Liegt Hohenlychen in Ostpreußen?

Louis-Ferdinand Céline's abenteuerliche Reise zu den Heilstätten

Beim Lesen diese Überschrift haben Sie sicherlich herzhaft gelacht und entschieden "Nein" gerufen. Ich war auch überrascht, als mir kürzlich ein guter Berliner Freund - Literaturkenner und daher sehr belesen - genau diese Frage stellte. Mit Genuss hatte er gerade den Roman des französischen Schriftstellers "Von einem Schloß zum andern" gelesen und mir diesen wärmstens empfohlen. Und tatsächlich schildert Louis Ferdinand Céline seine seltsame Zugreise von Sigmaringen nach Hohenlychen, quer durch das chaotische Kriegsdeutschland von 1944/45 Den Roman schrieb und veröffentlichte er allerdings erst 1957.
In Sigmaringen war er zusammen mit der dorthin geflohenen profaschistischen französischen Marionettenregierung des Marschalls Pétain in einem Schloss untergebracht und machte sich als Lagerarzt verdient. Sarkastisch, mit dreisten Worten und ohne Tabus zieht er über seine gescheiterten Zeitgenossen und Politiker her. Ex-Minister Bichelonne, "das größte Köpfchen", kommt bei ihm noch halbwegs gut davon. Der "ist in Hohenlychen in Ostpreußen gestorben...aus reiner Koketterie! Angeberei...er war nach da oben gereist, um sich zu operieren, sich einen Bruch zusammenflicken zu lassen...Ich werde Ihnen noch erzählen, wie sie ihn da oben operiert haben... Zeugen existieren keine mehr...auch der Chirurg nicht!...Gebhardt ist als Kriegsverbrecher gehenkt!...nicht wegen der Operation Bichelonnes!...sondern für alle möglichen Massenmorde...".
Als die Nachricht von Bichelonnes Tod in Siegmaringen eingetroffen ist, reist eine offizielle Abordnung, zu der auch Céline gehört, in einem luxuriösen Sonderzug 1 200 km nach Hohenlychen. Der Zug ist ein Überbleibsel aus der Kaiserzeit. Wilhelm II. hatte ihn für den Staatsbesuch des Schahs von Persien anfertigen lassen. Zu diesem Besuch kam es allerdings nicht.
Schwer zu sagen, was in Céline's lebhaften Milieuschilderungen Dichtung und Wahrheit ist. Seine Fantasie ist ausschweifend und bringt immer wieder groteske Szenen hervor. Die hochrangige Abordnung zerfetzt die Samtgobelins, um sich vor der eisigen Winterkälte zu schützen. Die Hähnchen werden schon vor der Reise aufgefressen. Angst und Beklommenheit, ob die "Boches", die Deutschen, sie vielleicht doch zu den Russen bringen - möglich ist bei denen alles - beherrscht die Gemüter. Nach mehreren schrecklichen Tagen und in jämmerlichem Zustand bremst der Zug plötzlich. Auf dem Bahndamm spielt eine Kapelle das Horst-Wessel-Lied zum Gruß. Streng nach Rang geordnet marschiert die Abordnung bei scharfem Ostwind duch Eis und Schnee nicht zum Lazarett sondern zu einem Schuppen. Ein hübscher deutscher Offizier verkündet in bestem Französisch: "Ich muss Ihnen die schmerzliche Mitteilung machen, daß Monsieur Bichelonne gestorben ist...vor zehn Tagen...im Lazarett." Die Abordnung legt einen Kranz aus Efeu und Immergrün auf den Sarg, weiß aber nicht einmal, ob Bichelonne wirklich darin liegt. Die Kapelle intoniert die "Marseillaise". Céline - da man nun mal da ist - möchte  "wenigstens Gebhardt sehen!...Er hat ihn doch operiert...er ist nicht da...er hat scheinbar zu viele Operationen...wenn ihm alle so gut gelingen!"
Im verschlissenen Luxuszug geht die Reise unter entsetzlichen Umständen wieder zurück.



Fotos: Heilstätten 1993 und Auguste-Viktoria-Sanatorium 1928.

Louis-Ferdinand Céline (1894 - 1961) - Enfant terrible unter den französischen Schriftstellern - war promovierter Arzt mit einer Dissertation über Semmelweiß, die aus heutiger Sicht eher als eigenwilliger Roman anzusehen ist. 1926 bis 1936 arbeitete er für den Völkerbund als Sekretär am Institut der Hygiene und Epidemologie. Das brachte ihm Welterfahrung ein.
Er begann schon im I. Weltkrieg zu schreiben. Nach 1932 machte ihn der Roman "Reise ans Ende der Nacht" schlagartig berühmt. Das Werk brach radikal mit der französischen Literaturtradition wegen seiner lyrischen Rhetorik der Verzweiflung und des schonungslosen Zynismus. Ideologisch war er ein Wanderer zwischen den Welten. Kurzzeitig sympathisierte er mit dem Kommunismus und der Sowjetunion. Bekam von dort keine Anerkennung und rächte sich dafür mit bösen Schriften über die Sowjetunion, den Kommunismus und die Juden. Schließlich fand er sich in der politischen Nähe des Nationalsozialismus wieder.
In ihrer Ausdruckskraft überschreiten Célines Werke alles Konservative, oft auch den guten Geschmack. Wer für die heutige Zeit Lehrbeispiele sucht, wie man Frust, Skepsis und Verachtung gegenüber allem Etablierten loswerden kann, findet das in exzellenter Form bei ihm.
Heute ist er als einer der bedeutendsten Spracherneuerer des 20. Jahrhunderts anerkannt.
Für Hohenlychen-Historiker wäre der Roman "Von einem Schloß zum andern"  lesenswert, um herauszufinden, bis in welche Einzelheiten die Bichelonne-Episode auf Wirklichkeit beruht. Tatsache ist, dass ein Teilnehmer des "Lychener Historienstammtisches" Bichelonne's Namen in einem alten Gräberverzeichnis des Hohenlychener Friedhofs entdeckt hat.
Weiter Einzelheiten über Intrigen und Praktiken in den Hohenlychener Heilstätten während der Nazi-Zeit sind u. a. auch in dem Buch von Gitta Sereny, "Albert Speer -  sein Ringen mit der Wahrheit", Wilhelm Goldmann Verlag München 2005 nachzulesen.

Louis-Ferdinand Céline, "Von einem Schloß zum andern", Rohwohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg, Juni 1982.