Richard Ambellan - Gärtner mit Witz und Humor

Wer zu Richard Ambellan in die Gärtnerei hinunterging, fand alles, was er wollte an frischem Gemüse und farbenprächtigen Blumen. Gerne erinnere ich mich an den riesigen, duftenden Strauß Landnelken mit weißem Schleierkraut, den Großmutter bei ihm - frisch gepflückt - zu meinem Geburtstag kaufte. Mit Hut und Zigarre war er ein Lychener Original. Mit seiner Freundlichkeit, seinem Witz und Humor ist er in unsere Stadtgeschichte eingegangen.
1906 geboren, führte er die Gärtnerei am Fürstenberger Tor in der zweiten Generation. Sein Vater, August Friedrich Wilhelm, stammte aus Berlin. 1897 pachtete dieser die ehemalige Knaak'sche Gärtnerei. Als er 1923 verstarb, bat die Mutter den Sohn Richard, das Geschäft weiter zu führen. Eine Ausbildung zum Gärtner war derzeit nicht üblich. Es galt als Gewerbe, und man nannte sich Kunstgärtner. Fachkenntnisse wurden in der Praxis erworben. 1931 heiratete Richard Ambellan Charlotte Weidmann aus Beutel. Neben dem vielseitigen Angebot hatte er sich auf Freilandprimeln spezialisiert, die er auch an andere Gärtnereien verschickte. Hauptgeschäft im Frühjahr war der Verkauf von Gemüse- und Blumenjungpflanzen. Zimmergewächse suchte sich der Kunde im Gewächshaus aus. Na, und da kam es manchmal zu spaßigen Überraschungen. Eines Tages erschien Ida Huff, Russischlehrerin, mit einem bei Frau Simon gekauften Aal in der Tasche bei Ambellan, der den großen Fisch tüchtig lobte. Sie wollte sich eine Topfblume kaufen und stellte die Tasche am Eingang des Gewächshauses ab. Richard Ambellan meinte: "Bitte,  Zuhause angekommen, fand Ida Huff den Aal noch reizender. Er trug eine rote Rose im Maul.
Da die Lychener für bestimmte Rüben mal den plattdeutschen, mal den hochdeutschen Namen gebrauchten, kam es ab und an zu gewollten oder ungewollten Missverständnissen. So schickte eine Eisenbahnerfamilie vom Bahnhof Lychen ihre Tochter Jutta in die Gärtnerei: "Ich soll Kohlrübenpflanzen kaufen." Ambellan schüttelte den Kopf: "Kohlrübenpflanzen haben wir nicht. Wir haben nur Wruken."
Bisweilen hatten die Späße einen unangenehmen Ausgang. Polizist Fock salutierte in der Gärtnerei mit dem Hitlergruß. Ambellan riss den Arm hoch. Fock salutierte zurück. Und das immer wieder, bis der Polizist - nur auf sein Gegenüber fixiert - mit dem Kopf gegen den Laternenpfahl rannte.
Zu den Frauen dagegen war er weitaus sanfter. Bänke standen gleich unten beim großen Bergamotte-Birnbaum zum Ausruhen oder zum Schwätzchen. Mit Botanik verwirrte er einmal die junge, hübsche Erika Breitzmann, die ihm ihren Kaktus zur Namensbestimmung brachte: "Dein Kaktus heißt Oh`- Puntie!". Die Röte stieg ihr ins Gesicht, und sie bedankte sich vielmals.
Als leidenschaftlicher Sammler von Fundstücken aus der frühen Lychener Geschichte trug Richard Ambellan jahrzehntelang zusammen, was bis in die Steinzeit und noch weiter zurück reichte. Steinäxte, Steinbeile, Speerspitzen, Töpfe, Scherben und Donnerkeile. Bauer Lüder und auch andere fanden das beim Pflügen auf dem Acker. Mit Sohn Karl-Heinz machte er selbst Ausgrabungen am Linowsee. Er war Bodendenkmalpfleger. Deshalb hatte er dazu die Berechtigung. Fachkundliche Beratung gab das Institut für Ur- und Frühgeschichte in Schwerin. Richard Ambellan hat zum Beispiel dafür gesorgt, dass die Halbinsel Lindenhof wegen der frühgeschichtlichen slawischen Fliehburg unter Bodendenkmalschutz gestellt wurde. Auf Interesse stießen seine Funde außerhalb Lychens, so beim Templiner Heimatmuseum und auf Bezirksebene. In Lychen fand sich kein Gemäuer für eine dauerhafte Ausstellung. Nach seinem Tod 1967 wurde die Sammlung der Stadt übergeben und im Obergeschoss des Fürsteberger Tors gelagert. Letztendlich - den kulturellen Wert verkannt - wurden die Stücke in das Krambeer-Bruch geschüttet. So schilderten mir die Nachfahren den Verbleib. Richard Ambellan war nicht nur Bodendenkmalpfleger und Naturschutzbeauftragter. Als wahrer Büchernarr besaß er eine umfangreiche Privatbibliothek, darunter auch die Ausgaben der alten Lychener Zeitung. 1945 wurden die Bücher in einem Versteck vergraben, die Waffensammlung in den See geworfen.
Musikinteressiert war er vor 1945 im Lychener Männergesangverein. Mit Georg Carstedt tauschte er sein Wissen aus. Lange Freundschaft verband ihn mit der Bauernfamilie Krasemann, mit Schuhmacherfamilie Stolte und Korbmacher Richter.
Zu seiner Persönlichkeit gehörte auch Zivilcourage. Was manche vielleicht nicht wissen:
Als während der Nazi-Zeit ein KZ-Häftling aus Ravensbrück geflohen war und ihn die Schergen auch in Lychen suchten, fanden sie ihn nicht. Keiner wusste, dass ihn Richard Ambellan unter dem Dach des Heizhauses über Nacht versteckt hielt.
!960 wurde die Gärtnerei eine Produktionsgenossenschaft. Das Ambellansche Verkaufshaus, gebaut von den Eltern, diente nach 1945 zeitweilig als Milchgeschäft. Ende der 60er Jahre bekam Richard Ambellan das Häuschen zurück. Sein Sohn Karl-Heinz hütete sein Vermächtnis. Er hatte sich zu Lebzeiten wie sein Vater bemüht, dass eine Heimatstube im Fürstenberger Tor eingerichtet werden sollte, aber erfolglos. Sein  Enkel Mathias, gleichfalls leidenschaftlicher Lychener, widmet sich der Fotografie heimatlicher Landschafts- und Naturmotive und Architektur. Seine Frau Michaela ist künstlerisch tätig, formt Keramik und Keramikskulpturen.
Jeder hat so seinen typischen Wesenszug. Bei Richard Ambellan waren es neben allem schon Gesagten sein Optimismus, aber auch die Ruhe, die er bei aller Aktivität liebte.


Richard Ambellans Mutter vor dem Verkaufshaus und Charlotte Ambellan mit Schwiegermutter und dem Sohn Karl-Heinz. Fotos: Ambellan/Archiv.