Der kleine Naturwächter mit den langen Gummistiefeln

Helmuth Schulz sorgt am Küstriner Bach für Sauberkeit und Ordnung

"Hauklotz nicht verheizen!" Mit leuchtend weißer Farbe hat Helmuth Schulz diesen Hinweis auf die riesige Klobe gemalt. Das ist so einer von seinen originellen Einfällen. Für die Besucher des Biwak-Platzes am Küstriner Bach sind diese Worte gedacht, denn einen Hauklotz hatte eine Touristengruppe schon mal als Brennholz für das lodernde Lagerfeuer verbrannt. Übrig geblieben waren nur noch verkohlte Reste. Das hat den freiwilligen Ordnungshüter sehr geärgert.

An einem sonnigen Sonntagnachmittag im November fahre ich mit dem Hobby-Naturwächter hinaus nach Fegefeuer, wo die Mönche des Zisterzienser-Klosters Himmelpfort im Mittelalter Strafarbeit für ihre Sünden leisten mussten. Heute besuchen Naturfreunde diesen schönen Ort. Helmuth Schulz soll mir mal seine Wirkungsstätte zeigen. Zuvor sage ich ihm aber noch: "Nimm Deine Gummistiefel mit! Ich möchte ein paar Fotos von Dir machen." Lychener haben mir nämlich den Tipp gegeben: Am besten sieht er aus, wenn er in seinen hüfthohen Gummistiefeln die Schleuse bei Fegefeuer von angeschwemmtem Laub frei macht.

An der Brücke angekommen, spazieren wir erst einmal zum Biwak-Platz. Auf den achtet er besonders. Den Holzzaun hat er mit zusätzlichen Stangen befestigt, damit die Wildschweine nicht einfallen und die Grasfläche zerwühlen. "Im Sommer lege ich Brennholz bereit für die Lagerfeuer. Das muss reichen." Weil die Sonne so schön scheint, setzen wir uns auf die Bank, und Helmuth erzählt mir Geschichten aus seinem Leben.

Im April 1935 im Hohenlychener Werner-Krankenhaus geboren, hat er die meisten Jahre seiner Kindheit in Fegefeuer verbracht, Sein Vater, Paul Schulz, stammt aus dem Künstlerdorf Thomsdorf. Die Mutter, Ernestine, kommt in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts aus Ostpreußen in das blühende Lychen. Bei Kinds am Wurlsee, bei Gerstenberg und im Centralhotel ist sie in Stellung. Der Vater, zuvor Waldarbeiter in der Grafschaft Arnim, arbeitet lange Zeit als Kellner im Hotel Gerstenberg.

Während der Lychener Zeit wohnen die Eltern mit dem Bruder Herbert und der Schwester Elfriede in der Tornow-Straße. 1932 ziehen sie nach Fegefeuer, das bis 1945 gräflicher Besitz ist. Der Vater wird zusammen mit Förster Ernst Wegener nach Kriegsende auf den Hungermarsch getrieben. Die Mutter flieht mit den Kindern aus der Einsamkeit nach Küstrinchen. Ein Jahr später kehrt der Vater heim. Er will nicht im Dorf bleiben, und die Familie zieht nach Fegefeuer zurück. Durch die Bodenreform erhält der Vater Land und Wald. Zuerst hält er Ziegen, später ein bis zwei Kühe. Förster Wegener im Zenshaus hat ebenfalls welche, und Helmuth hütet alle zusammen 2 bis 3 Jahre lang nach der Schule. Von 1942 bis 1945 besucht er die Lychener Stadtschule. Dann aber wird er von Lehrer Hanke in Küstrinchen unterrichtet. In der Ein-Raum-Zwergschule mit Flüchtlingskindern herrschen noch die alten Sitten. Wer nicht pariert oder stört, muss zur Strafe in der Ecke stehen. Manchmal fliegt auch ein Stück Kreide durch die Luft. Helmuth muss nach Schulschluss auch einmal eine Strafarbeit unter Aufsicht des Lehrers schreiben. Am schönsten ist immer der Heimweg am Bach entlang: "Als Schuljunge war ich immer bei den Flößern. Sie haben mich auf dem Floß mitgenommen bis zur Schleuse Fegefeuer."

Die Dorfschule in Küstrinchen wird aufgelöst, und er geht noch bis zum Abschluss in die damalige Pestalozzi-Schule Hohenlychen. Drei Jahre lang hilft er Fischer Neie in Küstrinchen und verrichtet alle anfallenden Arbeiten. Auf dem Baberow-See fangen sie Zander. Unvergesslich bleibt ihm ein besonders großer Fischzug: Wir hatten so viele Bleie im Netz, dass wir mit drei voll beladenen Kähnen nach Hause fuhren. Eine Menge ließen wir im Netz und holten sie erst am nächsten Tag. Auf dem Schwanz-See waren die Karpfen so kräftig, dass sie übers Netz sprangen und sogar die Bretter in den Kästen am Fischerufer durchbrachen."

Helmuth geht 1959 zur Forst. Das erste Jahr hat er Lehrlingsaufgaben zu erfüllen. Ab 1960 ist er schon in der Harzung. Er hat seine Flächen an der Bredereicher Landstraße und in der Nähe von Fegefeuer. Er erzählt: "Im Sommer konnten wir niemals Urlaub nehmen. Jeder Harzer arbeitete für sich allein. Ich habe die Risse angebracht. Frauen haben geschöpft. Übrigens habe ich noch vor kurzem alte Harztöpfe im Latsack gefunden."

Öfter mal trifft ihn der Natur- und Wanderexperte Horst Benedix bei der Mittagspause. Helmuth hat - wie immer - seine Bratpfanne mit auf Arbeit genommen und macht sich Spiegeleier über offenem Feuer.

1971 wird er aus der Harzung herausgenommen. Joachim Krasemann, damals Leiter des Fuhrparks, meint, er brauche noch einen Tagwächter. Bis nach der Wende 1990 arbeitet Helmuth Tag und Nacht als Wächter und Heizer. Weil er den Dienst so akkurat verrichtet, erlebt er eines Tages eine Überraschung: "Im Kulturraum fand eine große Festveranstaltung statt. Wie immer brachten sie mir Essen. Weil ich so ein scharfer Wächter war, überreichte mir Achim Krasemann ein Gewehr. Ich sollte das Gewehr präsentieren. Und es sah sehr echt aus. Es war aber aus Holz. Die haben sich alle eins ins Fäustchen gelacht."

Nach einer Warteschleife geht er mit 60 Jahren in Rente. Er setzt sich aber nicht aufs Altenteil. Von nun an arbeitet er freiwillig in der Natur. Jede Woche fährt er mehrmals mit dem Rad oder im Sommer mit dem Boot bis nach Fegefeuer. Er hält den Biwak-Platz an der Schleuse in Ordnung. Mit Material versorgt ihn Ralf Waß. Für seine Tätigkeit hat ihn die Naturwacht auch versichert.

Wasserwanderer und Radtouristen freuen sich, wenn sie ihn antreffen: Was geschieht, wenn der alte Mann nicht mehr da ist? Wer wird dann den Platz pflegen?" Die Naturwacht erkennt seine Arbeit an und unterstützt ihn. Dazu meint Helmuth: "Mir gibt keiner die Arbeit auf. Ich sehe selbst, was zu tun ist. Hier ist meine Heimat. Hier bin ich aufgewachsen." Den Weg an der Schleuse hat er von Grund auf verbessert, gräbt Senken am Rand, damit das Regenwasser abfließen kann, hält Sträucher kurz und räumt umgefallene Bäume aus dem Weg. Vor kurzem hat er eine trockene Kiefer zu Fall gebracht, weil sie auf die Telefonleitung zu stürzen drohte: "Allein habe ich das nicht geschafft, denn der Stamm hatte sich im Geäst verkeilt. Da kam mir aber Florian Behendt zu Hilfe und hat den Baum abgeseilt. Er hat doch hier sein Jagdrevier."

Wir wandern weiter bis zur Siedlung Fegefeuer. Helmuth zeigt mir, wo der Vater und später die Schwester ihre Felder hatten. Das alte Backsteinhaus, früher mit Schilf gedeckt, bietet einen traurigen, verlassenen Anblick. Vom kleinen Kuhstall sind nur noch halbe Mauern übrig geblieben und die Scheune sieht auch nicht viel besser aus. Der breite Fahrweg ging früher mitten duch das Gehöft. Als die Schwester 1955 die Siedlung übernimt, lässt sie den Weg außerhalb der Gebäude an den Rand verlegen.

Immerhin lebt die ganze Familie, Vater, Mutter, Helmuth, Bruder und Schwester mit Ehemann, eine Zeit lang gemeinsam in dem kleinen Haus. Als die Schwester mit ihrem Mann die Wirtschaft führt, wohnt Helmuth mit Mutter und Bruder in einer Stube. 1960 zieht die Mutter mit den beiden Söhnen nach Lychen in die Clara-Zetkin-Straße.

Auf dem Rückmarsch zeigt mir mein Naturführer voller Stolz ein Taschenmesser und ein Band mit der Aufschrift "Freiwillige in Parks". Herbert Rückert habe ihm versprochen, dazu auch noch die entsprechende Mütze zu spendieren. Dann erzählt er mir noch etwas Interessantes. Ich habe gar nicht gewusst, dass unser freiwillger Naturparkwächter auch einen kleinen Anteil an der Wiederbelebung der Flößertradition hat: "Gleich nach der Wende, 1991/92," berichtet er mir, "saß ich mit dem Journalisten Bernd Schillig zusammen in der Gaststätte `Waldesruh`. Ich erzählte ihm alles, was ich über die Flößerei wusste und gab ihm alte Fotos. Er veröffentlichte einen guten Artikel. Und bald danach wurde der Flößerverein gegründet."

Wir machen noch einmal Rast, weil er mir seine große Fotosammlung zeigen will, die er für unseren Ausflug mitgebracht hat. In der anderen Tasche aber hat er seine langen Gummistiefel. An der Schleuse zieht er sie an, holt sich seine Forke aus dem Versteck, steigt in den eiskalten Bach und macht den Durchfluss frei von angeschwemmtem Laub. Ein großer Haufen liegt schon am Ufer. Da schieße ich natürlich sofort ein Foto: "Eigentlich war das eine große Gummihose," verrät er mir mit verschmitztem Lächeln. "Die reichte mir bis über den Kopf. Da habe ich die Beinlinge abgeschnitten und befestige die Stiefel an meinem Gürtel."

So weiß sich der kleine Alltagsheld in jeder Situation zu helfen und verhilft vielen Wanderern am Küstriner Bach zu unvergesslichen Naturerlebnissen.