Zukunftsblumen und perforierte Handhüllen

 

          Uwe Jähnichen zeichnet und malt surrealistische Visionen mit tiefsinnigem Gehalt

 

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Wer beim Spaziergang durch die Lychener Springstraße geht und bis auf die Höhe der Nr. 10 gelangt, erblickt unter hohen Tannen Stahlskulpturen von eigenwilliger Form. Hinter der üppig gewachsenen Gartenkulisse entdeckt der Besucher weitere, teils schwer, teils filigran wirkende Skulpturen und Konstruktionen von symbolischer Kraft.

Bittet Uwe Jähnichen, Enkel von Charlotte Wings und Stahlkünstler, den Gast einzutreten in das alte Siedlerhaus aus den 1920er Jahren, so lässt er ihn unweigerlich Blicke in nicht alltägliche Raumgestaltung werfen. Mit seiner schrägen Küche ist der Freizeitkünstler bereits durch Presseartikel und TV-Berichte bekannt geworden. Seit neuester Zeit ist auch das schräge Bad dazugekommen – weniger für den täglichen Gebrauch als mehr zum Staunen und zum Nachdenken, denn „schräg“ steht im Gegensatz zu geradlinig und konform.

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Was aber kaum einer weiß, weil es bei aller Publizität bislang im Hintergrund geblieben ist, sind Uwe Jähnichens grafische und malerische Arbeiten. Ich selbst lasse mir immer wieder gerne Bilder aus dem Zyklus „Future Flowers“ (Zukunftsblumen) zeigen. Und so kam es mir erst vor kurzem in den Sinn, ihn zu diesem Teil seines vielseitigen künstlerischen Schaffens zu befragen. Denn – was mich besonders beeindruckt, ist die einzigartige Technik, die er beim Zeichnen einsetzt. Er zieht Linien, schraffiert und gestaltet die Bilder mit dem Kugelschreiber.

„Wie bist Du denn auf diese Idee gekommen“, frage ich ihn am Nachmittag bei einem Kännchen Kaffee.

Uwe zögert nicht lange und legt los: „In meiner früheren Berliner Maisonettenwohnung hatte ich die Absicht, eine Galerie in dem großen Raum einzurichten. Ich hatte Zeit und dachte zurück an meine ersten Schülerzeichnungen und Malereien. Ende der 1970er Jahre hatten wir in der 10. Klasse unsere Abschlussarbeit im Fach Kunst anzufertigen. Mit Tusche malte ich fünf oder sechs Saurier als Aquarelle. Sie waren so gut, dass ich von allen nur zwei zurückbekommen hatte. Die anderen waren wohl in Privatgemächern verschwunden. Gezeichnet habe ich schon als Junge gerne.

Spontan wollte ich nun probieren, ob das Zeichnen noch ging. Papier lag genug herum. In Griffnähe hatte ich aber nur einen Kugelschreiber. Ich schaute auf meine linke, herunterhängende Hand und skizzierte sie. Die Skizze setzte ich um in eine realistische Zeichnung der Hand. Das war die erste Probe mit dem Kugelschreiber, und sie gefiel mir.“

Uwe Jähnichen bleibt fortan beim Kugelschreiber und perfektioniert sein Zeichnen. Mit feinsten Strichen, fast wie ein Hauch, schraffiert er, setzt Schattierungen und gibt den Bildern dreidimensionale Gestalt.

Aus seiner rechten Hand entstehen die ersten „Future Flowers“, Pflanzen und Blumen, die zukünftig die Erde wiederbeleben, falls der Mensch diese durch seine rücksichtslose Gier nach Macht und Beherrschung der Welt zerstört haben sollte. In seiner Fantasie lässt er sich von dem Gedanken der Endzeitmelancholie leiten, die er mit seinem Freund und surrealistischem Maler Olaf Holder teilt. So wächst der Zyklus „Future Flowers“ im Verlaufe mehrerer Jahre auf gegenwärtig 30 Zeichnungen an. Von Mal zu Mal werden sie feiner und nehmen surrealistische Gestalt an.

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„Sehr sauber muss ich arbeiten,“ betont Uwe. „Nach 40 feinen Strichen muss die Kugel der Mine abgewischt und immer wieder abgestrichen werden, weil sich sonst an ihr Farbklumpen bilden. Fällt eine solche Verdickung aufs Papier, ist die Zeichnung dahin, denn bei dieser Technik ist Korrigieren durch Radieren unmöglich.“ Und er fügt hinzu: „Nach längerer Übung mit dem Kugelschreiber kann man viel feinere Arbeiten als mit herkömmlichen Techniken herstellen. Die Dreidimensionalität lässt sich sehr gut herausarbeiten. Andere Künstler mögen da anderer Meinung sein. Ich sage das aus meiner Sicht und Erfahrung.“

Parallel zu den „Future Flowers“ vervollkommnet er die Gestaltung der Hand. Sie beginnt zu schweben, losgelöst für sich allein und entweicht als leere Handhülle aus der realen Welt. Perforiert driftet sie ab ins Surreale und wird zu einem bleibenden Motiv neuer surrealistischer Kompositionen.

„Ich verbinde die perforierte Hand mit Pflanzen und Stahl. Beim Zeichnen entwickeln sich meine Gedanken. Die Hand pflückt oder wird umschlungen von lebensstarken Ranken,“ erklärt er mir. „Wirklichkeitsgetreu sind die Zeichnungen nicht. Aber sie müssen immer einen Gegensatz beinhalten zwischen dem realen Gegenständlichen und dem, was passiert. Aus den Aktionen auf den Bildern ergibt sich das Surreale. Zugleich sollte eine gewisse Ästhetik nicht fehlen, denn sonst wäre das Bild flach und fade.“

So entstehen fantastische Endzeitstimmungen. Das Relikt des Homo sapiens ist die schwebende Handhülle. Zerstörerisch wirkt sie immer noch auf ihre Umwelt ein, die sich im Überlebenskampf wehrt, symbolisiert durch Aktionen der Pflanzen.

Ein Bildbeispiel, wie sich die Natur mit ihren Möglichkeiten gegen das vom Menschen verursachte Absterben auf der Erde wehrt, ist die Pflanze, die mit ihrer windenden Ranke der Hand den Finger abschnürt.

„Bei allem Surrealem,“ so meine ich, „sind diese Zeichnungen für den Betrachter noch fassbar und verständlich. Was aber ist eigentlich bis jetzt das Top-Bild des Surrealistischen von Dir?“

Uwe Jähnichen zeigt mir sein Werk mit dem Titel „Schwebende Handhülle beim Pflücken eines Dreivierteltaktes mit einer überreifen Note“ als erst Arbeit aus dem Zyklus „Virtuelle Musik“.

Hierzu hatte er sich in Vorbereitung erst einmal wieder mit den Noten vertraut machen müssen, denn für den Musikkenner muss der Dreivierteltakt eindeutig erkennbar sein. Das ist ihm – finde ich – malerisch perfekt gelungen.. Die überreife Note läuft aus und zerrinnt am Ende wie eine saftige Frucht.

„Ein lustiges Bild sollte es sein und beim Anschauen Spaß bereiten. Auf jedem Fall schräg, so wie ich selbst ein unkonventioneller, schräger Typ bin. Somit passt wieder alles zusammen wie die Teile eines Puzzles,“ schließt Uwe die Bildbetrachtung ab.

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Viele seiner Werke wie Skulpturen, Malerei und Grafik sind sicherlich, wie er bekennt, ebenso wie bei anderen Künstlern der psychischen Vergangenheitsbewältigung geschuldet. Das heißt, im Unterbewusstsein gestaltet, malt und zeichnet man das, was mit dem eigenen Leben und Denken in Verbindung gebracht werden kann bzw. interpretiert werden könnte.

Diese Worte lassen mich an die Skulptur „Die rote Bodybuilding Braut“ denken, entstanden in früheren Jahren aus der Vorliebe für Udo Lindenbergs Songs. Sie steht auf dem Grundstück in der Springstraße. Als Ausdruck seines Hasses auf jedwede Art von Krieg hat er eine Antikriegsskulptur geschaffen. Die fantastischen Blumen aber mögen wohl vergangenen Liebesbeziehungen entsprossen sein.

„Wie wird es nun weitergehen mit dem Zeichnen,“ möchte ich wissen. „Einer meiner Freunde schreibt geniale Gedichte,“erwidert Uwe. „Wir haben die Idee, dass ich einen Band, der veröffentlicht werden soll, mit meinen Kugelschreiberzeichnungen illustriere. Das wäre eine tolle Herausforderung.“

Die meisten Zeichnungen und Gemälde wie z. B. die „Future Flowers“ und die Handhüllen sind in der Galerie Wings in Berlin-Lichtenberg, Skandinavische Straße 22, Nähe Bahnhof zu besichtigen.

Ende des Jahres wird Uwe Jähnichen eventuell eine Ausstellung in seiner Galerie zu diesem Thema vorbereiten.

 

Joachim Hantke

 

Text erschienen in der "NeuenLychener Zeitung", Ausgabe 160, Januar 2013.