Platzfeste Luftballons

Veröffentlicht auf von anais

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Anfang der 1950er Jahre stand als eines der ersten Geschäfte die Drogerie Wasmund wieder an ihrem alten Platz am Markt. Das frühere stattliche Bürgerhaus war im Krieg ein Opfer der Flammen geworden. Konrad Wasmund baute hinter den Resten der Fassade, die im Erdgeschoss stehen geblieben waren, seine Verkaufsstelle auf. Ein Eingang und ein Schaufenster hinter grün gestrichener Fassade – das war alles.

Konny, wie er unter Freunden genannt wurde, hatte nicht nur Waschpulver und Seife im Angebot. Nein, bei ihm gab es fast alles, was man sich denken konnte. Darüber freuten sich die Lychener. Bei ihm kauften sie Farben und Pinsel, Kräutertee und Hustenbonbons, Franzbranntwein und Wischtücher, hier in der Gegend Scheuerlappen genannt.

Für uns Kinder hatte er meistens das begehrte Brausepulver mit Himbeer-, Orangen-, oder Waldmeistergeschmack, das wir uns genüsslich auf der Zunge zergehen ließen. Lutscher an Holzstielen standen auf dem Ladentisch und lose Bonbons, wenn er gerade welche bekommen hatte. Neu im Angebot waren eines Tages die kleinen, aus Glas geblasenen Flaschenteufelchen. Oft waren sie zweifarbig gestreift. Die Teufelchen taten wir in Brauseflaschen mit Klappverschluss, wie sie damals allgemein im Handel waren und heute wieder einige exquisite Biersorten enthalten. Wir füllten bis zum Rand Wasser auf, setzten uns nachmittags auf den Rasen am Straßenrand und ließen die Teufelchen Pirouetten tanzen.

Eigentlich war das ja mehr etwas für die Kleinen oder die Mädchen. Wir größeren Jungs kehrten bei Wasmund ein, wenn wir von der Schule den Angelberg herunter kommend in die Stadt hinein kamen, um zu sehen, ob er wieder mal Luftballons im Angebot hatte. Wenn er welche hatte, sahen sie genauso aus, wie das Brausepulver, rot, gelb, grün.

Und so taten es fröhliche Kinder wieder eines schönen Nachmittags. Wir hatten nicht das Glück, denn meine Clique war nicht dabei. Sie fragten also nach Luftballons. Konny Wasmund überlegte einen Augenblick, denn er wollte die Kinder nicht enttäuschen und sie ohne Ballons wegschicken, weil er gerade keine hatte. Da kam ihm eine glänzende Idee: Hatte doch die Firma Erich Kästner aus Dresden damals schon bald nach dem Krieg wieder Kondome hergestellt. Und die hatte seine Drogerie auf Lager.

Also verkaufte er den ungeduldig Wartenden einige lose Kondome mit der Bemerkung, diese Ballons wären stabiler und ließen sich viel größer aufblasen. Freudig zogen die Kinder nach Hause und probierten den Luftballonspaß. Am nächsten Tag wurde Konny Wasmund in den Rat der Stadt, Abt. Versorgungswirtschaft, zitiert. Die Angestellte tat ihm kund, Eltern hätten Beschwerde eingereicht, weil er Minderjährigen Präservative verkauft hätte. Konny gab das zu. Er wurde belehrt, erhielt eine Abmahnung und hatte eine Strafe zu zahlen.

Ob die betroffenen Eltern den Anlass nutzten, um ihre Sprösslinge über die richtige Verwendung der Gummis aufzuklären, bleibt dahin gestellt.

Diese Episode hat mir Konrad Wasmunds Sohn erzählt, der heute in Lychen die große Drogerie am Marktplatz in dritter Generation betreibt.

Veröffentlicht in Lychener Stammtisch-Geschichten

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Katharina vom Tanneneck 11/10/2011 23:04



Warum nur mußte ich schon bei der Überschrift an Kondome denken? Weil mir da auch alle Sünden einfielen, die wir damit angestellt haben. 


Wir haben mal ein Kondom mit Wasser befüllt und als es sich schon über das Waschbecken erhob, haben wir es ablaufen lassen. Ich schätze, 15 Liter waren da schon drin. 


Bei Deiner Geschichte finde ich den Ärger nicht angebracht. Die Eltern hätten doch einfach mit dem Mann reden können. Er hatte es ja gut gemeint.


Liebe Grüße, Katharina



anais 11/13/2011 21:13



Hallo Katharina! Beim Lesen Deines Kommentars habe ich herzhaft gelacht. Ja, in solch' einen Gummi geht eine Menge Wasser rein. Solche Späße haben wir auch gemacht. Sie wurden auch als Stiefel
für Mskottchen benutzt. Konny Wasmund war ein Mann, der sich über solche Maßnahmen nicht sonderlich geärgert hat.



Reinhold.Einloft 11/10/2011 13:03



Tja, so kann aus Großherzigkeit Ärger entstehen. Honi soit qui mal y pense.


Schöne Geschichte, gut erzählt. Danke


Gruß RE



anais 11/10/2011 17:06



Ja, kommt eben immer auf das Humorverständnis der Eltern an Sie hätten ihn nicht anschwärzen sollen sondern sie hätten mit ihm reden können.


Liebe Grüße


Joachim