Der Wiederaufbau des Lychener Rathauses

Ein Werk beispielhafter Gemeinschaftsarbeit der Lychener Bürger

Allzu wenig ist über den Wiederaufbau des Lychener Rathauses dokumentiert. Irmela Klemckow soll als Schülerin einen Aufsatz darüber geschrieben haben, der auch in einer lokalen Zeitung veröffentlicht worden wäre. Bisher blieb er unauffindbar. Vielleicht können sich Lychener noch daran erinnern oder haben sogar den Bericht. Unser Historienstammtisch würde sich darüber sehr freuen. Nach Fertigstellung dieses Artikels hielt Eberhard Kaulich für mich eine schöne Überraschung aus seinem Archiv bereit: Eine Veröffentlichung vom damaligen Bürgermeister Fritz Gudenschwager über den Wiederaufbau des Rathauses. Sie enthält interessante Details, die teilweise anders oder ergänzend sind im Vergleich mit den Erinnerungen unserer Zeitzeugen.
Ich selbst habe gar nicht gewusst, dass das Rathaus ein stolzes Denkmal großartiger Gemeinschaftsarbeit unserer alten Handwerker und einsatzfreudigen Bürger ist. Erst auf dem Historienstammtisch kam eine ganze Menge zur Sprache. Das hat mich so stark beeindruckt, dass ich es hier allen Lesern wiedergeben möchte. Es ist schön zu wissen, wie stark der Gemeinwille in den Jahren des Wiederaufbaus unserer niedergebrannten Stadt war.
In der Nachkriegszeit war die Stadtverwaltung in verschiedenen Gebäuden untergebracht, zuletzt bis 1959 im früheren Amtsgericht in der Kirchstraße. Ein neues Rathaus war schon lange zuvor im Gespräch. Darüber ist ein Schriftstück erhalten geblieben. Am 6. August 1950 fand unter Führung von Bürgermeister Gäde eine Besichtigung des Marktplatzes durch eine Investkommission statt. Ihr gehörte u. a. Zivilingenieur für Hoch- und Tiefbau Herrmann Schleich an, damals wohnhaft in Wurlgrund. Seine Idee war, die Ruine abzureißen und ein neues Rathaus, verbunden mit einem Kulturhaus an der Marktfront zwischen Staben- und Stargarder Straße zu errichten (heute z. B. Eiscafé "Tita"). Für das Rathaus mit Erd- und Obergeschoss errechnete er einen Baukostenbetrag von 260.000 DM.
Daneben - zur Stargarder Straße hin - sollte ein schlichtes Kulturhaus in gleicher Höhe mit Festsaal im Erdgeschoss stehen. Bausumme: 150.000 DM. Wie auch immer - dazu ist es nicht gekommen. Vielleicht fehlte das Geld, oder es gab andere Gründe.
Aus den Amtszeiten der nachfolgenden Bürgermeister Lamm, Milling und Waß sind keine weiteren Pläne bekannt. Erst in der ersten Amtszeit unseres Bürgermeisters Fritz Gudenschwager (1954 bis 1959) wurden Nägel mit Köpfen gemacht: Das alte Rathaus sollte wieder neu erstehen.
Die Arbeiten müssen schon 1955 begonnen haben, denn Hans-Joachim Theobald und Manfred Schnauss haben 1956 als Schüler in den Ferien mitgeholfen, als der Bau schon ziemlich vorangeschritten war. "Wir haben die Seilwinde gedreht, und Werner Horn hat die Balken daran befestigt, die für den Dachstuhl hochgezogen wurden. Ich durfte zum Schluss auf dem Firstbalken langlaufen. War ganz schön schwindelig. Das war eigentlich eine Mutprobe der Zimmerleute," erzählte mir Hans-Joachim Theobald am Telefon.
Welche Handwerker mitgearbeitet haben, weiß Klaus Waß heute noch ganz genau: "Die Maurer Herrmann Stimm und Herrmann Kepernick. Dann kamen Klaus Wolf, Günter Sellin, Wiese und einer aus Rutenberg hinzu."
An der rechten Seite des Hauses wurde angefangen . Dafür erhielt die Baugenossenschaft den Auftrag. Die Außenmauern standen ja noch. Die Innenwände zogen die Maurer so hoch, wie sie früher waren. Nach Bauzeichnungen wurde nicht gearbeitet. Im zweiten Halbjahr 1957 oder im ersten Halbahr 1958 erfolgten die Putzarbeiten. Helmut und Herrmann Berlin waren dabei. Zu ihrer Brigade gehörten Richard Gollin, Siegfried Stümer. Karl Bartel, Horst Schäfer, Karl und Siegfried Sasse, Willi und Albert Krumnow und Herbert Kneisel.
 Oft war Bürgermeister Gudenschwager auf dem Bau und verteidigte dort sein Werk, das wahrscheinlich nicht hundertprozentig mit dem Kreis abgestimmt war. Unsere Zeitzeugen erzählten dazu eine aufregende Episode: "Eines Tages schaute Fritz Gudenschwager aus der oberen Etage raus und sah einen Pkw vorfahren. Angestellte, möglicherweise sogar vom Bezirk, stiegen aus und verlangten, den Bau sofort einzustellen. Fritz Gudenschwager erwiderte darauf, sie sollten verschwinden, sonst hauten ihnen die Handwerker mit dem Winkeleisen die Ohren vom Stamm." Fritz Genschow musste später nach Templin, um sich zu rechtfertigen, weshalb Lychen mit dem Rathaus eher fertig war als Templin.
Totz alledem ging der Wiederaufbau weiter voran. Für den Dachstuhl wurden Stämme aus dem Oberpfuhl geborgen und im Sägewerk Hohenlychen geschnitten. Günter Runge, Willi Siebert und der Traktorist Heinz Siebert fuhren das Holz. Als Dankeschön erhielten sie Balken für den Bau ihrer eigenen Häuser.
Für die Konstruktion des Dachstuhls wurde ein Galgen aufgerichtet, und August Lassahn bediente die Seilwinde. Hans-Joachim Theobald meinte aber dagegen, August Lassahn wäre nicht an der Seilwinde gewesen. Ja, so streiten sich heute die Gemüter.
Meistens abends, nach Feierabend, zimmerten Fritz und Franz Genschow, Martin Waß und Fritz Genschow jun. den Dachverband.
Die Krönung muss dann wohl das Richtfest gewesen sein. "Ein großes Richtfest wurde nicht gefeiert," erzählte Klaus Waß. Aber Hans-Joachim Theobald war ebenfalls dabei: "Das Richtfest fand im Ratseck statt. Es gab Spezi, ein paar Bier und Bockwurst. Fritz Gudenschwager hatte eine kleine Rede gehalten."
Und wer hat das Dach gedeckt, wollten wir Stammtisch-Teilnehmer wissen. Zum Glück war auch Alfred Baugatz dabei, der die Klempnerarbeiten ausführte: "Richard Stahlberg hat das Dach gedeckt. Er war selbständig." Die Firma Wolter stellte Alfred Baugatz für die Installationsarbeiten ab. Wolter lieferte auch das Material. Alfred Baugatz zog z. B. den Bogen aus Zinkblech über den Haupteingang und brachte auch die PVC-Dachrinne an. Wolter zahlte ihm den Lohn - 1,57 DM pro Stunde. "Prämien haben wir nicht bekommen. Es wurde ja alles klammheimlich gemacht." Damit gab Afred Baugatz wieder einen Link zum Genehmigungsproblem.
Die Firma Jähnke setzte die ersten Fenster ein. Später erneuerte sie eine Berliner Firma.
Entweder Fritz Krüger oder Husmann installierten die Schwerkraftheizung mit Kohle- und Holzfeuerung.
Und auch die kleinsten Details waren wichtig: Otto Fricke fertigte die Nägel für das Rathaus. Die Stemmnägel für die Dachrinne machte er aus Koppeldraht.
Als dann alles soweit fertig war, ließ Fritz Gudenschwager die Lychener Malermeister zu einem Gespräch einladen und wollte wissen, wer ehrenamtlich die Räume ausmalen wollte. Es handelte sich vor allem um den Saal, das Bürgermeisterzimmer und die Abt. Finanzen. Malermeister Helmut Hantke und sein Lehrling Karl-Heinz Wendland haben die Räume gestrichen - den Saal in einem warmen Grau.
Die Innentreppe mit dem kunstvoll geschnitzten Geländer bauten Franz Genschow, Martin Waß und Klaus Waß: "Ich bin zu Tischler Schwarz gegangen und habe die Teile anfertigen lassen. Die Treppenstufen wurden mit Sandpapier geschmirgelt. Werner Hagen fertigte die schönen Schnitzarbeiten an, z. b. die Treppenpfosten und das Krummgeländer," berichtete Klaus Waß.
Wie der Wiederaufbau finanziert wurde, habe ich bisher nicht herausgefunden. Im Archiv befinden sich darüber keine Unterlagen. Die Stadtkasse hatte wenig Geld. Die Lychener Baufirmen werden viele Kosten übernommen haben.
Helga Meier konnte aber ein beachtenswertes Detail hinzufügen: "Mit Marga Heyer und meinem Mann Eckerhardt haben wir kulturelle Vorführungen mit Schülern im Kinosaal dargeboten, um mit den Einnahmen die Rathaustür zu finanzieren."
1959 wurde das Rathaus wieder Sitz der Stadtverwaltung.
Schön, dass es erhalten geblieben ist. Allerdings ist es immer noch nicht komplett. Es fehlt der kleine Barockturm auf dem Dach.
Bürgermeister Klemckow soll ja dazu schon einmal eine Idee gehabt haben, habe ich gehört. Aber - machen Firmen so etwas heute noch ehrenamtlich?

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