Der Pilzjäger

Am Morgen einer schwülen und regenreichen Sommernacht schwinge ich mich nach dem zeitigen Frühstück auf`s Fahrrad. Voller Spannung hoffe ich, einen vollen Korb frischer Waldpilze mit nach Hause zu bringen. Helle Sonnenstrahlen brechen durch das satte Grün der Bäume, von deren Blättern noch die Tropfen fallen. An diesem herrlichen Vormittag habe ich viel Glück. Mit Pfifferlingen, Steinpilzen, Maronen und Kapuzinern radle ich am Mittag wieder zurück.
Noch nicht ganz daheim angekommen, treffe ich auf einen guten Bekannten. Es ist Thomas oder Tommy, wie wir ihn alle nennen. Neugierig schaut er unter das Tuch in meinen Korb. "Gratuliere! Das ist ein Volltreffer! Hoffentlich sind keine Giftigen dabei." "Aber, wo denkst Du hin. Bei mir doch nicht. Ich kenne mich in Pilzen sehr gut aus", kontere ich sogleich. Tommy nickt vielsagend und ein bischen geheimnisvoll mit dem Kopf. "Das mag schon sein. Aber alle Pilze kennst Du sicherlich nicht. Da gibt es einen, den man allerdings nicht essen kann. Er ist äußerst gefährlich", warnt mein Freund.
"Du meinst sicherlich den Knollenblätterpilz. Den isst man nur einmal. Ich kann ihn wohl unterscheiden," entgegne ich mit Kennermine. Tommy rückt dicht an mich heran und schaut mir mit durchdringendem Blick in die Augen: "Dieser Pilz ist winzig. Man isst ihn nicht. aber Du kannst ihn einatmen. Er ist so gefährlich. So mancher ist davon schwer krank geworden, und einige sind daran gestorben. Weißt Du, wo der lebt?" "Na, wo denn," frage ich. "Er sitzt in der Blumenerde. Du hast auch so viele Zimmerpflanzen bei Dir in der Wohnung. Wenn der auch in Deiner Erde sitzt, solltest Du das bedenken." Mich peinigt der Hunger, denn es ist Mittagszeit. so schlage ich Tommy vor, dass wir doch bei Gelegenheit noch einmal darauf zurückkommen.
Nachmittags, beim Pilze putzen, grübele ich über das Gespräch nach. Tommy ist ein ernst zu nehmender Bursche. Er ist klug und hat in seinem Leben schon einiges erlebt. Was er sagt, ist nicht so einfach von der Hand zu weisen. Sollte in meinen Blumentöpfen wirklich die Gefahr auf mich lauern? Vielleicht müsste ich in Fachbüchern nachschlagen. Immer ruhig bleiben, sage ich mir. Panik ist hier fehl am Platze. Am besten ist es, wenn ich Tommy morgen aufsuche, um mich etwas genauer beraten zu lassen. Woher mag er nur dieses Wissen haben? Viel herumgekommen ist er wohl. Seine sichere, aber schlecht bezahlte Stellung bei der Post hatte er nach der Wende aufgegeben, obwohl er im Alter mit einer guten Pension hätte rechnen können. Im Westen wird mehr verdient. Und so suchte er an verschiedenen Orten als Industriearbeiter sein Glück. Das dauerte einige Jahre, aber ohne Erfolg. Möglicherweise hat er dort einiges über den bösartigen Mikropilz in Erfahrung gebracht. Je weiter man nach Westen kommt, um so mehr wissen die Leute. Es wird gut sein, wenn er uns hier aufklärt. Seit zwei Jahren lebt er wieder in unserem Städtchen in der Uckermark. Neulich hat er mir aus vollem Herzen gestanden, dass es in der Heimat doch am schönsten sei. Allerdings muss er nun mit bescheidenem Arbeitslosengeld auskommen. Ich rufe ihn an und verabrede mich für morgen mit ihm.
Tommy zeigt mit am folgenden Tag erst einmal seinen nagelneuen Fernsehapparat und rät mir nachdrücklich, bei Elektronik nur Markenartikel zu kaufen. Es gibt aber nichts Besseres als "Sony". "Ist ja richtig, mein Lieber," versuche ich ihn abzulenken. "Sag`erst einmal, was Du noch alles über den Pilz weisst." Tommy rückt sich zurecht und betont: "Ich habe Informationen aus erster Hand vom Vorsitzenden der Mikropilz-Gesellschaft. Er hat mir dazu einen ausführlichen Brief geschrieben und mich ermutigt, mich gegen diesen Pilz zu engagieren." "Donnerwetter", rufe ich erstaunt aus. "Das ist ja super!" "Was Dich betrifft", wird er konkret, "so solltest Du alle Pflanzen auf Hydro setzen, um der Gefahr zu entgehen." Ich bin verblüfft und überlege sogleich, was das wohl für eine Menge Geld kosten mag. "Kaufe kein Seramis sondern Blähton. Andernfalls wird schnell das Wasser schlecht, und Du stehst wieder vor einem Problem." "Aber Tommy, bei meinen vielen Gewächsen kostet das doch viel Geld und Arbeit," entgegne ich zweifelnd. "Ist Dir das Deine Gesundheit nicht wert", gibt er zu bedenken. "Also weisst Du, das kann doch wohl nicht sein," meine ich. "Seit Jahrhunderten stehen in Küchen und Stuben Kräuter und Blumen in Erde. Oder glaubst Du, dass schon im tiefsten Mittelalter Blähton verwendet wurde? Die Mönche in den Klöstern hatten Zimmerpflanzen und sicherlich auch die Päpste." Ich schüttele den Kopf und füge noch hinzu: "Wenn seit Menschengedenken die Pflanzen alle in Erde stehen, müsste doch der Pilz schon das ganze Menschengeschlecht ausgerottet haben."
Tommy entgegnet mir, die Menschen wären in früheren Jahrhunderten viel widerstandsfähiger gewesen als heutzutage. In unserer Luxusgesellschft wachse die Wahrscheinlichkeit, solchen Mikroorganismen zu Opfer zu fallen, von Tag zu Tag.
"Ach du großer Schreck", rufe ich entsetzt. "Was können wir dagegen tun?"
Tommy setzt wieder seine geheimnisvolle Mine auf, schaut auf mich, ob ich wohl gespannt sei. Dabei verschränkt er seine Arme vor der Brust, als dulde er keinen Widerspruch.
"Ich sagte Dir ja bereits, dass ich etwas unternehmen werde. Ich gründe eine eigene Firma. Das Projekt ist von mir genau durchdacht. Überall werde ich mich anbieten, Grün- und Blütenpflanzen von Blumenerde auf Hydrokultur umzusetzen. Ist es nicht verhängnisvoll, dass sogar bei Ärzten kümmerliche Gewächse in verseuchter Erde dahinvegetieren? Weißt du denn, ob nicht in öffentlichen Verwaltungen noch Erde in den Kübeln ist? die Händler verkaufen immer noch Topfpflanzen in Humus. Weshalb schreitet der Gesetzgeber nicht ein?"
Etwas scherzhaft unterbreche ich ihn: "Du bist drauf und dran, die ganze Gesellschaft zu revolutionieren." Tommy holt noch weiter aus: "Hast Du schon einmal bei den Nachbarn ins Fenster geschaut? Überall in unserer Stadt, sogar in der ganzen Uckermark stehen die Zimmerpflanzen in den meisten Fällen nicht auf Hydro."
Ich zeige mich sichtlich beeindruckt, gebe aber zu bedenken, er müsse das alles irgendwie finanzieren, also ein Startkapital haben. Hinzu kommt auch ein Gewerberaum und ein Transportfahrzeug und vieles mehr. Das wird alles gar nicht so einfach sein.
Tommy scheint wieder etwas ernüchtert: "Wenn die Banken doch nicht so knauserig wären," lamentiert er. "Die geben mir doch als mittellose Person keinen Kredit. Ich muss jemanden finden, der mir das Geld vorschießt." Hoffentlich denkt er dabei nicht an mich, sage ich zu mir. Aber ich habe Glück, denn er erzählt gleich weiter: "Beim Lieferwagen kommt nur ein VW in Betracht. Das sind die besten Wagen. Schließlich ist das ein deutsches Produkt. Für mich kommen nur deutsche Wagen in Frage." Ich erinnere ihn daran, dass er hier im Ort irgendwo einen Arbeitsraum anmieten müsste, ohne nur zu ahnen, wie Tommy darauf reagiert. "Ich denke, da gibt es kein Problem. Du bist doch mein bester Freund und hast ein Haus. Du könntest mir doch einen Raum zur Verfügung stellen." "Aber Tommy," entgegne ich vor Schreck. "Ich habe doch nur einen Hausflur und keine Durchfahrt. Die Räume sind außerdem alle bewohnt." Er nickt und meint, es wäre ja noch nicht soweit.
Es vergehen einige Tage, ehe ich wieder etwas von meinem Freund höre. Sein Flurnachbar Weidner ist es, der mich anspricht. Wir kennen uns ganz gut. Georg Weidner schätzt mich als Pflanzenkenner, wenn er auch manchmal seine Witze über mich macht, denn er hat für dieses Hobby nicht viel übrig. "Stell`Dir mal vor," sagt er ganz entrüstet. "Heute vormittag stellt mich mein Nachbar Tommy auf der Treppe zur Rede, ob ich nicht wüsste, was für ein Unheil die drei Palmentöpfe auf dem Treppenflurfenster anrichten können." Meine Frau hat ein paar Dattelpalmenkerne in die Erde gesteckt und sich mächtig gefreut, dass drei lange Keimblätter gesprießt sind. Sie gießt sie jeden Tag und würde am liebsten das tägliche Wachstum mit dem Zentimetermaß messen. Nun behauptet aber dieser Tommy, er kenne sich da aus. In der Topferde würde ein bösartiger Pilz leben, der lebensgefährlich wäre. Trotz verschlossener Wohnungstür ist er sich sicher, dass die Sporen bis in seine Wohnung eindringen." "Ja, ja," beruhige ich Georg. "Mir hat er über das unheimliche Kleinwesen auch schon viel erzählt. Ehrlich gesagt, kann ich mir nicht so recht vorstellen, dass der Pilz mit seinen Sporen wirklich so bedrohlich ist. Wir wissen nicht einmal, ob er in jedem Blumentopf steckt. Möglicherweise kommt er unter Millionen wirklich einmal vor. Vielleicht wäre es angebracht, einmal beim Kreisgesundheitsamt nachzufragen." Immer noch erregt, redet Georg weiter: "Weißt Du, was er von uns verlangt? Wir sollen sofort die Palmentöpfe entfernen oder die Pflänzchen auf Hydro setzen." Wir mutmaßen noch eine Weile hin und her, beschließen aber dann, erst einmal abzuwarten.
Kaum zwei Tage sind vergangen, da kommt mir Georg Weidner wieder kopfschüttelnd entgegen: "Wir hatten schon wieder dieses Theater. Er hat bei uns geklingelt und energisch verlangt, die Töpfe wegen der Pilzsporen zu entfernen. Er fühle sich deswegen krank."
"Weißt Du, was," mache ich ihm den Vorschlag,"wir drehen ein Ding. Gib mir die drei Töpfe. Ich nehme Hydrogefäße, fülle diese bis zur Hälfte mit derselben Erde und lege in das Oberteil Blähton hinein. Mal sehen, ob sich Tommy nach ein paar Tagen wieder gesund fühlt."
"Ich weiß nicht, ob meine Frau da mitspielt. Sie ist doch so ehrlich und bekäme sicherlich Gewissensbisse." "Falls sie mitmacht, ich bin bereit," verabschiede ich mich von ihm.
Die gute Frau hat nicht mitgemacht. Sie hat die kleinen Palmentöpfe einer Bekannten geschenkt, und der Hausfrieden war wieder hergestellt.
In unserer wunderschönen, kleinen, verträumten Stadt trifft jeder jeden. Und so begegne ich Tommys Freundin, die mir gleich erzählt, sie schliefe jetzt mit Tommy in neuen Betten. "Weißt Du, was wir uns auch noch angeschafft haben," fragt sie mich mit keck erhobener Nase. "Na, was denn," bin ich neugierig. "Eine sterile Antimilbendecke zum Unterlegen. Tommy meint, das ganze alte Haus wäre von solchem und anderem Ungeziefer verseucht." "Meinst Du nicht, dass alles ein bischen übertrieben ist", frage ich zweifelnd.
"Das glaube ich nicht," erwidert Iris. "Schau Dir die Gesundheitsmagazine und die Werbung im Fernsehen an. Oft wird auf die Milbengefahr hingewiesen."
An den folgenden Tagen habe ich ständig den Fernseher an. Vielleicht bringen sie auch etwas über den Mikropilz. Aber es kommt nichts.
Ach, fast hätte ich vergessen, dass Iris sagte, eigentlich müsse man mal Tommys Wohnzimmer renovieren. Das nehme ich zum Anlass, um bei meinen Freunden vorbeizuschauen.Tommy ist nicht da. Iris weiß nicht, wo er steckt. Aber sie bittet mich hinein. "Schau Dir mal diese Bude an. Die Tapeten sind schwarz. Die Decke ist schwarz. Die Gardinen sind gelb. Man kann hier keinen Fremden hineinlassen." So bewusst habe ich Tommys Wohnung bisher nicht wahrgenommen. "Wenn hier renoviert wird, macht das aber eine Menge Arbeit," gebe ich zu bedenken. Scherzhaft sage ich zu Iris: "Ich würde mir an Eurer Stelle nichts daraus machen, wenn einer zu Besuch käme. Sagt doch einfach, Ihr wäret Gruftis und müsstet so wohnen." Ihr gefällt das nicht so sehr, was ich sage. "Wenn alles renoviert ist, und er raucht weiterhin seine selbst gedrehten Zigarretten, werde ich mich von ihm trennen," droht Iris. Nun werde auch ich skeptisch: "Dreht er sie sich nicht sogar mit Pfeifentabak," frage ich. Es ist so. Es ist ein starker Pfeifentabak, weil er billig ist.
Am Wochenende schaut mal wieder Iris` Jüngster bei mir vorbei. Intelligent ist er und geschickt. Ein ausgesprochener Computernarr. Bald wird er studieren. Gespräche mit ihm sind niemals langweilig.
"Was ist zu Hause los," frage ich neugierig. "Vier Tage lang habe ich das Zimmer neu gemacht, geweisst und tapeziert," antwortet er etwas missgestimmt. "Tommy hat sich rar gemacht. Vormittags um 10.00 Uhr ist er weggegangen und erst wieder spät abends nach Hause gekommen. Mutti und ich, wir haben alleine renoviert. Aber es ist schick geworden."
Hinterher fange ich zu grübeln an. Was ist Tommy doch für ein gescheiter Kerl. Umweltbewusst ist er. Auf Hygiene ist er bedacht, führt einen energischen Kampf gegen Mikropilze und Milben. Er fängt sogar an, dafür zu
missionieren. Aber immer mit
D
der starken Zigarrette im Mund. Das ist mir jetzt erst so richtig klar geworden. Und ich ziehe für mich die Konsequenz: Den Blähton nehme ich zum Auflockern meiner Blumenerde.
Das Leben ist weitergegangen. Tommy fährt jetzt einen anderen VW und zeigt ihn mir voller Stolz. "Was ist denn aus Deinem Projekt geworden? Du wolltest doch eine Firma gründen", spreche ich ihn vorsichtig an. "Ach, ich würde es schon anpacken. aber glaubst Du, irgendeiner gibt mir einen Kredit!" So muss also der Mikropilz weiterhin auf seinen Jäger warten.