Meine Ausdrucksform ist der Ton

 Michaela Ambellan erzählt aus ihrem Leben und über die Kunst der Keramik

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Michaela Ambellan bei der Arbeit im Atelier. Foto: J. Hantke.

Neugierig und voller Erwartung betrat ich eines Abends im April den Hof des Keramikateliers von Michaela Ambellan. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Mathias begrüßte sie mich als ersten Gast. Lange dauerte es aber nicht, und der Hof füllte sich mit immer mehr Besuchern. Wir alle wollten der Literaturwissenschaftlerin Ursula Seiffert bei ihrer Lesung aus Werken von Elke Heidenreich lauschen, was am Ende ein voller Erfolg wurde. Und ich muss gestehen: Schon lange habe ich nicht mehr so herzhaft gelacht.               Mich faszinierte zugleich die wunderschöne Innengestaltung des Ateliers. Einzeln oder zu Gruppen zusammengestellt, zogen die Keramikfiguren meinen Blick auf sich, vor allem die Frauengestalten von einzigartiger Aussagekraft.

So beschloss ich, Michaela zu bitten, über sie ein Portrait schreiben zu dürfen. Und sie willigte ein.

An einem sonnigen Morgen setzen wir uns auf dem Hof bei einem Glas Apfelschorle zusammen, und meine Gesprächspartnerin beginnt, aus ihrem abwechslungsreichen Leben zu erzählen.

Gleich nach ihrer Geburt 1965 in Königs Wusterhausen ziehen die Eltern Eleonore (geschieden, jetztNafe) und Jürgen Hildebrandt in die Lychener Gefilde nach Kastaven in das letzte Haus. Hier gibt es erst einmal kein Trinkwasser, nur den Brunnen, und im Winter wird Wasser aus dem Eisloch geschöpft. Michaela spielt im Zuckersand auf der Panzerstraße oder tummelt sich mit der Mutter im sauberen Wasser des Kastavensees. Die Eltern wandern mit ihr durch Wald und Feld. In den Kinderjahren wird mit Mutter zu Hause gebastelt, denn Selbstgebasteltes ist in der Familie hoch geschätzt. So strickt, näht und appliziert Michaela als heranwachsendes Mädchen, baut und gestaltet alles Mögliche selbst. Sie hat zwei Brüder. Der eine ist drei Jahre, der andere elf Jahre jünger.

Michaela besucht die Pestalozzi-Schule in Hohenlychen bis zur 10. Klasse. Naturwissenschaften und die musischen Fächer liegen ihr am meisten. In der Freizeit fährt sie mit dem Rad mit der Familie, allein oder mit Freunden hinaus in die Natur zum alten Zeltplatz am Platkowsee oder zum Großen Lychensee. Sie schwimmt und rudert gerne, liebt die Ruhe und einsame Orte in der Natur.

Wasser, das kostbare Nass, und eine saubere Umwelt liegen ihr am Herzen. Deshalb entscheidet sie sich 1981 für die Berufsausbildung mit Abitur für wasserwirtschaftliche Anlagen in Neubrandenburg.

Ein neuer prägender Abschnitt werden die Jahre 1984 – 1987 während des Studiums der Wasserwirtschaft in Magdeburg. Die Ingenieurschule – damals im heutigen Landratsgebäude – liegt gegenüber dem Dom, direkt neben dem Kloster Unserer lieben Frauen. Dort besucht sie mit ihren Freunden die guten Konzerte und Kunstausstellungen, wie z. B. Keramiksammlungen. Magdeburg als Stadt des Schwermaschinenbaus hat schon zu DDR-Zeiten eine interessante Kulturszene mit guten nationalen und internationalen Rockkonzerten und ein Klubkino.

Nach dem Studium nimmt Michaela ihre Arbeit als Ingenieurin beim Berliner Wasserbetrieb auf, zuerst im Bereich Abwasser und Umweltschutz. Sie erinnert sich: „Zu DDR-Zeiten mussten wir Techniker experimentierfreudig sein und uns viel ausdenken, beispielsweise wie ein Ionen-Austauscher selber konstruiert werden konnte, um Schwermetalle aus dem Wasser zu isolieren.“ Nach der Wende hält die West-Technik Einzug. Alles kann eingebaut werden. Es ist nur eine Frage des Geldes.

1998 wird sie Bauleiterin für die Verlegung von Trinkwasserrohren im Tiefbau. Als einzige Frau auf der Dienststelle muss sie 150 Prozent geben, um von den Männern anerkannt zu werden. Nach drei Jahren hat sie es geschafft.

Als zur Wendezeit nach 1989 in Berlin-Mitte historische Altbausubstanz abgerissen werden soll, macht Michaela zusammen mit ihrem Mann in einer Bürgerinitiative für den Aufbau eines Wohn- und Sozialprojektes mit: „Als Selbsthilfegruppe kümmerten wir uns um das Haus, haben Sanierungsverträge abgeschlossen, gebaut und sind dort eingezogen.“

Mathias Ambellan entwickelt das Projekt „KommunArt“ als Anlaufpunkt für Jugendliche und Auffang nach der Schule. Konfliktgeladen sind die Verhältnisse in den Familien nach der Wende. Bei „KommunArt“ finden die Jugendlichen Halt und Neuorientierung. „In dieser Zeit“, so Michaela, „wird der Dokumentarfilm „Mittendrin“ gedreht, der zeigt, mit wieviel Idealismus wir rangegangen sind, um Gewaltpotential bei den Jugendlichen abzubauen.“

Geld wird gebraucht, und so verkauft sie zeitweilig Würstchen im Kiosk am Bahnhof Friedrichstraße und geht in einem Architekturbüro putzen.

In ihrer Berliner Zeit nutzt sie die Chance, in dem Betriebszirkel des Wasserbetriebes unter dem prägenden Einfluss der Keramikerin Susanne Besch mitzuwirken. „Keramikkurse“, so erzählt sie mir, „waren in der DDR hoch begehrt, und in die Volkshochschule kam man kaum rein. Deshalb war ich froh, in dem Betriebszirkel mitarbeiten zu dürfen. Damals wurden den Töpfern die Waren noch buchstäblich aus der Hand gerissen. Nach der Wende begannen die Probleme mit den industriell gefertigten Produkten billiger Konkurrenz.“

Michaela nimmt an anderen Keramik-Kursen teil wie im Haus der Jungen Talente und später im Nachbarschaftshaus Pfefferwerk. “ Ich hatte mein Element gefunden – den Ton.“

1994– 1995, während einer verkürzten Arbeitszeit als Ingenieurin, absolviert sie ein Praktikum in der Töpferei „Allahand ceramik“ bei Heike Beckmann in Berlin-Kreuzberg. Hier lernt sie den Werkstattbetrieb kennen. Sie dreht die Töpferscheibe und bemalt Keramik. Mit der Formung des Tons fängt sie die Frau ein. Aus dieser Zeit stammt der Teller mit den tanzenden Frauen in der Sonne. Die Frau wird zur immer wiederkehrenden Figur in ihrem künstlerischen Schaffen als Symbol der Kraft, Stärke und Energie.1995 – 1996 besucht sie Workshops zu experimentellen Brenntechniken wie Raku-, Sägemehl-, Papierofen- und Lehmofenbrand bei der Künstlerin Wendelin Gräbener im Teutoburger Wald. Dazu erklärt sie: „Diese Brenntechniken faszinierten mich. Ich begann, Gefäße mit Figuren zu formen, später nur Figuren. In den Workshops stellte ich fest, dass mir die Aufbaukeramik mehr liegt als das serielle Drehen. Wendelin Gräbener ermutigte mich weiterzuarbeiten im freien Modellieren.“

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Der Lehm muss gestampft werden für den Lehmofen, 1996                                               

Und sie zieht als Fazit aus dieser Periode ihres Lebens: „So kam ich dazu, zwei Berufe zu haben: einerseits einen rationalen und erdverbundenen Beruf als Ingenieurin und andererseits eine die Seele nährende, schöpferische Tätigkeit mit Ton, die möglichst auch andere Menschen erfreuen soll.“

Wieder in die Lychener Heimat zurückgekehrt, sanieren Michaela und Mathias Ambellan in den Jahren 1998 – 2004 gemeinsam mit einem befreundeten Berliner Architekten das Haus in der Stabenstraße 16. Sie widmet sich der Kunst des Modellierens. Richtet sich aber zugleich einen Telearbeitsplatz mit PC für die Berliner Wasserwirtschaft zu Hause ein. Er ist in Templin als Sozialarbeiter im sozialpsychatrischen Dienst beschäftigt. Beide engagieren sich aktiv im Lychener Stadtgeschehen. Dazu ihr kurzer Kommentar: „Wenn man merkt, jetzt werden die Weichen gestellt, da muss man sich beteiligen/ einbringen!“

Ich möchte wissen, wie die Künstlerin selbst ihre Arbeit sieht, was daran das Wesentliche ist. Michaela erklärt mir das am Beispiel der Figuren: Das sind sehr irdische Frauen, die sie Kraftfrauen nennt, weil sie Kraft darstellen und auch Kraft beim Betrachten und Berühren geben sollen. In ihrer sinnlichen Fülle strahlen sie Lebensfreude aus. Zugleich sind sie auch engelhafte Wesen, die das Spirituelle in uns, das Streben nach etwas Höherem über uns selbst hinaus, verkörpern sollen.

Die von ihr bevorzugten Brenntechniken wie Schmauchbrände und Raku hat sie gewählt, weil diese selbst „ein Wunderwerk der vier Elemente“ sind und Raum lassen für etwas wohltuend Überraschendes, wenn die fertige Keramik herausgenommen wird. In den Schmauchbränden hinterlassen Glut und Rauch ihre Spuren auf den polierten Oberflächen. Beim Raku-Brand nimmt sie die glühende Keramik aus dem Ofen und lässt sie anschließend in Sägespänen, Blättern und Papier „räuchern“. Die Glasuren nehmen vielfältige Farbigkeit an und bilden durch den Temperaturschock Risse. In der Fachsprache werden sie „Krakelee“ genannt. Auf den Figuren regt das „Krakelee“ beim Anschauen zu Fantasie an, denn die Risse gleichen Sprüngen, Brüchen, Lebenslinien-Spuren von Erfahrungen, wie sie den Menschen auch im wirklichen Leben verschönern. Für Michaela ist das Ausräumen der Keramik immer wieder ein Fest des Staunens und der Freude über die unvorhersehbaren und nicht wiederholbaren Schönheiten, wie sie ihre Empfindungen in ihrem Flyer beschreibt.

Das Atelier ist darüber hinaus ein schöner Ort der Begegnung für Freunde der Kunst und Literatur. Ambellans legen großen Wert auf das Leben in der Familie. Ihr siebenjähriger Sohn Mattis ist nämlich, wie sie sagt, der reinste Wirbelwind! 

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Die junge Familie Ambellan, Januar 2011.                                                          

Aber sie lieben auch die Geselligkeit, den Gedankenaustausch, das Teilen und Teilhabenlassen. So sind Hof und Atelier nicht nur ihr eigenes Refugium. Schon während der Bauzeit am Haus in der Stabenstraße hat es Hoffeste gegeben. Für neugierige Besucher stehen die Tage des offenen Ateliers auf dem Programm. Ursula Seifferts wunderbare Vorlesungskunst hat bereits Tradition.Bilder-VII-0130.JPG

Lesung mit Ursula Seiffert, April 2011. Fotos: M. Ambellan.

Michaela hat viele Kurse und thematische Workshops wie z. B. „Was gibt mir Kraft?“, „Mein eigener Schutzengel“, „Meine persönliche Jahresfigur“ durchgeführt.

Und wie ist die Resonanz bei den Teilnehmern“, frage ich sie. Sie blickt zurück: „Es waren immer zwischen 20 und 40 Besucher zu den Lesungen. Der Auftakt war Christine Brückners 'Ungehaltene Reden von ungehaltenen Frauen'. Es gab eine Lesung am Samowar mit russischer Literatur, oder zur Weihnachtszeit Elke Heidenreichs „Erika“. Ein besonderer Abend war eine Lesung aus dem Werk der lettischen Autorin Zenta Maurina. Auch die Lesung aus den Gedichten und Geschichten meines Bruders Heiko Hildebrandt war ein Höhepunkt im Atelier. Die größte Resonanz gab es anlässlich des 20. Jahrestags der Wende zu seinem Programm 'DerMauerfall, Gundermann und ich' mit über 80 Gästen, die sich ziemlich drängeln mussten. Aber immer ist es Ursula Seiffert, die das Fan-Publikum mit ihrem Vortrag in eine andere Welt entführt.“

Pläne für die Zukunft sind bereits geschmiedet: Es gibt weitere Lesungen mit Ursula Seiffert, eventuell eine Eva-Strittmatter-Veranstaltung. Zur Zeit arbeitet Michaela an dem Thema „Tanz“ (des Lebens)/„Tänzerinnen“. Vielleicht entsteht daraus eine Ausstellung. Zur LAGA 2013 in Prenzlau gibt es eventuell eine Ausstellung der Künstlergruppe UmKunst, in der Michaela Mitglied ist.

Das Atelier ist freitags 15-18.00 Uhr geöffnet (oder nach Vereinbarung bzw. auch für spontane Besucher)

Ausstellungen

1996/97, erste Ausstellungen in Lychen mit Feuerfrauen

2005, Helenenkapelle, „Der Erde verbunden zum Himmel empor“

2006, Helenenkapelle, Ausstellungen

2007, Dominikanerkloster Prenzlau, „Von irdischen und himmlischen Freuden“

2009, Ausstellungsbeteiligungen innerhalb der Gruppe UmKunst: „UmWege“ in Schwedt, „Jenseits“-Ausstellung, Marienkirche Prenzlau

2010, Fürstenwalde „Blicke dahinter