Ein schönes Erlebnis am Rande des üblichen Tourismus

 Die „Tage der Offenen Gärten“ in der Uckermark am Lychener Stadtsee

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Horst Benedix bringt Haken und Bilder an. Foto: G. Benedix.

Ein Ereignis etwas am Rande des üblichen Tourismus findet in diesem Jahr bereits zum zweiten Mal in der Uckermark statt. Die „Tage der Offenen Gärten“ am 16./17. Juni und 08./09. September erfreuen sich zunehmender Beliebtheit bei vielen Naturfreunden aus unserer Region und weit darüber hinaus aus entfernteren Gegenden Deutschlands.

Neben den 33 teilnehmenden Hobbygärtnern mit Gemüse- und Zierpflanzenanbau für den Eigenbedarf öffnen Anlagen mit alten Obstsorten, Rhododendron-Schaugärten, Anwesen mit Parkcharakter und Liebhaber seltener Exoten an diesen Wochenenden für jeden Besucher ihre Pforten.

Unser Lychen macht mit. Genauer gesagt, war im vergangenen Jahr Antje Wortmann an der Oberpfulpromenade auch im Juni dabei, und für dieses Jahr hat sich Cornelia Herwig in Retzow angekündigt.

In meinem Garten am Stadtsee hatte ich mich schon Monate zuvor auf die Junitage vorbereitet. Dazu gehörte das zeitige Umgraben mit dem Spaten, Anlegen der Beete, Anzucht der Gemüse- und Blumenpflanzen - viel aus eigener Nachzucht - Beseitigung der Frostschäden durch Rückschnitt und anderes mehr, das schon Routine geworden ist.

Nun wünschte ich mir für dieses Jahr, dass die Gäste nicht nur den Gartenweg vom Hof bis an das Ufer des Sees hinab wandeln, mal nach links und mal nach rechts schauen, um wieder von dannen zu ziehen. Nein - irgendwie sollte es ein Erlebnis werden.

Aus diesem Grunde hatte ich Dreierlei auf einmal vor:

1.Eine Fotoausstellung auf dem Hof und ein Pflanzenangebot zum Mitnehmen.

2. Erklären, weshalb bei mir viel Verschiedenes und manches scheinbar durcheinander wächst.

3. Gemütliches Beisammensein am Stadtseeufer mit gesunden Getränken und anregenden Gesprächen.

Im Laufe der Verwirklichung dieser Absichten habe ich mehr Wohltuendes und Überraschendes erlebt, als ich mir erträumt hatte.

Mein Freund und Helfer Frank aus Berlin hatte diesmal wenig freie Zeit, um mir zur Hand zu gehen. Etwas traurig und missmutig sprach ich darüber mit Salka Mann, Mitbewohnerin meines Hauses. „Ich helfe Ihnen. Haben Sie keine Sorge! Ich mache Schnittchen für den Imbiss“, reagierte sie sofort. Na, das war doch ein Wort!

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Salka Mann deckt die Kaffeetafel. Foto: G. Benedix.

Gabriele Benedix hatte schon im vergangenen Jahr ihre faszinierend schönen Landschafts- und Naturfotos auf dem Hof an die Wäscheleine gehängt und beeindruckte die Betrachter mit ihren gelungenen Hobbyfotografien. Auch in diesem Jahr ist sie mit von der Partie. Ihr Ehemann Horst leistete beim Aufstellen und Anhängen handwerkliche Hilfe. Er klopfte nämlich Haken in die alte Stallwand, im daran Gabis schönste Fotoimpressionen gerahmt aufzuhängen. Ich meinerseits ließ in der Drogerie Wasmund 15 Großfotos von unserer Reise durch Mikronesien und Palau herstellen mit dem Thema „Traumstrände und Wasserfälle“.

Es freute mich auch, was ich mir insgeheim erhofft hatte. Gabi wollte wieder Kuchen backen. Vergangenen September war es leckerer Pflaumenkuchen.

Summa summarum: So haben wieder mehr als nur einer an vieles gedacht und zugepackt.

Der 16. und 17. Juni rückten heran. Der Wetterbericht hatte für den Sonnabend nichts Gutes versprochen. Regen und Wind wurden vorhergesagt. Wir ließen uns aber nicht beirren, stellten alles auf und aus.

Morgens nach zehn Uhr dauerte es nicht lange, bis die ersten Besucher kamen. Von da an ebbte die kleine, friedliche „Invasion“ nicht ab.

Gucke mal, wie schön die Spargelpilze“, hörte ich Damen mehrmals die Fotos kommentieren. Zu meinen Wasserfällen und Traumstränden sagten sie weniger. „Vielleicht, weil sie nicht in die Lychener Landschaft gehören“, dachte ich so bei mir.

Ich hatte junge, blaue Rittersporne, Schwarznesselpflanzen, Primeln von Horst Benedix und anderes in Töpfe gesetzt. Rittersporne und Schwarznesseln wurden die Renner und deshalb auch schnell weniger.

Von den getrockneten Blättern der Schwarznessel hatte ich ein wohlschmeckendes, rotes Erfrischungsgetränk – Perilla-Tee, wie er bei uns heißt - und Ananasminztee mit Kräuterquark- und Erdbeermarmeladebroten unten am Ufer auf den Frühstückstisch gestellt. Frau Mann dazu Waldmeisterlimonade und belegte Schnitten mit Feta-Käse. Die meisten Gäste probierten und ließen es sich schmecken.

Ich gab Episoden aus dem vergangenen Herbst zum besten: Der Chinesische Blumenhartriegel hatte damals große, runde, himbeerähnliche, rote Früchte angesetzt. Ein junges Lychener Pärchen kam den Weg hinab spaziert und blieb erstaunt stehen: „Was ist denn das? Haben sie Litschis im Garten?“ Ganz perplex fragte ich: „Wo?“ „Na, dort!“

Wir probierten die Hartriegelfrüchte. Zuckersüß waren sie. Aber – Litschis in der Uckermark? Das wäre doch ein Wunder.

Leider blühte eine attraktive Pflanze noch nicht in diesem Juni – die syrische Seidenpflanze. Hoch steht sie auf langen Stengeln, und die zimtrosa Blüten strömen einen betörenden Duft aus. Im vergangenen Jahr war das die Lieblingsblume der schönen Frauen.

Am Sonnabendnachmittag wurde die Wettervorhersage zur nassen Wahrheit. Es regnete unaufhörlich. Unter Schirmen saßen wir bei Kaffee und Kuchen auf der Wiese. Unsere neuen Nachbarn, Friederike Erhart und Cantemir Gheorgius, ein blutjunges Paar aus Berlin, hielten es unter der Hollywood-Schaukel im Trockenen aus. Land machen beide zur Zeit urbar auf dem Grundstück nebenan. Tomaten-, Paprika- und Blumenpflanzen haben sie sich mitgenommen. Und immer am Wochenende, wenn ich über den Zaun schaue, sehe ich, wie sie mit Begeisterung ihre Beete kultivieren nach dem Motto: Zurück zur Natur! Gerade deswegen habe ich beide in mein Herz geschlossen.

Am Sonntag hingegen schickte Petrus eitel Sonnenschein, als wollte er alles vom Vortage wieder gutmachen. Die Fotos konnten wir den ganzen Tag über bis zum Abend hängen lassen. Der erste Sonntagsgast, den ich begrüßte, war mein ehemaliger Chef, der Dezernent für Soziales i. R. der Kreisverwaltung Uckermark mit Gattin aus Prenzlau. War das eine freudige Überraschung! Ich erklärte ihnen Gemüse wie Haferwurzeln, Yacon und Erdmandeln. Als wir schließlich zu meinem Pimpernuss-Strauch kamen, meinte er lachend zu mir: „Der, den Sie mir vor Jahren geschenkt haben, ist viel größer und prächtiger als der Mutterstrauch hier.“ „So soll sein“, erwiderte ich. „Bei anderen werden die Pflanzen immer viel prächtiger. Freut mich, denn, wenn meiner eingeht, greife ich auf Ihren zurück.“

Der junge Henryk Wichmann, wohnhaft mit seiner Familie im ehemaligen Haus von Pastor Knothe, mag wohl einer der Eifrigsten sein, denn er bringt den sonnigen Terassengarten hinter seinem Haus wieder in Schuss. Es sind eben nicht nur die Alten, die noch ihre Gärten bestellen. Für neue Blütengewächse hat er sich interessiert und viele Tomatenpflanzen mitgenommen.

Als ich zum Hof hinaufschaute, überraschten mich Gestalten ganz in Schwarz. Sie kamen zum See herunter und ich meinte scherzhaft: „Von den Hells Angels seid Ihr doch wohl nicht?“ „Nein“, kam als Antwort. „Wir bringen keine Waffen mit.“ Alle lachten. Es war eine Biker-Gruppe aus Templin. Ein wildes Gänsefingerkraut für den Teichrand gruben sie sich auf der Wiese aus.

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Plauderei mit Schnittchen und Getränken am Vormittag. Foto: J. Hantke.

Lychener Hobbymaler und -fotografen richteten ihre Blicke auf farbfrohe Ensembles wie auch Damen des Frauenchores „Silberklang“. Vielleicht erhielten sie Anregung für neue Motive und Melodien.

Am Nachmittag kredenzten wir Gabriele Benedix' frischen Käsekuchen all' denen, die genug Zeit hatten für Gespräche bei Kaffee und Sonnenschein.

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Stahlkünstler Uwe Jähnichen diskutiert mit Evelin Dickow, I. v.: Brigitte Siedelberg. Foto: G. Benedix.

    Klaus Dickow, Lychenkenner und eifriger Mitgestalter der NLZ, ließ es sich mit seiner Gattin nicht nehmen, über seine alte Heimatstadt Gedanken mit unserem Ortschronisten Eberhard Kaulich auszutauschen.

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    Klaus Dickow im Gespräch mit Eberhard Kaulich, r. Gabriele Benedix. Foto: G. Benedix.

    So unterhielten sich alle miteinander in fröhlicher Runde, bis sich die ersten Blüten für den Ausklang schlossen.

    Zufrieden und leicht erschöpft schauten meine Mitstreiterinnen und ich auf dieses Wochenende der Offenen Gärten zurück. In guter Erinnerung blieben uns ca. 80 Gäste aus Lychen, Prenzlau, Templin, Dörfern der Uckermark, aus dem Berliner Raum, Baruth und Eberswalde.

    Sicherlich wird der eine oder andere wiederkommen in unser Lychen und sich mehr anschauen als nur den kleinen Garten am Stadtsee.

     

    Joachim Hantke

     

    (Veröffentlicht in der "Neuen Lychener Zeitung", Ausg. 157 v. 25. Juli 2012)