Der Reisschluck

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Heute ist Herrentag, wohl einer der zweifelhaftesten Kulttage in unserem deutschen Vaterland. Eigentlich ist es der Christi Himmelfahrtstag. Wie er zum "Herrentag" mutiert ist, ist mir bis heute ein Rätsel. Ich muss aber gestehen, darüber habe ich wenig oder gar nicht nachgeforscht. Sicherlich wird er in kultivierten Kreisen in fröhlicher Runde zivilisiert gefeiert. Vielerorts heißt er auch "Männertag", weil ihn das männliche Geschlecht für sich allein beansprucht, um mal so richtig die Sau rauszulassen. Es wird nicht lange dauern, bis am Nachmittag und abends gröhlende, trunkene Horden durch die Gegend ziehen und ihren "Mann" mal von der wenig bewundernswerten Seite zeigen. Nach dem zu jeder ausschweifenden Gelegenheit passenden Grundsatz, "muss auch mal sein", soll also jeder auf seine Weise selig werden! Dazu wünsche ich viel Spaß!!

Eigens für den heutigen, feuchtfröhlichen Tag habe ich eine Schnapsepisode in die Lychener Stammtischgeschichten gestellt, vor vielen Jahrzehnten aufgeschrieben von Ernst Carsted

                            

Der Reisschluck

Billig war im Mecklenburgischen der Alkohol, "de Schluck", wie die Leute damals sagten. So gingen die an der Grenze wohnenden Dorfbewohner gern nach drüben, um sich billigen "Schluck" zu holen. Es galt aber die Bestimmung, dass eine Flasche nur bis zur Tür des heimatlichen Hauses reichen durfte. Ins Haus etwas hinein zu nehmen, war verboten. Weil also die Menge des Getränkes nur für unterwegs reichen durfte, nannte man das den "Reisschluck", also den Schluck, den man auf der Reise zu sich nahm.

Eines Tages nun hatte ein Rutenberger Bauer in Triepkendorf eine große Flasche Korn gekauft und war auf dem Heimweg, als ihn plötzlich der preußische Gendarm stellte: "Was haben Sie bei sich?" "0, nur den Reisschluck!" "Vorzeigen!" Der Bauer tat es. "So, das ist Ihr Reisschluck? Na, Sie wissen ja, dass Sie nichts ins Haus nehmen dürfen!" "Dat do ik ok nicht," erwiderte der Bauer.

"Das wollen wir sehen! Ich komme mit bis zu Ihrem Haus!" Was blieb dem Bauern übrig? Er musste wohl oder übel die Flasche unterwegs austrinken. Ob er noch so oft stehen blieb, der Gendarm wich nicht von seiner Seite. Als sie an seiner Haustür angelangt waren, war immer noch ein beachtlicher Rest in der Flasche, trotz aller verzweifelten Bemühungen. Da standen nun beide: Der Gendarm, der den Übeltäter stellen wollte, und der Bauer, der nicht wegen Schmuggels bestraft werden wollte. "Na, und", fragte der Beamte. Da nahm der Bauer entschlossen die Flasche vor den Kopf und trank sie leer. Wie er ins Haus gekommen ist, wusste er nicht mehr. Er soll aber in Zukunft nicht mehr so eine so große Flasche "Reisschluck" über die Grenze genommen haben.

 

Anmerkung: Heutzutage fahren die Gendarmen leider nur mit bis nach Hause, wenn der Fahrer volltrunken und fahruntüchtig ist, um ihm die "Fleppen" abzunehmen. Und - am Herrentag lauert die "Überraschung" hinter jedem Baum!!

 

Veröffentlicht in Lychener Stammtisch-Geschichten

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xamantao 05/15/2010 21:17



Irgendwie hat es sich von damals auf heute genau umgekehrt.


Liebe Grüße, Xammi



anais 05/16/2010 20:10



Klar! So ändern sich eben die Zeiten.


LG Joachim



Margot 05/15/2010 11:20



Aber auf die Idee, dem Gendarmen auch einen Schluck anzubieten, ist er nicht gekommen. Zu bedauern, der arme Mann. Das war ja ein richtiges Komasaufen. (Gibt's diesen Ausdruck bei euch auch?)


Liebe Grüße von Margot


 



anais 05/15/2010 18:48



Hallo Margot! Ich weiß nicht, ob der Gendarm sich einen zur Brust genommen hätte. Sich bis ins Koma saufen, den Ausdruck gibt es bei uns auch. Lach!


Ich wünsche Dir einen schönen Sonntag!


Liebe Grüße


Joachim



Katharina vom Tanneneck 05/14/2010 22:39



Der Reisschluck war auch in anderen Ländern bekannt. Man mußte sehr viel Zoll zahlen oder es im Bauch nach Hause tragen. Lach!


Liebe Grüße, Katharina



anais 05/15/2010 08:29



Siehst Du, man lernt immer noch dazu!! Ich wusste nicht, dass das in anderen Ländern auch üblich war. Na ja, wegen des Zolls. Zuerst dachte ich Reisschluck wäre ein Reisschnaps. Lach!


Liebe Grüße


Joachim