Mit dem Bann belegt

Veröffentlicht auf von anais

Stammtischglocke-002.jpg

Auf dem Lychener Historienstammtisch kamen wir jüngst auf alte Heilpraktiken in unserer Gegend zu sprechen. Darunter ist wohl das Besprechen oder Böten heutzutage noch am bekanntesten. In Lychen lebte eine alte, sehr korpulente Frau, Helene Punktow. Sie kam nach dem Krieg als Vertriebene aus den ehemaligen Ostgebieten in unseren Ort. In jener Zeit gab es noch keine sehr gut wirksamen Medikamente gegen die Rose, die im Ernstfall, wie bei der Gürtelrose, wenn diese sich schließt, zum Tode führen kann. Unser alter Landarzt, Dr. Jugert, wenn er selber nicht mehr weiter wusste, gab den Patienten dann den wohlgemeinten Rat: "Wenn Sie daran glauben, dann lassen Sie sich die Rose pusten." Nicht wenige befolgten in ihrer Not diesen Hinweis und gingen zu Helene Punktow, die sich darauf erwiesenermaßen verstand. So heilte sie auf ihre geheimnisvolle Weise so manche Lychener, vor allem Frauen.
Meine Mutter ließ bei mir, als ich ein kleiner Junge war, den Ziegenpeter, oder auch Mums genannt, besprechen. Daran kann ich mich noch gut erinnern. Die Zeremonie muss für sie sehr anstrengend gewesen sein, weil sie ihre heilende Energie auf mich übertragen musste. Und - nach wenigen Tagen war der geschwollene Hals weg. Weil sie sehr nett zu uns war, kam sie öfter zu Besuch. Und so fragte ich sie, ob sie mir meine vielen Warzen auf dem Knie wegböten könnte. Wir spielten ja als Kinder in den Ruinen und kamen mit allerhand Unrat in Berührung. Da meinte sie: "Das kannst Du selber tun." Sie schrieb mir einen Spruch auf. "Damit gehst Du an einen stillen Ort. Und wenn die Glocken läuten, flüsterst Du dreimal diesen Spruch und pustest drei Kreuze von oben nach unten, von links nach rechts über Dein Knie." Also tat ich das bald. Auch die Warzen verschwanden. Später wollte sie mir ihr Wissen weitergeben. Allerdings war meine Mutter dagegen. Heute denke ich daran zurück  und finde es eigentlich schade, dass sie das nicht durfte, zumal ich sie gerne mochte und sie im Ort sehr angesehen war.
Helene Punktow war eine gottesfürchtige Frau. sie versäumte keinen Gottesdienst in der evangelischen St.-Johannes-Kirche. Glücklich war sie jedesmal, wenn sie beim Erntedankfest ihren kleinen Anteil von den Früchten bekam. Dann geschah jedoch so zwischen 1956/58 etwas Böses. Beim Erntedankfest wurde sie nicht mehr bedacht und der damalige, sehr intolerante Pfarrer Noack verbot ihr den weiteren Zugang zur Kirche
wegen ihrer "geheimen Künste". Faktisch hatte er über sie den Bann verhängt.
Mich erinnert das an einen Hexenprozess in Lychen Anfang des 17. Jahrhunderts. In den 60er Jahren waren die Zeiten anders. Scheiterhaufen waren aus der Mode gekommen. Aber auch so wurde die Seele der Frau zerbrochen. Sie vereinsamte und nahm sich am Ende das Leben. Die Frage bleibt offen. In wem steckte da der Belzebub - in der Böterin oder im Pfarrer. Beide waren nur Menschen.

Veröffentlicht in Lychener Stammtisch-Geschichten

Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:

Kommentiere diesen Post

Katharina vom Tanneneck 04/03/2010 00:40



Da stimme ich Dir zu! Das ist der größte Murks der Kirche und der liebe Gott kann so etwas nicht wollen. Liebe Grüße, Katharina



anais 04/03/2010 22:25



So denke ich auch.


Liebe Grüße


Joachim



Katharina vom Tanneneck 03/31/2010 00:29



Na ja, kirchlich war das bestimmt nicht! Vielleicht bessern sich die Kirchendiener noch, nach all dem was jetzt ans Tageslicht kam. Schlimmer kann es bestimmt nicht werden! Liebe Grüße, Katharina


 


 



anais 04/01/2010 08:46



Da sollte mal der Papst vor allem das Zölibat abschaffen.


Liebe Grüße


Joachim



Katharina vom Tanneneck 03/28/2010 23:43


Hallo Joachim, ich bin sehr früh aus der Kirche ausgetreten und habe es bisher nicht bereut. Die Kirche hat mit Gott nichts gemeinsam! Man muß nicht in der Kirche sein um an Gott zu glauben und
wenn es tatsächlich einen Gott gibt, so ist er nicht wie die Kirchendiener sondern ein gütiger Vater, der vergeben und verzeihen kann. Er wird uns einen Schluck Wein abgeben und trotzdem Wasser für
uns bereit halten, damit wir nicht verdursten!  
Liebe Grüße,
Katharina


anais 03/30/2010 21:34



Mich hat der selbe Pfarrer nicht eingesegnet, weil ich gleichzeitig zur staatlichen Jugendweihe gegangen bin. So war damals die Order der Kirche, obwohl beides nichts miteinander zu tun
hatte.


Liebe Grüße


Joachim



xamantao 03/28/2010 21:35


Der Pfarrer meiner Kindheit war auch so ein altes Ekel. Er hat jeden Sonntag von der Kanzel herunter gewettert.
Meine Mutter ging zwar immer in die Kirche, aber sehr ungern und selten beichten. Als sie es einmal nach langer Zeit hinter sich brachte, war sie schon im Beichtstuhl "zur Sau gemacht" worden. Sie
hatte gar nichts Schlimmes angestellt, aber gewagt, ihm zu widersprechen. Deshalb hatte der alte Grieskram noch gut in Erinnerung und traf die "gottgewollte" Entscheidung, ihr die Kommunion zu
verweigern. Das war für Mutti ein böser Schlag. Sie hat tagelang geweint.


anais 03/28/2010 22:06


Das passiert vor allem solchen Priestern, die meinten, wirklich Stellvertreter Gottes zu sein.
Das, was Deiner Mutter mit dem alten Griesgram passiert ist, ist genau so eine erbärmliche Geschichte. Und davon gibt es unzählige. Leider!


Katharina vom Tanneneck 03/27/2010 01:23


Ich komme aus einem Land wo die katholische Kirche dominierte! Der Pfarrer predigte von seiner Kanzel wen man wählen sollte und ich habe in meiner Jugend nicht viel Positives von der Kirche
erfahren. Christlich war es auf keinen Fall und ich bedaure die Frau Punktow sehr. Sie hat viel Gutes getan und wurde dafür von der Kirche verdammt. Es gibt da einen Satz - liebe Deinen Nächsten
wie Dich selbst. Hätte die Kirche und ihre Pfarrer sich immer daran gehalten, hätten sie heute einen besseren Ruf.
Liebe Grüße,
Katharina


anais 03/27/2010 14:16


Hallo Katharina! Ich stimme Dir da voll und ganz zu. Wie schon Heine in seinem "Deutschland - ein Wintermärchen" schreibt: "Sie trinken heimlich Wein und predigen öffentlich Wasser".
Liebe Grüße
Joachim


Margot 03/26/2010 18:39


Eiine Geschichte, die einen schalen Nachgeschmack hinterlässt. Der Pfarrer, wenn er sich streng an die kirchlichen Lehren hält, konnte vermutlich nicht anders. Dennoch hat diese Frau sicher viel
Gutes bewirkt. Das sind so diese Kleinigkeiten (so klein sind sie gar nicht), die einen an der Lehre zweifeln lassen. Wo ist da die angebliche Nächstenliebe? Hätte Gott wirklich auch so
gehandelt?
Liebe Grüße von Margot


anais 03/27/2010 14:07


Hallo Margot! Für mich ist das eine tragische Geschichte und ein Beispiel von Intoleranz, die immer wieder vorkommt.
Liebe Grüße
Joachim