Jeder hat seinen Lieblingsvogel

 

Der Lychener Naturfreund Horst Benedix sammelt Eulen als kleine Kunstwerke

 

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Horst Benedix zeigt die Laubsäge-Arbeit von Herrn Harder. Fotos: J. Hantke.

Als wir Ende April während unserer Malta-Reise eine Keramik-Ausstellung besuchten, entdeckte meine Freundin Jutta Jähnichen zwei kleine, bunte Miniatureulen. Entzückt entschied sie sich sofort: „Das ist doch etwas für Horst! Wir nehmen sie für ihn als Geschenk mit.“

Gleich nach unserer Rückkehr machte ich mich auf den Weg zu unseren Freunden Gabriele und Horst Benedix, um das Souvenir zu übergeben.

„Oh“, freute sich Horst voller Begeisterung, „die passen gut in meine Eulen-Sammlung, denn aus Malta habe ich noch keine.“ Er stand vom Tisch auf, und mit einem Wink, ihm zu folgen, ließ er mich einen Blick auf die Eulen neben dem Fenster im Schlafzimmer werfen.

„Na“, meinte ich lachend, „Du schläft ja fast zusammen mit Deinen geliebten Vögeln. Wie Du auf die Idee gekommen bist, Eulen zu sammeln, musst Du mir unbedingt erzählen.“

Und so treffen wir uns ein paar Tage später bei ihm zu Hause zu einem Tässchen Kaffee.

„Wann begann denn Dein Interesse für diesen bemerkenswerten Vogel“, beginne ich unser Gespräch. Horst überlegt nur kurz: „Ich war ein Junge, so im 4. oder 5. Schuljahr, als mich mein älterer Bruder, ein Forstingenieur, mitnahm auf seine Vogelbeobachtungen. Das war in Roßwein, Kreis Döbeln, im früheren Mittelsachsen. Er zeigte mir, wie z. B. Schwalben beringt werden. Unter den alten Linden im Gersdorfer Revier haben wir auf diese Weise junge Eulen gekennzeichnet und statistisch erfasst. Das waren Wald- und Steinkauze. Sogar in eine Kirche sind wir auf Vogelsuche gegangen. Auf Vogelwanderungen mit Naturfreunden habe ich meinen Bruder begleitet. Er konnte gut den Ruf des Kuckucks nachahmen.

Und so werden schon in der Kindheit Vogelbeobachtungen zu einem ständigen Bestandteil seiner Naturbeobachtungen in Wald und Flur.

Viele Jahre später, nachdem sich Horst Benedix mit seiner Familie in Lychen niedergelassen hatte, entdeckt er auf dem Dorffest in Retzow zwei Eulen aus Speckstein an einem Stand. Eine passionierte, schwärmerische Sammlerin kauft sich gleich die eine. Horst nimmt sich die andere mit. Nach dem Grundsatz, eine Eule zieht die andere nach, beginnt das Sammlerhobby.

Mit Ehefrau Gabriele besuchen sie Dorf- und Kulturfeste in der näheren und weiteren Lychener Umgebung. Aus der Annenwalder Glashütte stammt die Glaseule. Ein achtköpfiges Eulen-Set bringt er sich aus Thomsdorf mit. Auf einem Berliner Trödelmarkt entdeckt er eine Zinn-Eule, auf der Grünen Woche eine aus Porzellan.

Als der Holzschnitzer Harder aus Ahrensdorf bei Prenzlau seinen Stand auf dem Lychener Flößerfest 2011 aufgestellt hat, ersteht Horst Benedix von ihm eine Eule, aus hundert Einzelteilen zusammengesetzt – eine feine Laubsäge-Arbeit.

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Die Nachtvogelfamile wächst mit der Zeit. Sie braucht Unterkunft und Ordnung.

Horst fertigt aus vielen Brettchen ein Regal, lackiert es und hängt es als Eulen-Quartier an die Wand - ganz nahe an seiner Schlafstatt - an.

Eigentlich spricht er nicht viel mit anderen über seine Eulen-Vorliebe. Wird sie aber bei ihm zu Hause von Freunden. Bekannten und Angehörigen entdeckt, wissen diese, was sie ihm schenken können.

Ich bewundere ein Exemplar und frage Horst, ob es aus Edelstein sei. „Diese hier“, meint er und holt sie hervor, „stammt aus dem Mineralmuseum in Freiberg. Sie ist aus Moosachat.“

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Einige aber erscheinen mir sehr fremdländisch, wie aus anderen Kulturen. Und so ist es auch: Die Holzeule aus Botswana ist aus einem Wurzelstück geschnitzt. Ein dunkelhäutiger junger Mann hatte sie in Himmelpfort angeboten.

Die lustig ausschauenden bolivianischen Kürbis-Eulen verkaufte ein junger Indio auf den Störtebecker-Festspielen in Raalswieck auf Rügen. „Vom Titicaca-See kam der Südamerikaner nach Deutschland,“erinnert sich mein Gesprächspartner.

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Auf einem Ausflug nach Bolewick bei Waren/Müritz zum Kulturfest findet er die holzgeschnitzten Eulen der nordamerikanischen Hue-Indianer.

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So sehe und verstehe ich: Eulen gibt es auf allen Kontinenten. Vielleicht nicht in Australien. Wer weiß?

Etwas ganz Besonderes zeigt mir mein Freund zum Schluss seiner Führung durch  Sammelkasten und Eulenquartier: Keramiken, angefertigt von Behinderten unter Anleitung von Frau Langlott aus den Waldhof-Werkstätten in Templin.

Viele hübsche Stücke müssen ungenannt bleiben, weil die Zeilen nicht ausreichen.

Die letzte Eule, die er mir präsentiert, ist wie eine Flöte mit zwei Tönen – wir haben sie probiert – geformt. Die Keramikerin Gudrun Bauch hat sie ihm auf der diesjährigen Kunstausstellung im Lychener Alten Kino zu treuen Händen verkauft.

„Was ist nun das Faszinierende an der Eule,“ frage ich Horst. Mein Naturfreund erklärt es mir:

 „Als Nachtvogel hat die Eule etwas Geheimnisvolles, Mystisches an sich. Schaut sie Dich an, so scheint Dir, als habe sie ein menschliches Anlitz. Ihr Gesicht gibt dem Künstler die Möglichkeit zu unterschiedlicher Gestaltung. Mal sieht sie wie eine alte Frau aus, gutmütig. Mal schaut sie böse drein, mal verschlafen oder – im Gegenteil – scharf beobachtend.

In Märchen und Sagen, Geschichte und Mythologie hat sie bei vielen Völkern ihren Platz. Von Naturvölkern wird sie verehrt. In Athen ist sie Sinnbild für Weisheit. In alten Bibliotheken gibt es sie als Lese-Eule. Es gibt den Eulen-Verlag. Selbst Till Eulenspiegel gibt dem klugen Vogel mit seinem Namen und seiner Person alle Ehre. In seinen Streichen ist er listig und weise. In vielen Kinderbüchern hat sie Eingang gefunden.

Die Eule sieht ausgezeichnet. Sie kann sogar den Kopf nach hinten drehen. Heute ist der Vogel geschützt. Durch negative Umwelteinflüsse ist der Bestand in der Vergangenheit zurückgegangen. Bei uns in Lychen lebten früher Schleiereulen im Turm der St.-Johannes-Kirche. Ich weiß nicht, ob sie heute noch dort zu finden sind.

Fährt der aufmerksame Beobachter durch unsere Wälder, so bemerkt er, dass die Naturwacht Nistkästen an Bäumen aufgehängt hat, z. B. am Küstriner Bach, am Großen Kölln in Richtung Brückenthin-See oder im Buchenwald „Grüne Kaskaden“ hinter Himmelpfort nach Bredereiche“.

So scheinen die Geschichten, die sich um die Eulen ranken, schier endlos zu sein, ebenso wie die Vielfalt der Formen als fantasievolle Kleinkunst. Freude und Zuversicht für den Sammler. Horst Benedix meint lächelnd zum Schluss unserer Gedankenwanderung durch die Eulenwelt: Jeder hat seinen Lieblingsvogel. Mich hat die Eule schon als Kind begeistert. Meine Gabi liebt den Amselhahn.“

 

Joachim Hantke

 

(Erschienen in der "Neuen Lychener Zeitung", Ausg. Mai 2013)