Spuk im Kirchturm

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Stammtischglocke-002.jpgAls wir uns auf dem Historienstammtisch über die im 13. Jahrhundert aus Feldsteinen erbaute Lychener St.-Johannes-Kirche unterhielten, kamen wir auf die Pfarrer und Küster zu sprechen, die in dieser mächtigen mitteralterlichen Wehr- und Schutzkirche ihren Dienst verrichteten. Derer waren es viele, soweit die Aufzeichnungen zurückreichen. Zu den Küstern, auch Kirchendiener genannt, gehörte so um 1955/56 auch Hans Müller, ein kleiner, freundlicher Mann mit Krückstock. An ihn kann ich mich besonders gut erinnern. Als Schüler der 5. und 6. Klasse nannten wir ihn schlicht und einfach Onkel Hans. In jenen Jahren mussten die drei Kirchenglocken "Glaube", "Liebe" und "Hoffnung" noch mit dem Strick gezogen werden. Das taten wir Jungen und Mädchen gerne. Der Stärkste durfte die große Glocke "Glaube" ziehen, denn beim Anhalten flogen wir mit dem Strick bis hinauf ans Gebälk. Und - die Glocken durften nicht nachschlagen. Wenn das mal passierte, meinte Onkel Hans ganz aufgeregt: "Das zieht einen Toten nach sich, wenn die Glocke nachschlägt!" So hatte sich zwischen uns und Onkel Hans eine richtige Freundschaft entwickelt. Manchmal spielte er mit uns sogar Murmeln auf dem Kirchplatz. Im sonnigen Spätherbst eines jener Jahre heckten wir einen unserer schönsten Kinderstreiche aus. In den Gärten gab es so viele große Kürbisse wie nie zuvor. Und da kam mir die Idee, Kürbisköpfe zu schnitzen und mit Kerzen zu versehen. Meine Schulkameraden machten sofort begeistert mit. Dann fragten wir Onkel Hans: "Lässt Du uns mal abends, wenn es dunkel wird, auf den Kirchturm hinauf? Wir wollen dort mal die leuchtenden Kürbisköpfe in den Turmfenstern ausstellen." Onkel Hans war davon nicht so sehr begeistert. Aber nach langem Bitten und Betteln willigte er ein. Abends gegen acht oder halb neun Uhr stiegen wir die enge Turmtreppe mit drei großen, gruseligen Kürbisköpfen empor. Zu jener Zeit hatten die Leute kaum Fernsehen zu Hause, und gerne trafen sie sich abends mit den Nachbarn zum Plausch vor der Haustür.
Oben angekommen, zündeten wir die Kerzen an und stellten die drei Kürbisse nach Norden, Osten und Süden in die schmalen Turmfenster. Dann schauten wir voller Spannung und Neugier nach unten in die unterhalb der Kirche verlaufende lange Vogelgesang- und in die Kirchstraße, wo wir alle wohnten. Es dauerte nicht lange, da zeigten die Älteren mit Händen und Stöcken zum Kirchturm hinaus, liefen zu Grüppchen zusammen und gestikulierten aufgeregt herum.
Eine dreiviertel Stunde lang genossen wir den Spaß, bis uns Onkel Hans zur Umkehr mahnte. Ich hatte vor dem Abstieg vergessen, mein Kerzenlicht auszupusten. Und so kamen wir an die Eingangspforte. Dort stand schon eine feine Dame mit elegantem Hut und meinte nur: "Das hat aber ein Nachspiel!"
Und so kam es am folgenden Tag, dass sich unser lieber Onkel Hans vom Pfarrer eine ordentliche Standpauke anhören musste. Und üble Zungen behaupteten sogar, seine kräftige Frau Erna hätte ihn übers Knie gelegt.
Für uns war das einer der aufregendsten Kinderstreiche - so ähnlich wie in den "Heiden von Kummerow" von Ehm Welk. Fl--ermuseum-und-Lychen-Bilder-001.jpg

Veröffentlicht in Lychener Stammtisch-Geschichten

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Katharina 12/22/2009 23:18


Ich bleibe am Ball und bin auch gespannt was ich da erfahre.

Liebe Grüße,
Katharina


Katharina 12/21/2009 23:38


Ich suche hier in unserem Ort auch nach Originalen und wir haben tatsächlich einige, die in Frage kommen. Ich weiß nur leider nicht ob es ihnen recht ist. Kommt Zeit, kommt Rat. Wenn ich sie besser
kenne frage ich einmal. Jetzt traue ich mich noch nicht. Lach.
Liebe Grüße,
Katharina


anais 12/22/2009 09:42


Das ist immer spannend, was die Alteingesessenen zu erzählen haben. Manchmal kennen sie noch alte Sagen und Geschichten. Nur Mut!!
Liebe Grüße
Joachim


MBT 12/21/2009 22:37



Rückbesinnung auf die alte Zeit ist nie falsch, Nostalgie zu erleben ist immer etwas ganz besonderes....


Dir eine schöne Restwoche und ein festliches Weihnachten!



anais 12/22/2009 09:39


Das stimmt. Ich wünsche Dir ebenfalls schöne Feiertage!
Liebe Grüße
joachim


Katharina 12/20/2009 01:27


Kann mir denken, dass Ihr Euren Spass hattet! Heutzutage würde das keiner mehr mitkriegen oder sie würden Ufo's vermuten.
Schönen Adventssonntag und liebe Grüße,
Katharina 


anais 12/20/2009 09:13


So ist es. Die Zeiten haben sich geändert. Wenn ich hier über Spaß und Humor in Lychen schreiben will, muss ich fast ausschließlich auf frühere Zeiten zurück greifen. Na, vielleicht entwickelt sich
hier mal wieder ein "neuzeitliches" Original! Lach!
Liebe Grüße
Joachim


Margot 12/18/2009 22:39


Damals wart ihr sicher froh, dass nicht ihr übers Knie gelegt worden seid. Aber dem Onkel Hans gönne ich das auch nicht. Das war sicher nur ein Gerücht. Hoffe ich zumindest.
Liebe Grüße von Margot


anais 12/20/2009 09:06


Also, um ehrlich zu sein, zu Hause hat meine Mutter auch zu mir gesagt: "Wie könnt Ihr nur so etwas machen und die Leute in Angst versetzen. Die haben doch wirklich geglaubt, im Kirchturm spukt
es." Aber Prügel geb es deswegen nicht, weil die Eltern auch lustig und spaßig waren.
Liebe Grüße
Joachim


MBT 12/18/2009 21:17



Heute würde man um sowas wahrscheinlich nicht einmal mehr einen Finger rühren, alles hat sich gewandelt


Dir ein schönes Wochenende



anais 12/20/2009 09:02


Das war damals eben eine Zeit, in der man mit viel Fantasie und mit einfachen Dingen sich Erlebnisse verschaffte. Manche besinnen sich aber heute gerne darauf zurück.
Liebe Grüße
joachim