Lychener Stammtisch-Geschichten

Thursday, 15. december 2011 4 15 /12 /Dez. /2011 16:57



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Beim Aufräumen auf dem Dachboden fiel mir eine Kiste in die Hand. Ich öffnete sie und fand Hefte, kleine Bücher, Fotos und allerhand Kleinigkeiten aus längst vergangenen Zeiten. Ich nahm die Kiste mit in das Wohnzimmer und begann, alles genauer zu betrachten. So entdeckte ich eine Schrift, die mir zuerst fremd erschien. Es dauerte nur einen kurzen Augenblick, bis ich sie lesen konnte. Ich erinnerte mich, das auf einer nahen Insel einmal ein kleines Volk lebte, viel kleinwüchsiger als die Hobbits. Auf diesem Eiland in unserem See gründeten sie ihr Land. Sie bezeichneten es weder als Monarchie oder Republik noch Staat sondern schlicht und einfach als „Land Ceba“. Als Junge hielt ich mich jeden Tag am See auf. Und so sah ich das geschäftige Gewimmel auf der Insel. Das Völkchen schickte sich an, Häuser zu bauen, die langsam zu einer Stadt heranwuchs. Ich legte mich am Rande lang hin und schaute ihnen zu. Eine winzige Gruppe bemerkte mich, einer kam auf mich zu und sprach: „Willst Du ein Freund meines Volkes sein?“ „Oh“, freute ich mich, „er spricht Deutsch.“ Ohne zu zögern sagte ich „Ja, ich will Euer Freund sein.“ „So empfange hier diese Schrift, das Manifest der Ceben. Hilf' uns, damit wir in Frieden und Eintracht leben.“ Zugleich gab er mir das Alphabet, damit ich den Inhalt lesen konnte. Hier ist das Dokument, das lange Zeit in der Kiste geschlummert hat.

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Übertragen in unsere Schrift ist zu lesen:

Das Volk der Ceben hat sich sein Land gegründet mit dem Ziel, allen seinen Bewohnern ein Leben in Gleichheit, Brüderlichkeit und Freiheit zu garantieren. Gerechtigkeit soll herrschen unter Unseresgleichen. Durch Arbeit und ehrlichen Tausch der Produkte sollen Alle in Wohlstand und keiner in Armut leben.

Der Rat der Gerechten“

Jeden Tag lief ich nachmittags zur Insel. Der Mutter ließ ich verstehen, ich wollte wegen der Schulaufgaben nicht gestört sein. Behutsam half ich meinen Freunden. Ich zeigte Ihnen, wie sie aus der geschmeidigen Erde Blöcke für den Bau ihrer Wohnhäuser und ihres großen Verwaltungspalastes formen konnten.

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Es entstanden ihre Hauptstadt, die sie „Pacifica“ nannten und eine Hafenstadt. Sie bewirtschafteten das Land und kultivierten ein seltenes Moos, das ihnen hochwertige Nahrung gab. Aus diesem Moos gewannen sie ein Elexier, das Demjenigen, der es zu sich nahm, lange Gesundheit versprach. Mit diesem Elexier gelang es ihnen, sich bei den Menschen einen der ersten Großrechner einzutauschen. Sie ließen ihn von findigen Köpfen minimieren und stellten ihn in das Verwaltungsgebäude. Als sie mir diesen Erwerb eines Tages freudig verkündeten, fragte ich voller Neugier: „Wozu braucht ihr dieses Ding?“ Mit verschmitztem Lächeln verriet mir der Älteste der Gerechten: „Der Rechner verwaltet unser Land. Wir geben alle wichtigen Daten für unser Leben ein, und er entscheidet für uns mit Unvoreingenommenheit zum Wohle aller. In gewissen Abständen wechselt das Eingabe-Team.“ „Was ist denn der tiefere Sinn des Ganzen“, fragte ich weiter. „Nun“, hob er mit vollem Ernst seine Stimme an, „Wir wollen nicht von Unsresgleichen regiert sein, denn das würde Ungerechtigkeit schaffen.“ Da schwieg ich still, weil ich als Junge nichts vom Regieren verstand.

Lange lebten die Ceben auf der Insel. Zogen die Menschen im Sommer in ihren Booten vorbei, so glaubten sie, ein Märchenland zu sehen. Die Ceben aber zeigten sich ihnen nicht. Sie zeigten sich nur mir. Im festen Glauben, dieses glückliche Land hätte ewigen Bestand, wurde ich nach Jahren bitter enttäuscht. Auf der Insel herrschte Schweigen. Nur wenig ist mir geblieben.

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Und heute? Ich pflanze Kartoffeln auf dem fruchtbaren Land.

 

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Thursday, 8. december 2011 4 08 /12 /Dez. /2011 17:49

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Kurz nach dem Einmarsch der Roten Armee im April 1945 besetzten die Russen einige Höfe und Gebäude im Ort und richteten dort ihre Verwaltung und Logistik ein. So beschlagnahmten sie auch den Hof des Bauern Helm am Ende der Springstraße.

Juttas Mutter, Lotte Wings, die nicht weit entfernt wohnte, wurde auf diesen Hof zur Arbeit zwangsverpflichtet. Von Beruf Näherin, hatte sie Offiziersuniformen auszubessern und zu flicken.

Auf dem Bauernhof ließen die Offiziere Rinder und Schweine schlachten, die sie in der Umgebung aufgetrieben hatten. Das Fleisch wurde für die Versorgung der Truppe verarbeitet. Aus den fetten Schweineschwarten brieten die Frauen Schmalz aus. Von den Ochsen nahmen sie so gut wie alles, was verwertbar war – nur die Schwänze nicht.

Lotte Wings hatte hungrige Münder zu Hause, die versorgt werden wollten. Auf ihr Bitten erhielt sie die Genehmigung, die Ochsenschwänze mit nach Hause nehmen zu dürfen. Ebenso auch die zu Blöcken zusammen gepressten Schweinegrieben. Fleisch war zu jener Zeit rar, und so freute sich die Mutter über die Ochsenschwänze, weil sich daraus die feinste Suppe zubereiten ließ.

Zu Hause säuberte und wusch sie die Schwänze im Wasser aus dem eigenen Brunnen. Sie wurden anschließend mit Salz, Pfeffer und Lorbeerblatt und vielleicht noch anderen Gewürzen ausgekocht. Das Fleisch löste sie von den Knochen ab und legte es beiseite. Danach wurden klein geschnittene Kartoffeln, Möhren, Sellerie und Porree aus dem eigenen Garten in der Brühe weich gekocht und anschließend das Fleisch hinzugegeben. So hatte die Familie ein kräftiges Sonntagsessen, wovon andere in der schweren Nachkriegszeit nur träumen konnten.

Jutta war fünf oder sechs Jahre alt. „Ich weiß heute noch, wie gut uns allen die Suppe geschmeckt hatte“, meinte sie, als sie die kleine Episode erzählte. „Und die Schweinegrieben wurden durch den Fleischwolf gedreht. Das ergab immer noch genügend Fett und Griebenschmalz. Mutter war da sehr findig.“

Als Lotte Wings viele Jahre später wieder einmal Ochsenschwanzsuppe zum Mittagessen kredenzte, schmeckte die Suppe ihrer lieben Tochter überhaupt nicht mehr. Da herrschten nämlich wieder bessere Zeiten, als die Gaumen an Braten, Koteletts und Rouladen gewöhnt waren.





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Friday, 25. november 2011 5 25 /11 /Nov. /2011 08:27

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Geheimnissvoll schien uns Jungen immer wieder die gewaltige Wehrkirche in Lychen. Aus dem Granit der Eiszeit erbaut, steht sie seit dem 13. Jahrhundert auf der höchsten Erhebung in der Stadt. Ihr mitteralterlicher, wuchtiger Backsteinturm blickt weit Seen und Wälder hinaus.

Wir kannten den schmalen Gang hinauf zu den Glocken. Oft sind wir die hohen Stufen gemeinsam mit dem Küster, unserem Onkel Hans, empor gestiegen, um die Glocken zu ziehen. Irgendwann ließ er uns einmal auf den weiten, dunklen Dachboden schauen. Betreten durften wir ihn nicht. War der Pfarrer nicht zugegen, durften wir in die Sankristei schauen, matt erleuchtet durch ein fantastisches Buntglasfenster mit einem Pelikan, der sich die Brust auf reisst und anderen allegorischen Darstellungen der Spender für den Wiederaufbau der Kirche 1693 bis 1696 nach einem großen Stadtbrand.

Eines schönen Sommernachmittags saßen wir zusammen auf dem Kirchplatz und träumten von Abenteuern und Entdeckungen. Ich deutete mit einer viel sagenden Geste an, dass ich etwas wüsste. Peter und Siegi schauten mich ungeduldig an, bis ich zu erzählen begann, was ich von meinem zehn Jahre älteren Bruder wusste, der sich in Geschichte so gut aus kannte wie kein anderer: „Mein Bruder Ulrich hat mir von einem unterirdischen Gang erzählt. Er soll von unserer Kirche aus bis zum Kloster Himmelpfort führen. Wie Ihr wisst, wurde das Zisterzienserkloster 1299 gebaut, und bald danach muss auch der Gang angelegt worden sein.“

Die beiden waren sofort Feuer und Flamme: „Wo soll der Gang denn hier in der Kirche sein? Man müsste doch irgendwo nach unten steigen können?“ Peter wurde etwas nachdenklich und meinte: „Ich kann mir kaum vorstellen, dass es einen solchen Gang bis nach Himmelpfort gibt. Überlegt doch mal! Wo sollte der denn entlang laufen? Durch oder unter den Großen Lychensee, an der ganzen langen Woblitz vorbei bis zum Kloster?“

Ich versuchte, seinen Zweifel zu zerstreuen: „Was denkst Du, wozu die Mönche damals fähig waren. Sie haben den Mühlenbach angelegt. Bei Fegefeuer schwere Bäume gerodet und wer weiß, was nicht noch so alles? Ich halte es für möglich, dass sie auch einen solchen langen unterirdischen Gang anlegen konnten. Irgend etwas muss doch dran sein.“ Und so begannen wir zu überlegen, wo wohl der Eingang zu finden wäre. Wir liefen die Kirchenmauern von außen ab, blieben an der Südkapelle, der Sakristei, stehen und entdeckten im Gras einen viereckigen Holzdeckel. „Da könnte es sein,“ riefen wir fast gleichzeitig. Vorsichtig, mit all' unserer Kraft, versuchten wir, den schweren Deckel hoch zu heben. Schließlich konnten wir ihn zur Seite legen und schauten hinab in ein schwarzes Loch, aus dem übel riechender Modergeruch empor stieg. „ Da steigen wir nicht runter,“ protestierte Siegi, „das ist eine Kloake mit dreckigem Wasser!“

Nein“, sagte auch ich enttäuscht, „hier kann es nicht sein. Lasst uns morgen Onkel Hans fragen. Vielleicht weiß der mehr. Uns wird er es bestimmt verraten.“ So warteten wir bis zum nächsten Tag.

Kurz vor Mittag fanden wir uns zum Glockenziehen vor der Kirchtür ein. Onkel Hans kam die Kirchstraße hoch, auf seinem Stock gestützt mit der Pfeife im Mund. Als er bei uns war, erzählten wir ihm ganz aufgeregt von unserer Idee. Mir war dazu noch eingefallen, dass es unter dem Altar eine Gruft geben sollte. „Onkel Hans,“ fragte ich ihn, „ könnte es nicht sein, dass von dort unten, in der Gruft, der unterirdische Gang losgeht?“ Onkel Hans überlegte, machte ein paar Züge aus seiner Pfeife und meinte darauf kopfschüttelnd: „In der Gruft unter dem Altar befinden sich die Särge der Pfarrer, die dort bis zum Jahre 1800 beigesetzt wurden. Um 1900 wurde der Eingang zur Gruft zugemauert.“

Enttäuschung glitt über unsere Gesichter. „Und weißt Du denn gar nichts weiter über den Gang,“ bohrten wir ungeduldig weiter. „ Ja, wisst Ihr, so viel, wie ich gehört habe, soll der unterirdische Gang vom Kloster Himmelpfort gar nicht hierher zur St.-Johannes-Kirche führen sondern bis nach Fegefeuer, zur früheren Strafkolonie des Klosters für widerspenstige und sündhafte Mönche.“

Als wir das hörten, waren alle unsere Hoffnungen geschwunden, denn der Gang müsste noch viele Kilometer weiter unter dem Oberpfuhlsee bis in den Küstriner Bach hinein führen. Einstimmig gaben wir unsere Entdeckungsgedanken auf und stiegen hinauf zu den Glocken mit den schönen Namen „Glaube“, „Liebe“ und „Hoffnung“.

Der unterirdische Gang vom Kloster Himmelpfort bis zum Fegefeuer wartet somit heute noch auf seine Entdecker.

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Friday, 18. november 2011 5 18 /11 /Nov. /2011 07:56

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Als ich 10 Jahre alt war, schenkten mir meine Eltern eine Violine zum Weihnachtsfest.Ich öffnete den Geigenkasten und erblickte ich das zarte Instrument. Es sah alt aus, schien jedoch sorgsam gepflegt, denn die braune Politur schimmerte in schwachem Glanz. Fragend schaute ich meine Eltern an: „Soll ich Geige spielen lernen?“ Meine Mutter nickte und meinte: „Es wäre doch wunderschön, wenn Du Violine spielen könntest. Es ist das Edelste aller Instrumente. Wir würden uns freuen, wenn wenigstens einer in der Familie etwas Hausmusik machen könnte. Was meinst Du? Willst Du Geige lernen?“

Hübsch sieht sie ja aus, dachte ich bei mir. Also gab ich meine Zustimmung. Ich packte sie aus, nahm den Fidelbogen heraus und setzte die Violine ans Kinn. „Bevor Du mit dem Bogen über die Saiten streichst“, sagte Vater, „solltest Du mit dem Kolofonium über die feinen Haare des Bogens streichen – zu Pflege.“ „Kolofonium“ hatte ich noch nie gehört und schaute auf das hellgelbe Wachs in der kleinen Dose. Ich tat, was Vater mir geheißen hatte und setzte den Bogen an die erste Saite. Dann fidelte ich einige Male hintereinander drauf los, dass meine Katze Nanni, so schnell sie konnte, ins Nebenzimmer floh. „Das kommt noch, warte ab. Wir werden Dich zu Übungsstunden bei Herrn Franz in Hohenlychen anmelden.“

Mit der Anmeldung sollte es allerdings noch eine Weile dauern. Ich weiß heute nicht mehr weshalb, denn erst im Frühlingsmonat Mai war es soweit. Meine Mutter hatte mich bei Herrn Franz angemeldet. Einmal in der Woche, nachmittags um Drei.

Und so lief ich an dem bestimmten Tag nachmittags nach der Schule den Angelberg, dann auf den Weinberg hinauf und suchte nach dem Haus des Musikers. Ich fand es bald, klingelte, und Herr Franz öffnete die Tür. „Na, dann komme mal rein!“ Ich kleiner Bengel schaute mir meinen Lehrer an. Er lief etwas gekrümmt durch einen Buckel auf seinem Rücken. Er hatte einen kahlen Kopf, stellte ich fest. Dunkel, wohl in Schwarz, war er gekleidet. „Ein echter Meister“, dachte ich bei mir mit gewissem Respekt.

Nun begann die erste Übungsstunde: Die Griffe hatte ich zu lernen und den Saiten saubere Töne zu entlocken. Es ging immer wieder daneben. Ein angenehmes Erlebnis war dieses erste Mal für mich keineswegs. Herr Franz gab mir den Ratschlag auf den Weg: „Übe fleißig zu Hause! Nur die Übung macht den Meister!“ Zu Hause übte ich auf meiner Violine – immer wieder, immer wieder. Lieber wäre ich zu meinen Freunden am Kirchplatz spielen gegangen oder wäre mit meiner ersten Schulfreundin Gudrun durch die Felder gestreift. Gudrun war ein hübsches, kluges Mädchen mit Affenschaukeln.

Schnell verging die Woche, bis ich wieder mit der Violine an der Hand zu Herrn Franz hinauf pilgerte. Nach den ersten Übungsstunden studierten wir mit ersten Noten das Lied „Hänschen klein ging allein“ ein. Meister Franz war nicht zufrieden. Keine lobenden Worte kamen aus seinem Mund, bis das „Hänschen klein“ zumindest als „Hänschen klein“ zu hören war. Wieder gebot er mir, ordentlich zu üben. „Es ist noch kein Meister vom Himmel“ gefallen“, ermahnte er mich zum Abschied. Langsam wurde mir das Geigespielen zum Gram. Ich hatte einfach keine Lust mehr.

Als die nächste Übungsstunde heran nahte, verabredete ich mich für denselben Nachmittag mit Gudrun. Mit dem Geigenkasten in der Hand spazierte ich mit ihr durch die blühenden hohenlychener Felder, klagte ihr mein Leid, und Gudrun tröstete mich.

An einem der folgenden Tage ging meine Mutter durch die Stadt zur Sparkasse, weil sie wieder 3,00 Mark Unterrichtsgebühren auf das Konto von Herrn Franz einzahlen wollte. Wie es der Zufall wollte, traf sie den ehrwürdigen Herrn. Sie kamen ins Gespräch. Meine Mutter erkundigte sich, wie ich mich denn so als Violinenschüler machte. Herr Franz setzte eine ernste Miene auf: „Liebe Frau, Sie brauchen mir die 3,00 Mark nicht mehr zu zahlen, denn Ihr Junge kommt nicht mehr zur Übungsstunde.“ Meiner Mutter war das wohl sehr peinlich, und sie meldete mich vom Violinenkurs ab.

Zu Hause stellte sie mich zur Rede, anfangs etwas temperamentvoll, meinte sie schließlich: „Wenn Dir das Geigespielen nicht gefällt, dann lass' es. Wir werden die Violine wieder verkaufen.“ An wen sie wieder verkauft wurde? Daran kann ich mich heute nicht mehr erinnern.

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Thursday, 10. november 2011 4 10 /11 /Nov. /2011 09:43

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Anfang der 1950er Jahre stand als eines der ersten Geschäfte die Drogerie Wasmund wieder an ihrem alten Platz am Markt. Das frühere stattliche Bürgerhaus war im Krieg ein Opfer der Flammen geworden. Konrad Wasmund baute hinter den Resten der Fassade, die im Erdgeschoss stehen geblieben waren, seine Verkaufsstelle auf. Ein Eingang und ein Schaufenster hinter grün gestrichener Fassade – das war alles.

Konny, wie er unter Freunden genannt wurde, hatte nicht nur Waschpulver und Seife im Angebot. Nein, bei ihm gab es fast alles, was man sich denken konnte. Darüber freuten sich die Lychener. Bei ihm kauften sie Farben und Pinsel, Kräutertee und Hustenbonbons, Franzbranntwein und Wischtücher, hier in der Gegend Scheuerlappen genannt.

Für uns Kinder hatte er meistens das begehrte Brausepulver mit Himbeer-, Orangen-, oder Waldmeistergeschmack, das wir uns genüsslich auf der Zunge zergehen ließen. Lutscher an Holzstielen standen auf dem Ladentisch und lose Bonbons, wenn er gerade welche bekommen hatte. Neu im Angebot waren eines Tages die kleinen, aus Glas geblasenen Flaschenteufelchen. Oft waren sie zweifarbig gestreift. Die Teufelchen taten wir in Brauseflaschen mit Klappverschluss, wie sie damals allgemein im Handel waren und heute wieder einige exquisite Biersorten enthalten. Wir füllten bis zum Rand Wasser auf, setzten uns nachmittags auf den Rasen am Straßenrand und ließen die Teufelchen Pirouetten tanzen.

Eigentlich war das ja mehr etwas für die Kleinen oder die Mädchen. Wir größeren Jungs kehrten bei Wasmund ein, wenn wir von der Schule den Angelberg herunter kommend in die Stadt hinein kamen, um zu sehen, ob er wieder mal Luftballons im Angebot hatte. Wenn er welche hatte, sahen sie genauso aus, wie das Brausepulver, rot, gelb, grün.

Und so taten es fröhliche Kinder wieder eines schönen Nachmittags. Wir hatten nicht das Glück, denn meine Clique war nicht dabei. Sie fragten also nach Luftballons. Konny Wasmund überlegte einen Augenblick, denn er wollte die Kinder nicht enttäuschen und sie ohne Ballons wegschicken, weil er gerade keine hatte. Da kam ihm eine glänzende Idee: Hatte doch die Firma Erich Kästner aus Dresden damals schon bald nach dem Krieg wieder Kondome hergestellt. Und die hatte seine Drogerie auf Lager.

Also verkaufte er den ungeduldig Wartenden einige lose Kondome mit der Bemerkung, diese Ballons wären stabiler und ließen sich viel größer aufblasen. Freudig zogen die Kinder nach Hause und probierten den Luftballonspaß. Am nächsten Tag wurde Konny Wasmund in den Rat der Stadt, Abt. Versorgungswirtschaft, zitiert. Die Angestellte tat ihm kund, Eltern hätten Beschwerde eingereicht, weil er Minderjährigen Präservative verkauft hätte. Konny gab das zu. Er wurde belehrt, erhielt eine Abmahnung und hatte eine Strafe zu zahlen.

Ob die betroffenen Eltern den Anlass nutzten, um ihre Sprösslinge über die richtige Verwendung der Gummis aufzuklären, bleibt dahin gestellt.

Diese Episode hat mir Konrad Wasmunds Sohn erzählt, der heute in Lychen die große Drogerie am Marktplatz in dritter Generation betreibt.

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