"De Plötzen häm övern Stadtsee flaggt"

Polizist Karl Stimm - wachsamer Ordnungshüter in Lychens goldenen Zeiten Als der neue Erdenbürger Karl August Stimm am 6. Dezember 1862 in Lychen auf die Welt kommt, ahnen seine Eltern noch nicht, dass aus ihrem Sprössling einmal der bekannte Polizist wird, dessen Geschichten und Anekdoten uns heute noch in Erstaunen versetzen oder uns zum Lachen bringen.
Sein Vater, Karl Ludwig Friedrich Stimm, im Juni 1820 geboren, stammt ebenfalls aus Lychen. Im heiratsfähigen Alter nimmt er sich Albertine Wilhelmine Waß aus Thomsdorf zur Frau. Acht von zehn Kindern der Familie Stimm bleiben am Leben. Neben unserem Lychener Gendarmen haben die sieben Geschwister ebenfalls ehrenwerte Berufe erlernt und sogar ein bischen Karriere gemacht.
Frieda ist die Mutter von Ursula Rakow, geb Schumann. Franz geht als "Säulen-Stimm" in die Stadtgeschichte ein. Er wird Architekt und entwirft die mit Säulen geschmückten Gebäude in Lychen wie z. B. das frühere Waldkrankenhaus, das Sommerhaus Neumann an der Knippschere, jetzt Pension Tisch, und das ehemalige Kinderheim in Hohenlychen.
Arthur wird Maurer. Willi lernt und arbeitet im noblen Hotel "Adlon" in Berlin. Richard wird Buchdrucker in Berlin. Ernst Stimm wird unser Briefträger, der die Post immer mit dem Fahrrad ausfährt. Bleibt noch Lieschen, Ursula Rakows gute Tante: "Tante Lieschen hatte immer die Spendierhosen an. Sie ist mit uns Kindern zu Café Eichmann Eis essen gegangen."
Unser Karl Stimm entscheidet sich also für den Beruf des Ordnungshüters und wird schließlich Polizeihauptwachmeister. 1888 nimmt er Auguste Hermine Berta Seedorf aus Himmelpfort zur Ehefrau.
Als Stadtangestellter bezieht Karl Stimm die Dienstwohnung im Erdgeschoss des Rathauses mit Blick auf Café Eichmann. Selbstverständlich erhält er auch sein Dienstzimmer im Rathaus. Nicht weit davon entfernt, nämlich im Keller, befindet sich die Zelle, in der immer wieder mal Betrunkene zur Ausnüchterung verwahrt werden. Schwerere Fälle allerdings kommen nach Prenzlau.
Tagtäglich, von morgens bis abends, versieht Hauptwachtmeister Stimm seinen Dienst. Wenn es dunkel wird, sorgt der Nachtwächter für Ruhe und Ordnung.
Um 1910, als der Halleysche Komet die Welt in Angst und Schrecken versetzt, bringt eigentlich er durch sein plötzliches Auftreten in Lychen "die Karre ins Rollen". Die Episode ist bekannt. Zur Erinnerung soll sie aber an dieser Stelle erwähnt werden: Julius Steffen parkt seine Pferdeomnibusse abends vor seinem Hof in der Nähe des Marktes. Nach einer kräftigen Zecherei wollen seine Saufkumpane mit einem Wagen die Hospitalstraße hinuntersausen. Als sie um die Ecke in die Hospitalstraße einbiegen, kommt ihnen Polizist Stimm entgegen. Vor Schreck und aus Angst, vielleicht die Nacht in der Zelle im Rathauskeller verbringen zu müssen, springen sie vom Wagen und lassen ihn herrenlos den Berg hinabrollen. Die Deichsel zertrümmert die Tür des Hauses, wo August Lassahn wohnt und stößt in der Wohnung von Frau Fischer einen Schrank um, der auf ihr Bett fällt. Vor Entsetzen ruft die arme Frau ihrem Mann zu: "Vadder, Vadder, de Komet is doa!"
Die Lychener haben Respekt, wenn Polizist Stimm plötzlich auftaucht. Er patroulliert die Straßen entlang und sorgt für Ordnung. Werner Schönfeld weiß das noch ganz genau: "Ich war noch Junge. Da kommt eines Tages Polizist Stimm die Stargardter Straße entlang, bleibt vor unserem Haus stehen und sagt: `Fegt Euren Damm! Sonst kostet das `nen Taler."
Landwirt Karl Krasemann hat zu jener Zeit, Ende der 20er Jahre, sein Gehöft in der Fürstenberger Straße 122 am Tor. Bauer Krasemann ist auf seinem Hof mit Dung laden beschäftigt, als Gendarm Stimm von der Straße aus durch den Flur in den Hof kommt. Er verweilt einen Augenblick und sagt dann: "Herrjeh, wat wull ick denn hier eijentlich? Aber doa ick nu mal hier bin: Koarl, nemm di man enn Bessen un fech de Pierdködel up`n Bürgerstieg wech. Doa hemm sich Fremde all ihre Tegen an stösst un hemm sich beschwiert. De Nüje kümmt ook glijk." Gemeint ist der neu in Lychen eingestellte Polizist Kaddatz. Karl Krasemann nimmt sich nun den Besen und reinigt die Straße. Neugierig auf das, was nun kommen wird, bleibt er angelehnt in seinem Torweg stehen. Nach einiger Zeit kommt der neue Polizist Kaddatz vom Markt aus die Fürstenberger Straße herunter und wechselt bei Stolte auf die andere Straßenseite. Vor Karl Krasemann bleibt er stehen und sagt dann kopfschüttelnd zu ihm: "Ich weiß gar nicht, was die Leute wollen. Die Straße ist doch sauber."
In den 30er Jahren wohnt die Familie Stimm im alten Stadthaus in der Kirchstraße (Siehe Foto oben) bis zur Pensionierung. Danach zieht dort Stadtarbeiter Julius Hackert mit Familie ein.
Ursula Rakow beschreibt das häusliche Milieu in der Kirchstraße: "Gleich hinter dem Eingang befand sich die geräumige alte Küche mit Rauchfang über dem Herd. Die Wohnstube lag mit Blick auf die Straße. Neben der Küche war noch eine Kammer. Das Wohnzimmer zierte ein Glasschrank, in dem Holzkurkeln mit roten Bändern standen, die niemand anfassen durfte. Das Familienleben verlief sehr friedlich. Großvater gab uns Enkelkindern Geld zum Eis essen. Und er liebte seinen kleinen Hund mit Namen Trolli."
Wenn Feierabend ist, nimmt er Trolli mit in den Garten. Stimms haben mehrere Gärten, einen an den Bullenwiesen in der Nähe des Strandbades am Großen Lychensee. Er liegt gleich hinter dem Bahndamm am Weg auf der linken Seite. Zur Erntezeit fehlen fünf Köpfe Rotkohl.
Als Polizist und Detektiv in eigener Sache fragt Karl Stimm den Nachbarn Nehls, der in dem Häuschen in der Nähe des Gartens wohnt: "Häst Du nich säh`n, wer mir die Kohlköppe jeklaut hat?" Nehls schüttelt den Kopf. Er habe weder was gesehen noch gehört. Karl Stimm aber traut dem Frieden nicht. Er will - wie immer - dem Täter auf die Spur kommen. Bei Einbruch der Dunkelheit legt er sich deshalb hinter die Sträucher und wartet ab. Es dauert nicht lange, da schleicht sich jemand heran und schneidet diesmal fünf Weißkohlköpfe ab. Aus dem Hintergrund langt Karl Stimm mit dem Arm herum. Und wen bekommt er am Bein zu fassen? Den guten Nachbarn Nehls: "Siehste wull, nu kann ick Dir segg`n, wer die Kohlköppe stibitzt hätt."
Das ist leider nicht das letzte Mal. In den Gärten an den Bullenwiesen wird öfter mal Gemüse oder Obst geklaut.
Bei einem anderen Anlass muss Polizist Stimm dienstlich einschreiten. Anzeige gegen Unbekannt wurde erstattet. In der Quitzow-Straße wurden in einem der ersten Gärten Äpfel und Birnen gestohlen. Karl Stimm nimmt die Spurensuche auf. Zu seiner Verwunderung findet er in der weichen Erde immer im Wechsel einen Schuh- und einen Klotzabdruck. Schnurstracks geht er in das Nachbarhaus und fragt Herrn Fischmann (pattdeutsch): Hast Du nicht gesehen, wer im Nachbargarten Äpfel und Birnen gestohlen hat? Herr Fischmann weiß natürlich von nichts. Aber der Fall ist klar: Herrn Fischmann fehlt ein Bein. Er trägt eine Prothese mit einem viereckigen Holzklotz. Polizist Stimm sagt ihm direkt auf den Kopft zu: "Na Du? Aber ick kann Dir segg`n, wer die Äppel un Bern jeklaut hat."
Nicht immer haben seine eigenen Methoden Erfolg. Einmal vermisst er zu Hause etwas.
Am Türschloss scheint auch jemand herumgefummelt zu haben. Fußstapfen sind noch ein bischen am Eingang zu sehen. In der Annahme, der Täter käme wieder, besorgt er sich einen großen Bogen Pauspapier, legt ihn vor die Tür und eine Zeitungsseite drauf. Der Übeltäter aber kommt kein zweites Mal und kann deshalb nicht überführt werden.
Um sich vom täglichen Ornungsdienst zu erholen, fährt Karl Stimm gerne zum Angeln auf den Großen Lychensee hinaus. Er beobachtet, was auf unseren Gewässern so alles geschieht.
Schon zu seiner Zeit gibt es Fischräuber, die ihr Unwesen treiben. An eine solche Episode erinnert sich Hans Krasemann: "Eines Tages segnete einen der bekannten Fischräuber das Zeitliche. Am darauf folgenden Tag geht Polizist Stimm durch die Straßen, plaudert mit einem Lychener und erzählt ihm die Neuigkeit: "Häm Se all seh`n? De Plötzen häm övern Stadtsee flaggt, denn de Fischräuber is doot."
Karl Stimms Autorität wird von so manchem Tunichtgut missbraucht, um andere zu erschrecken. In der Inflationszeit sind Wilddieberei und Hammelstehlen gang und gäbe. Ernst Carstedt hat u. a. eine solche Begebenheit aufgeschrieben. Eberhard Kaulich hat sie uns aus seiner Sammlung zur Verfügung gestellt.:
Besonders auf dem Gut Türkshof verschwinden immer wieder Schafe. eines nachts rudern die Diebe über den Oberpfuhl zum Schlenken, holen sich die Beute und wollen wieder zurückfahren. diesmal ist aber auch der Wilddieb Wendland unterwegs. Er beobachtet, wie die Männer von Türkshof kommen und mit den gestohlenen Hammeln zum See hinuntergehen.. Hinter einem Busch vesteckt, ruft er mit verstellter Stimme: "Halt! Stehen bleiben! Hier Stimm! Vor Schreck werfen die Diebe die Hammel ab und verschwinden, so schnell sie können. Wendland aber triumphiert über seine schnelle Beute.
Schon Witwer, wird es um Karl Stimm ruhiger. Er wohnt in dem Beckerschen Haus in der Vogelgesangstraße. Oft geht er zu seiner Tochter Frieda Schumann und bringt seinen Fang vom Großen Lychensee mit., meistens nur kleine Fische, Barsche, die Tochter Frieda braten muss. Er wandert gerne nach Himmelpfort und fährt auch mit dem Zug dorthin.
1933 verstirbt Polizist Karl Stimm zu Hause im Becker`schen Haus.
Mit seinem Gerechtigkeits- und Ordnungssinn, vor allem aber mit seinen originellen Episoden lebt er in unserer Lychener Stadtgeschichte fort. Vielleicht weiß der eine oder andere Leser noch mehr über Polizist Stimm und schreibt es für die "Neue Lychener Zeitung" auf