Schildbuckel im Großen Lychensee

Haben Sie sich das Hohe Werder, das Lange Werder und das Fischerwerder einmal ganz genau aus der Ferne angeschaut? Wenn ja, dann haben Sie bemerkt, dass die Inseln am Südwestende einen Hügel tragen. Auch das kleine Fischerwerder hatte einmal einen bescheidenen Buckel. Ähnliche Erhebungen sind auf den Halbinseln Brennickenswerder und Kuckuckswerder zu beobachten. Die Geologen nennen sie Schildbuckel. Ganz fachmännisch heißen sie Drumlins. Das habe ich bei Dr. Wilhelm Martens "Die Lychener Landschaft", Heimatschriften des Kreises Templin, Heft 3, 1957, erfahren. Schief sind die Schildbuckel. Sie steigen sanft an und fallen steil ab. Das von Nordost nach Südwest schiebende Eis hatte diese eigenartigen Formen geschaffen. Es verbreiterte und verband die tiefen Spalten im Gelände zur großen zusammenhängenden Wasserfläche. Die Inseln sind die herausragenden Gipfel zwischen den tiefen Spalten. Die Hauptachse des Großen Lychensees verläuft in Nordost-Südwest-Richtung. Ufernahe Inseln wie Kuckuckswerder und Brennickenswerder sind durch Sandanspülungen zu Halbinseln geworden.
In der langen Geschichte unseres großen Sees hat sich so manches verändert. Er war einmal ca. 10 Meter tiefer als heute. Seekreide und Schlamm lagerten sich ab. Beim Bau des Bahndamms stellte man fest, dass dort die ursprüngliche Tiefe mindestens 13 Meter betrug. Heute sind es nur noch 3 Meter.
Fischreichtum, Wild und Früchte aus der Natur boten mindestens seit der mittleren Steinzeit gute Voraussetzungen für die menschliche Besiedelung. Archäologische Funde auf den Inseln und auf Kuckuckswerder bezeugen das. Auch in mittelalterlicher Zeit war der 1299 in alten Urkunden als "Stagnum Grote Lychen" erwähnte See Nutzungs- und Siedlungsgebiet. So, wie die ganze Gegend ist der Name wohl slawischen Ursprungs. Möglicherweise lässt er sich von lichyn - schlechter (Fischarmer) See herleiten. Obwohl, gefischt wurde auf ihm immer. Ich denke dabei an den wiederholt aufflackernden Streit zwischen Kloster Himmelpfort und der Stadt Lychen wegen der Fischereirechte und der Nutzung der Seen.
Weil ich gerade in die Ascher Lank hineinrudere, lege ich zuerst am Hohen Werder an. Woher rührt die Bezeichnung "Werder"? Nach Lexikon und Duden kommt sie aus dem Mittel- und Niederdeutschen (Werth, Wörth, Werl - Flussinsel oder Land zwischen Flüssen und stehenden Gewässern).
Als beliebtes Ausflugsziel - nicht privatisiert oder verpachtet - bleibt die Kaninchen-Insel hoffentlich weiterhin allen Erholungssuchenden zugänglich. Aufregende Geschichten über sie habe ich nicht erfahren. Dafür habe ich sie aber, wie viele andere, oftmals besucht. Bestens für Kinder zum Spielen geeignet,war der große Sandberg mit dem oberhalb gelegenen Picknick-Platz. Verkohltes Holz verriet, dass dort romantische Lagerfeuer brannten. Am Ufer führte einmal ein Weg um die ganze Insel herum. Bemerkenswert sind der alte Kiefernbestand und die Horstbäume als Vogelnistplätze. Wir Jungs pflückten uns im Herbst blaue Pflaumen von wild wachsenden Obstbäumen und sammelten Brombeeren. Manchmal suchten wir nach wildem Knoblauch auf dem Hügel. Fragt man nach der Herkunft der Bezeichnung "Kaninchen- Insel", so meinen alte Lychener, auf dem Hohen Werder wollten einmal pfiffige Leute Kaninchen in freier Wildbahn halten. Das Wasser würde doch die Flucht unmöglich machen. Aber die Nager blieben nicht lange. Als nämlich die Ascher Lank im Winter zufror, hoppelten sie ab zum gegenüberliegenden Landufer und bevölkerten die Neuländer. Fischerfamilie Nowak auf der Pannwitz-Insel hatte da mehr Glück: Sie wollten Enten und zwei Gänse, insgesamt 20 Stück, für die Verpflegung mästen. Das Geflügel erfreute sich ebenfalls des Freilaufs. Es blieb aber nicht lange. Trotz emsigen Suchens was das Wassergefieder auf dem See spurlos verschwunden. Als jedoch der See um die Weihnachtszeit zuzufrieren drohte, watschelten alle Enten und Gänse zurück zum Futterplatz auf der Insel. Der Weihnachtsbraten war gesichert.
Wechselvoller ist dagegen die Geschichte des Langen Werders. Mit 5,25 Hektar - alle drei Inseln haben zusammen 10 Hektar - ist sie die größte und interessanteste. Landschaftlich ein "Juwel" - so wird sie in alten Schriften gepriesen. Aus der früheren Nutzung ist etwas erhalten geblieben: Reste einer alten Lindenallee, die von der Nord- zur Südspitze führte. Land- und Gartenwirtschaft wurden in beträchtlichem Umfang betrieben. Halbmondförmig bietet das Ostufer mit seiner natürlichen Bucht einen geschützten Anlegeplatz.
1908 erwarb Geheimrat Prof. Dr. Pannwitz die Insel. Er ließ ein Gebäude errichten, in welchem er Patientinnen der Reichsversicherungsanstalt und der Allgemeinen Ortskrankenkasse der Stadt Berlin unterbrachte. Ab 1922/23 verbrachten die Patientinnen den Winter im Weinberg-Sanatorium in Hohenlychen. Die Heilstätten Hohenlychen wurden von 1902 bis 1912 zur Behandlung der Lungentuberkulose für Frauen und Kinder eingerichtet und erwarben sich schnell einen guten Ruf.
Pannwitz und seine Familie liebten wohl sehr das Rosenhäuschen auf der Anhöhe an der Südseite mit Blick nac Kuckuckswerder. Hier hat er wahrscheinlich seine weit reichenden Pläne reifen lassen. Elli Schulze, geb. Lilienfeld, weiß noch, dass das Rosenhäuschen einstmals ein Fischerschuppen war. Geheimrat Pannwitz, 1926 verstorben, ist auf der Insel gemeinsam mit seiner Frau begraben, die ihm ein Jahr später folgte.
Ab 1928 wurden auf dem Langen Werder Alkohol- und Rauschgiftsüchtige behandelt. Die Therapie erfolgte in drei Phasen: 1. Das Stadium der Entzugserscheinungen. 2. Das Stadium der organischen Regeneration mit Liegekuren, guter Verpflegung, Atemübungen und leichtem Sport. 3. Das Stadium der seelischen Behandlung, also Psychotherapie. Zu diesem Zweck wurde im selben Jahr das Haupthaus um- und ausgebaut, der Pavillion modernisiert und ein drittes Gebäude errichtet.
Das Lange Werder wurde Pannwitz-Insel genannt. Aber nun gab ihm der Volksmund den nicht gerade entzückenden Beinamen "Säuferinsel". Noch lange erzählten die Lychener, dass eingeschworene Trinker es wie die Kaninchen auf dem Hohen Werder taten. Sie stahlen sich heimlich von der Insel und kehrten in die Lychener Kneipen ein.
Nach Geheimrat Pannwitz' Tod über nahm der älteste Sohn die Verwaltung des Eigentums. Während der NS-Zeit kaufte die NSDAP die Insel und richtete dort die Gau-Schule II "Dietrich Eckert" ein. Nach dem Krieg standen die Gebäude zeitweilig leer, bis Fischer Wachs vom Langen Werder aus den Großen Lychensee privat befischte. 1957 übernahm Gerhard Nowak den Betrieb mit Lehrlingsausbildung. Ehefrau Helga, jetzt wohnhaft in Lassan, erinnert sich gerne an die Jahre auf dem Langen Werder. Sie betreute die Lehrlinge, war Internatsleiterin und Köchin zugleich. In der unteren Etage des Haupthauses lagen die Unterkünfte und der Speisesaal. Oben wohnte die Fischerfamilie. Auch im alten Löhns-Haus waren zeitweilig Lehrlinge untergebracht, vor allem aber das Kinderferienlager des VEB Binnenfischerei.
Im Hermann-Löhns-Haus, seit der NS-Zeit so benannt, schmückten Gemälde mit Jagdszenen die Innenwände. Helga Nowak sind so manche Einzelheiten gegenwärtig, z. B., dass die Schriftzeichen "Dietrich-Eckert-Schule", "Hermann-Löhns-Haus" und das Hakenkreuz am Haupthaus nach Malerarbeiten immer wieder durchschlugen.
Mich beeindruckte die Fischaufzucht, die wir als Schüler im Biologie-Unterricht besichtigen durften.
Ab 1971 übernahm Hilmar Junke die Leitung des Ferienheimes. Nowaks zogen 1978 nach Lassan. Bis zur Wende blieb die Insel Ferienobjekt des VEB Binnenfischerei. Bemühungen, sie danach weiter für Erholungszwecke zu nutzen, scheiterten an der Entscheidung der Treuhand-Gesellschaft.
Das Lange Werder, in der Bild-Zeitung sogar Mond-Insel genannt wegen seiner Sichelform, befindet sich jetzt in Privatbesitz und ist nur mit Genehmigung des Lychener Verwalters Werner Kiepert betretbar.
Vom Langen Werder über die tiefste Stelle des Großen Lychensees gleitet mein Ruderboot zur kleinsten und lieblichsten Insel, dem Fischerwerder. Selbst dieses Eiland, auch Kleines Werder genannt, weiß einiges zu erzählen.
Den Großen Lychensee bewirtschafteten bis 1945 die Himmelpforter Fischer. Sie standen einstmals im Dienste des Klosters Himmelpfort und mussten dem Abt Herrenfische liefern. Die alte Sage "Der Garnmeister von Lychen", aufgeschrieben von Gustav Metscher, berichtet, was damals dem Fischer Daniel Henning widerfuhr. (Siehe Seite: "Der Garnmeister von Lychen").
Ob nun das Fischerhäuschen vom Daniel Henning auf dem Kleinen Werder stand, bleibt dahingestellt. Aber es könnte so gewesen sein. Einige Lychener wissen nämlich noch: auf dem Fischerwerder stand einmal ein Haus. Als Jungs entdeckten wir noch die Reste des Fundaments.
Ganz genau erinnert sich Elfriede Milling: "Der Eingang war an der Ostseite. !930/32, bei einem Besuch auf der Insel, beeindruckte mich die Stube mit den rotkarierten Gardinen und den hübschen Bauernmöbeln." Das Haus hatte Fischer Schildhauer aus Himmelpfort gepachtet. Draußen lag ein gepflügter Acker. Es waren sogar Kühe auf dem Eiland. die
Insel gehörte einmal zum Stift Himmelpfort. Sie hatte früher weniger Baumbestand. Heute ist Erlenbruchwald vorherrschend. Das Häuschen stand auf dem flachen Schildbuckel, der jetzt planiert ist.
Nach 1945 kam das Fischerwerder zu Lychen. Kühe und Schafe aus Sähle weideten auf der Insel. Im August 1972 wurde das Fischerwerder zum Naherholungsgebiet erklärt. dDe Sektion Motorwassersport und ihr Nachfolger MSC Großer Lychen erhielten sie zur Nutzung bis auf den heutigen Tag.
Ich lege am Steg an. Ernst Prütz, einst in Lychen wohnhaft, klettert aus seiner Motorjacht und lässt mich die Insel anschauen. Volleyball- und Grillplatz mit einer Wasserpumpe - alles ordentlich gepflegt - bestimmen heute das Bild des Eilandes.
Am Langen Werder vorbei, zeigt die Bootsspitze auf die Halbinsel Kuckuckswerder. Das Lange Werder und Kuckuckswerder sind in die Liste der Bodendenkmäler eingetragen. Reste historischer Siedlungsstätten wurden auf der Halbinsel entdeckt. Seltene Tierarten, wie Fischotter, Wasserfledermaus und Greifvögel fühlen sich hier heimisch. Eine historische Karte von 1919 zeigt Kuckuckswerder noch nicht bebaut. Ein Sumpfgürtel umgab die Halbinsel. An der höchsten Stelle liegt sie etwa 7 Meter über dem Wasserspiegel. Böttchers, zwei Schwestern, ließen einige Jahre später das Haus mit der Glasveranda am Seeufer errichten. Die Halbinsel trug von da ab auch die Bezeichnung Böttcherswerder. Elfriede Milling wohnte von 1923  bis 1925 mit der Familie auf Böttcherswerder. Die Eigentümer vermieteten an Sommergäste und verpachteten das Land. So bauten z. B. Stoltes dort Kartoffeln an. Böttchers verkauften das Anwesen an Redlichs aus Schlesien. Sie bauten das zweite Haus. bis 1945 war Kuckuckswerder im Besitz von Redlichs.
Während der DDR-Zeit war es lange Jahre Ferienheim der Handwerkskammer des Bezirkes Neubrandenburg. Das Objekt wurde mit Ferienhäusern erweitert. Die Halbinsel ist heute an der Landseite eingezäunt und nicht betretbar. Sie befindet sich in Privatbesitz.
Etwas weiter südlich liegt die zweite Halbinsel, Brennickenswerder. Brennickenswerder schiebt sich zwischen dem Großen Lychensee und dem Mellensee bis an den Lychener Winkel heran. Der ursprüngliche Bauernhof hatte die Form eines Vierecks mit Wohnhaus, Stall, Scheune und einem Bretterzaun.
Den Giebel des Hauses zierten zwei sich kreuzende Pferdeköpfe. An den alten Herrn Brennicke mit langem Bart mögen sich einige noch erinnern. Ungefähr um 1923 bis 1925, so erzählt Elfriede Milling, bewirtschafteten zwei Damen, möglicherweise zwei Schwestern mit Namen Tizius, den Hof. Eine der beiden liebte es, eine lange Pfeife zu rauchen. Nach dem Tod des verunglückten angenommenen Sohns zogen sie weg. Brennickenswerder kam in Besitz von Sägewerkeigentümer Paul Köppen. Nach dem Krieg wohnte Friedhofsgärtner Albert Schulz mit Familie an dem abgelegenen Ort. Heute betreiben Hans und Danielle Westpfahl, Verwandte von Köppens, eine Ferienhausvermietung mit Gaststätte.
Auf meiner Rückkehr blicke ich vom Flachen Ende noch einmal auf den herrlichen See. Ich habe ihn für mich neu entdeckt. Und - Donnerwetter - was haben an seinen Ufern für emanzipierte Frauen gelebt.