Ein Japaner auf den Spuren der Lychener Reißzwecke
Herr Genti Kimura wanderte den Pinnen-Pfad in unserer Stadt entlang
Mitte Februar überraschte mich eine Mail aus Japan. Herr Genti Kimura, so stellte sich der Absender mit Namen vor, hatte im Internet eine Doppelseite über die Lychener Pinne und dann auch meinen Blog auf Wikipedia gefunden, als er über die Reißzwecke recherchierte. Auf dem Blog las er die Vorstellung des Buches „Lychener Stammtischgeschichten“ und darin den Beitrag „Verzwickte Zwecke“. Er bat mich darum, ihm die „Lychener Stammtischgeschichten“ nach Japan zu schicken, weil er seit seiner Oberschulzeit alles über Reißzwecken sammle. Er teilte mir auch zugleich mit, dass er beabsichtigte, im April nach Deutschland zu einem internationalen Seismologen-Treffen zu kommen. Den Deutschland-Aufenthalt wollte er nutzen, um für einen Tag Lychen, die Geburtsstätte der Pinne, zu besuchen.
Seine Idee begeisterte ich. Ich lud ihn zu mir ein und versprach ihm, hier vor Ort mit ihm die für die Geschichte der Pinne wichtigen Orte zu besichtigen. So ging unsere Korrespondenz per Mail ein paarmal hin und her. Herr Kimura freute sich auf den Besuch. Ich hatte zwar vorgeschlagen, ihm das Buch hier in Lychen zu geben, aber nein, er bestand darauf, schon in Japan darin zu lesen, weil er sich über Lychen und dessen Leute informieren wollte.
Also brachte ich die „Stammtischgeschichten“ zu unserer Poststelle in der bangen Hoffnung, dass sie auch in Japan ankämen. Nach 14 Tagen hatten sie den Adressaten erreicht. Herr Kimura hatte mir inzwischen Informationsmaterial über sich und seine Sammlung geschickt, sodass ich mir schon gedanklich ein Bild machen konnte.
Am 25. April, einem Sonnabend, war es dann soweit. Um 10.00 Uhr starteten wir zur Besichtigung und zum Fotografieren des Hauses in der Fürstenberger Straße, in dem Uhrmacher Kirsten gewohnt hatte, dann zur ehemaligen Lindstedtschen Metallwaren-Fabrik und zur Pinnen-Skulptur vor dem Seehotel Lindenhof. Ich hatte meinen Freund Frank (wegen dessen besserem Englisch) miteingeladen.
Auf dem Hof des alten Fabrikgebäudes erwarteten uns die heutigen Eigentümer, die junge Familie Meier-Brühl. Sie schenkten Herrn Kimura eine Metalldose mit Reißzwecken aus der frühen Produktionszeit. Na, da war die Freude groß.
Am Nachmittag trafen wir uns bei mir zu Hause am Ufer des Stadtsees zum gemeinsamen Kaffeetrinken. Unser Gast erzählte uns mehr über sich und sein besonderes Hobby.
1981 geboren, lebt er jetzt in Sendai, einer Stadt im Nordosten Japans mit etwa 1,1 Millionen Einwohnern. Sie liegt 1,5 Stunden von Tokio entfernt, wenn man mit dem Shinkansen, dem Hochgeschwindigkeitszug, dorthin fährt. Er arbeitet als Seismologe an der Universität Tohoku und erforscht Erdbeben und die Struktur der Erde.
Zu seinem Hobby sagte er uns: „Mein Interesse an Reißzwecken begann, als ich mit 15 Jahren auf die Oberschule kam. Das Schulgebäude war ziemlich alt. Dort fand ich alte Reißzwecken mit Designs, die ich zuvor noch nie gesehen hatte. Das war der Ausgangspunkt meiner Leidenschaft. Später fand ich Dokumente darüber, dass während des Krieges in Japan Reißzwecken aus Materialien wie Holz, Bambus und sogar aus Schallplatten hergestellt wurden. Es hat mich interessiert, solche Zwecken mal im Original zu sehen. Weil diese im Original selbst bei den Herstellern nicht mehr erhalten sind, begann ich, alte Reißzwecken aus Japan und dem Ausland zu sammeln, um möglichst viele verschiedene Beispiele kennenzulernen.“
Genti Kimura hat drei wissenschaftliche Arbeiten über Reißzwecken veröffentlicht.
Reißzwecken sind nach seiner Auffassung Alltagsgegenstände, denen normalerweise wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Deshalb wissen wir oftmals nicht, welche Ideen und Designs es in der Vergangenheit gab. Diese Sammlung unterscheidet sich grundlegend von anderen Sammlungen wie Briefmarken, bei denen der Gesamtbestand weitgehend dokumentiert ist.
Wie ich gesehen habe, befindet sich auch eine Kopie der ältesten Patentschrift in der Sammlung, nämlich die von Christian Eichmann und August Kirsten über „Heftzwecken mit eingeschraubtem Stift und überzogener Deckplatte“ aus dem Jahre 1877. Sein Sohn, der Uhrmacher Johann Kirsten, stanzte den Nagel mit der runden Kopfplatte zusammen (1902). Erst der Fabrikant Lindstedt ließ sich die verbesserte Konstruktion mit vier aus der Deckplatte ausgestanzten Zungen, die den Stift hielten, im Jahre 1904 patentieren. Für mich bleibt immer noch die Frage, wer hat denn nun wirklich die Reißzwecke erfunden, Vater August oder Sohn Johann. Nun gut, wir belassen es mal mit der Gedenktafel in der Fürstenberger Straße.
Genti Kimura war zwar nur einen Tag in Lychen, zeigte sich aber sehr angetan von der Schönheit der Stadt und ihrer Seen. „Ich war überrascht, wie freundlich und herzlich alle Menschen waren, die ich getroffen habe. Außerdem hat mich beeindruckt, wie die Stadt die Reißzwecke zu einem Teil ihrer Identität gemacht hat. Ich bin den ganzen Pinnen-Pfad entlanggegangen. Das hat diese Eindrücke noch weiter vertieft.“
Lychen hat wieder einen neuen Freund in der fernen Welt gefunden. Ich habe Genti versprochen, die Lychener Zeitung mit diesem Beitrag zu schicken. Vielleicht kommt er mal wieder vorbei.
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