Der Garnmeister von Lychen - eine Sage von Gustav Metscher

Großer Lychensee.

Hochsommertag 1476.
Mit sämtlichen Netzen sind die Fischer in der Nacht tätig gewesen, um dem Blei beizukommen, der in den Binsen unweit der Insel im Großen Lychensee rumort hat. "Koste es, was es wolle!", habe der Garnmeister Daniel Henning den Fischergesellen zugerufen, als sie die Netze mit den Kähnen auszogen, "dem Abt muss heute der Schlunk gestopft werden! Hier trinkt und stärkt Euch zuvor, Prost!" Der Garnmeister ließ eine dickbauchige Steinkruke kreisen, die mit Branntwein gefüllt war. Die Fischerknechte maßen ihren Trunk nicht nach Daumesbreite. Man hörte den Branntwein indes tüchtig durch ihre rauhen Fischerkehlen gluckern. Dann wischten sie sich mit dem Handrücken den Mund, spuckten sich in die hohlen, schwieligen Hände und begannen den Zug zu ziehen, indem sie die Leinen über die Winden rollten, die in der Mitte des Kahnes kreischten. Der Garnmeister stand, die Fäuste auf seinen Lederschurz in die Seiten gestemmt, stumm in der hinteren Kahnspitze und wartete auf den Augenblick, da die "Flügel" des Netzes sichtbar wurden, denn wenn die "Flügel" nichts brächten, sähe es mit dem "Sack" erfahrungsgemäß auch nicht viel besser aus. Die "Flügel" rauschten langsam heran. die dicken Borkenkorken tauchten aus der Tiefe einer nach dem anderen auf. Die beiden Seitenflügel tropften aus dem Wasser in den Kahn. Kein Schwanz! Nicht einmal Kleinfische, geschweige denn jene "Herrenfische", auf die sich der Abt nun schon wochenlang drauf spitzt. Man merkt, wie dem Garnmeister Daniel Henning die Zornesader schwillt,die ihm steil über die Stirn läuft. Wie eine Zornesröte ihm in die schon wettergebräunten Wangen steigt.
Jetzt erscheint an der Oberfläche auch der "Sack". Es beginnt zu plätschern zwischen den Maschen. Es wird lebendig ganz hinten im Netz. Daniel Henning jedoch verzieht keine Miene. Er steht wie ein Felsen aus Bronze in seinem Kahn. Er kennt dieses Fischgemüse, das sich da zusammengefunden hat!
"Ist was für'n Klosterbauer!", ruft der älteste Fischerknecht spöttisch, als er das Sammelsurium von Plötzen, Güstern, Rotaugen und Barschen über den Kahnbord zieht.
"Der wird sich für solch Kruppzeug schönstens bedanken", entgegnet der Partner, der den anderen Flügel im Nebenkahn zieht, "dem sind die Herrenfische auch lieber als die Mästfische für seine Klosterschweine!"
"Klosterschweine...hähähä!...Klosterschweine...!", ruft da auf einmal bitter lächelnd der Garnmeister. "Köne, das hast du gut gesagt! Bravo! Klosterschweine ... ja, ja! Sei zufrieden, dass Ihr Euer Brot nicht auch in Klostersalz zu stippen braucht..."
Mit diesen Worten verließ der Garnmeister Henning den Kahn und begab sich landein.
Die Fischerknechte wussten, was die Glocke geschlagen hatte bei ihrem Meister. Bestimmt konnten sie ihn jetzt in der Schänke am Tor sitzen und zechen sehen, um sich mit frischem oder altem Branntwein seinen Ärger von der Seele zu spülen. Er sollte unter allen Umständen, wenn die Herren Erasmus von Berlin, Hans von Bredow, Hauptmann der Uckermark und Henning von Arnim auf Gerswalde zur Verhandlung nach Himmelpfort kommen, "Herrenfische" auf den Klostertisch liefern. So hatte es der Abt befohlen und ihm sogar gedroht, dass es unter Umständen seine Stellung kosten könnte, wenn er diese seine Aufgabe nicht erfülle.
Drei Tage und drei Nächte hatten seine Mannen nun schon das Zeug gezogen, bald am "Quast", bald am "Süßen Winkel", bald bei den "Schlänken" und bald bei den Binsen-Inseln. Immer ohne Erfolg. War das nicht zum Verzweifeln?! Konnte man es da dem Garnmeister übel nehmen, wenn er seinen Ärger über den Misserfolg im Branntwein zu ersäufen suchte. Fischerhandwerk ist nun mal ein nasses Handwerk! So saß er still vor sich hinbrütend über das Quartglas gebeugt und grübelte, grübelte, grübelte!
Da tat sich auf einmal die Tür zur Krugstube auf und herein humpelte an einem Eichenstock ein altes, verhutzeltes Weib in zerlumpten Kleidern. An einer Seite hingen ihr an einem Haken einige aus Stroh geflochtene Ringe, wie sie die Hausfrauen für die Herdstelle gebrauchen. Schlürfenden Schrittes wandte sie sich auch an den Einsamen dort hinter dem Quartglas.
Es blieb nicht nur bei einer Absage des Garnmeisters an die Hökerfrau, vielmehr bestellte ersterer für das Bettelweib beim Krugwirt ein Quart Branntwein, das dieses mit sichtbarem Wohlbehagen in einem Zug hinunterstürzte. "Sie hat ja einen guten Zug am Leibe!" sagte nach langem Schweigen jetzt etwas belustigt der Garnmeister und ließ ihr noch ein zweites Quart reichen. Das Hökerweib setzte sich nun mit der Frage: "Ist's erlaubt, guter Herr?" an den Tisch, da der Garnmeister saß und beide kamen bald in ein Gespräch, in dem natürlich die fremde Frau wortführend blieb, weil der Alkohol ihr, mehr als nötig war, die Zunge gelöst hatte. Da auch der Garnmeister bald sein Schweigen infolge der Branntweinwirkung ablegte, führten die beiden eine recht angeregte Unterhaltung. Bei dieser Gelegenheit erzählte Daniel Henning von der schweren Aufgabe, die ihm der Abt in Himmelpfort gestellt hätte und um sie zu lösen, er sich nun schon drei Tage und drei Nächte um die Ohren geschlagen hätte - immer ohne Erfolg! Es wäre zum Verzweifeln! Seine Stellung stände dabei auf dem Spiele!
Da knurrte die Alte wie ein Hofhund, wie er ihr solches erzählte, hob drohend den Eichenstock gegen die niedrige Krugstubendecke und sagte, indem sie zu ihm heran kroch und ihm die Hand auf die Schulter legte: "Heute Abend hat er zehn Zentner im Zeug. Zehn Zentner Bleie! Die werden ja wohl reichen für das Klosterpack!"
Der Garnmeister lächelte ungläubig.
"Brauchst nicht zu lächeln, guter Mann. Bestell mir noch ein Quart Branntwein. Dann will ich Dir sagen, wo Du das Zeug ziehen musst!"
Daniel Henning bestellte.
Der Krugwirt, der die Reden mit angehört hatte hinter dem Schanktisch, plinkte dem Garnmeister zu und füllte pflichtgemäß die Gläser der beiden Gäste mit neuem Trunk.
als er die Gläser vor den Beiden niedergestellt hatte, rückte die Alte noch dichter zu dem Fischer heran, legte ihm die schmutziggelbe Hand auf die Schulter und sagte geheimnisvoll: "Dies Mittel, das ich Euch nachher zusammenstelle, schüttet Ihr dahin heute abend, wenn die Sonne untergegangen ist, wo Ihr den Zug tun wollt. Morgen mit dem Hahnenschrei fahrt Ihr aus und kommt mit einem guten Blei-Gericht für die hohen Herren des Klosters wieder, und man wird Euch bei der Tafel als den besten Garnmeister der Mark preisen!"
Anfangs war zwar Daniel Henning etwas ungläubig. Danach aber sagte er sich: Versuch macht klug! Er folgte den Weisungen der Alten, nahm das pulverige Mittel, das sie ihm in einer Dose reichte und streute es auf dem Gewässer aus.
Mit der Weisung: "Wolln's heut' noch mal zu guter letzt mit einem Zug versuchen am Quast", weckte er die Fischerknechte. Als drüben von Himmelpfort her die ersten Klosterglocken läuteten, konnte Daniel Henning mit seinen Mannen schon das Zeug wieder einziehen. Des Garnmeisters Augen leuchteten und die der Knechte nicht minder, als sie die "Flügel" über Bord nahmen. Nun gar erst der "Sack"! Er schwirrte und planschte vor Bleien und Hechten. Alles Herrenfische von mindestens Fünfpfundgewicht! Die Freude war groß. Die Knechte hatten es gut an diesem Tage. Ihre Quartgläser wurden am Abend im Krug kaum leer. Immer wieder musste der Krugwirt sie füllen auf des Meisters Geheiß.
Der aber ahnte noch nicht, dass er in jener Stunde, da er dort an demselben Tisch mit der alten Hökerfrau saß, dieser seine Seele verschrieben hatte. Sie war eine böse Zauberin, die unerkannt durch die Lande zog.
Als Daniel Henning wieder einmal auf die Höhe fuhr, seine Netze auszuwerfen, zog ein heftiges Unwetter herauf. Donner krachten. Blitze zuckten durch die Luft. Sturmwolken peitschten den See. Als Daniel Henning sich in das kleine Fischerhäuschen auf der Insel vor dem Wetter zu retten suchte, schlug der Blitz in das Häuschen und tötete ihn auf der Stelle.
Heute noch zeigt man auf die Stelle, wenn man mit dem Dampfer daran vorbeifährt, da einstmals der Garnmeister sein Ende fand.