicht auch zu jeder Zeit? Habe schon ewig keine mehr gegessen. Lach!


Liebe Grüße


Joachim



Cebulon 12/30/2011 11:05


Hat sie gut gemacht die Freundin.


Ja, ich habe von meinem Vater und Großvater auch einige Geschichten über Fahrräder gehört. Die wurden aus überall gesammelten Einzelteilen zusammen gebastelt. Da keine Reifen und Schläuche zu
kriegen waren sollen ersatzweise Gartenschläuche verwendet worden sein!? Ob das wohl stimmt, oder wollten sie mich da "auf die Schippe nehmen"?


Früher war es ja schon was ganz tolles wenn man ein Fahrrad hatte um zur Arbeit zu fahren. Es wurden täglich Wege zur Arbeit hin und zurück absolviert die für uns heute eine Wandertour wären. Und
zwischendurch wurde auch noch richtig hart gearbeitet, zum Beispiel unter Tage im Kohlebergbau, so wie mein Großvater. Heute geht es nur darum wieviel PS das Auto hat, von dem man zur Arbeit
geschaukelt wird.


Die Fußgänger-Zeiten sind aber noch gar nicht solange her, mein Vater hat das noch erlebt. Irgendwann hatte er dann ein Moped. Mit dem hat er dann später seinen Sohn, nämlich mich, mit zur Arbeit
genommen. Als der Sohn dann alt genug war hat er den Führerschein gemacht und sich einen uralten VW-Käfer zugelegt. 34 PS, und eine Heizung die nur kalt und heiss kannte, aber zu der Zeit der
Gipfel des Luxus. Da hatten Vater und Sohn nun ein Dach über dem Kopf und wurden im Regen nicht mehr nass.


Sowas kennt unsere Jugend nicht mehr, die schon zur Schule mit dem (Zweit-) Auto gefahren wurde. Die Frage ist nur ob sie solche Zeiten wieder vor sich haben!?


 

anais 12/31/2011 14:19



Hallo Cebulon! Interessante Erlebnisse hast Du mir berichtet. Das ähnelt ein bischen der Situation, in der auch mein Vater war. Er fur jeden Tag zum Malern mit dem Fahrrad oder ging zu Fuß, wenn
es nicht zu weit war. Später hätte er ein Moped von Simson Suhl. Das werk stand in Thüringen. Einen Trabbi hatte er nicht und trotzdem lief alles gut. Du könntest auch Erlebnisse aus der
Vergangenheit aufschreiben, denn schon die Kommentare sind sehr originell.


Liebe Grüße


Joachim



Archi 12/28/2011 18:23

Guten Abend Joachim Meine Eltern hatten in meiner Kindheit einfach das Fahrrad umgestrichen. Es war wie neu, und ich habe mich sehr darüber gefreut. Es war ein schönes Weihnachten; traditionell mit
Lesen und Singen. Alles Gute dir. lg Archi

anais 12/31/2011 14:07



Hallo Archi! Das glaube ich Dir, dass es für Dich ein schönes Weihnachtsfest war. Mit einfachen Mitteln wurden die schönsten Sachen gezaubert. Solche Feste bleiben gut in Erinnerung. Heute hast
Du bestimmt ein schickes Damenrad und saust durch den Verkehr, oder?


Liebe Grüße


Joachim 



Archi 12/26/2011 21:18

Hallo Joachim Vielen Dank für die Eindrücke aus deiner Weihnachtsgeschichte. Sie haben mich sehr bewegt. Alls Liebe lg Archi

anais 12/28/2011 18:08



Hallo Archi! Für ein schönes Weihnachtsfest sorgten die Eltern auch in solchen Zeiten, wo es nicht allzu viel gab. Fein, dass dir die Geschichte gefallen hat.


Liebe Grüße


Joachim



Cebulon 12/26/2011 19:02


Hallo Joachim, das hast du ja mal wieder sehr schön beschrieben. Bist halt doch ein begnadeter Schriftsteller. Allerdings hast du nichts zu den Bildern geschrieben, besonders das obere gefällt
mir sehr gut. Sollte es sich da etwa um eine Eigenproduktion handeln?


 


 


 


 

anais 12/28/2011 17:48



Hallo Cebulon! Mein erste Fahrrad ist mir in guter Erinnerung geblieben. bin viel damit herumgefahren. Für solche Geschenke musste in jener Zeit viel organisiert oder getauscht werden. Die
Bilder, lieber Cebulon,  sind nicht von mir gemacht. Oben steht eine abfotografierte Weihnachtskarte. Aber unten, diese Grußkarte hat eine Freundin im "3-D-Klebenverfahren" hergestellt. Da
guckt Rudolf aus der Karte heraus. Lach.


Liebe Grüße


Joachim