Horst Benedix - Naturfreund, Wandersmann und Sportler

 

"Oh du mein Lychen, umspület von Seen,
umranket von Wäldern, wie bist du so schön.
 Zu dir eil ich gerne, wenn das Leben mich drückt.
Du märkisches Wunder hast stets mich erquickt."
                         K. Fischer

Diesen schönen Vierzeiler finde ich in den sorgsam geordneten Dokumenten, die Horst Benedix im Laufe seiner Lychener Lebensjahre über die Stadt und ihre herrliche Natur zusammengestellt hat. Wer ihn kennt, weiß, dass er diese Worte in Herz und Verstand aufgenommen hat und sich bei allen seinen vielseitigen Aktivitäten für unsere Heimatstadt von ihnen leiten ließ. Weil ich sein umfangreiches Wissen über Lychen und die Uckermark sehr schätze, aber nur zum Teil kenne, möchte ich mehr wissen, vor allem, weshalb er sich Lychen zur Heimatstadt auserwählt hat, und weshalb er als gebürtiger Sachse doch eigentlich mehr Uckermärker ist. Das erklärt er mir sofort mit einem Satz: "Weil unser Lychen ein Smaragd ist."
In Roßwein, Kreis Döbeln, erblickte er am 6. Dezember 1937 das Licht der Welt. Sein Vater Rudolf ist von Beruf Schneider - später arbeitet er als Bahnassistent. Seine Mutter Frieda ist Schärerin in einer Teppichfabrik. Bruder Heinz lernt Förster. Die ganze Familie ist naturverbunden. Sie bestellen ihren Garten und halten Kleinvieh zur Selbstversorgung. Als Straßenmeister macht Großvater mit Horst Heu am Wegesrand oder nimmt ihn mit zu den Schafen. In der freien Natur ist er am liebsten. Schule mag er nicht so gerne, bummelt auch manchmal, bis erst der Lehrer die Eltern benachrichtigt, dass er schon drei Tage lang fehlt. Naturwissenschaftliche Fächer und Sport interessieren ihn am meisten. Da steht die Note Eins von vornherein fest. "Eigentlich bin ich auf der Straße groß geworden," meint Horst. "Vater war im Krieg, Mutter musste arbeiten. Zu Hause standen die Türen offen. Keiner hatte damals was geklaut. Wir waren uns selbst überlassen, sind in Wald und Feld herumgepirscht und haben uns an Berghängen abgeseilt."
Beim Sport allerdings geht es disziplinierter zu. Mit fünf Jahren wird er in die Sektion Schwimmen aufgenommen und ist damit einer der Jüngsten. Mit sieben Jahren nimmt er schon an kleinen Wettkämpfen über 25 Meter teil und fühlt sich bestätigt. Der Schwimmsport prägt sein weiteres Leben.
"Eigentlich wollte ich Gärtner werden. Aber da wurde nur wenig verdient. Meine Eltern entschieden: Du gehst in die Teppichweberei!  So habe ich also drei Jahre lang Teppichweber gelernt in einem Privatbetrieb. Der Teppichweber verdiente 720 bis 780 Mark, der Gärtner dagegen nur 320 Mark."
Horst Benedix verdient sich bis 1967 sein Geld als Teppichweber. 1952 - mit 15 Jahren - meldet er sich beim Wasserrettungsdienst an. Mit Stolz bemerkt er: "Schon mit 17 durfte ich Rettungsschwimmer an der Ostsee in der Saison sein. Eigentlich war das erst ab 18 Jahre erlaubt." Er lernt die Bäder Prerow, Zingst, Ahlbeck und Heringsdorf kennen. 1966 macht er seinen Schwimmmeister an der Sportschule in Leipzig, die an der DHfK angebunden ist. Da wächst in ihm der Wunsch, den Schwimmmeister als Beruf auszuüben. Dafür stehen die Chancen gut, denn im norden der DDR gibt es zu wenig Schwimmmeister. Vom Wasserrettungsdienst erhält er zwei Angebote: Lehnin bei Potsdam und Lychen. Er fährt mit dem Zug in Richtung Norden, zuerst nach Lehnin, dann nach Lychen. Von Fürstenberg reist er mit dem Zug durch den Wald und schaut vor Hohenlychen auf unsere wunderschöne Seenlandschaft. Er ist begeistert. Also, nur Lychen kommt in Frage. Im Bürgermeisteramt empfängt ihn zuerst Fräulein Schley. Sie ruft die Stadtväter herbei. Stellvertreter Bühning begrüßt ihn nicht, aber Bürgermeister Fritz Gudenschwager. Horst Benedix stellt sich vor und erhält die Zusage - allerdings mit einer Bedingung: "Du musst heiraten. Sonst erhältst Du hier keine Wohnung."
Kurz entschlossen heiratet er am 13. Mai 1967 seine Gabriele, die voll und ganz das Naturinteresse und vieles andere mit ihm teilt. Ihre Wohnung beziehen sie an der Strelitzer Landstraße. Sie wohne oben, unten Herbert Dähne. Wasser holen sie mit Eimern von der Pumpe. Für beide Familien gibt es ein Häuschen mit Herzchen. Ihr trautes Familienglück beschert ihnen 1968 Tochter Anett und 1972 die kleine Anja.
Anfang Juni fängt er als Schwimmmeister im Strandbad am Großen Lychensee an. Jedes Jahr geht die Saison bis Ende Oktober. Horst Benedix ist für alle anfallenden Arbeiten und Reparaturen zuständig. Den Rasen mäht er mit der Sense. Neue Stege weden gebaut. Viel Unterstützung erhält er von den anliegenden Zeltern, z. B. vom Leichtbaukombinat Leipzig. Das Lychener Formschaum-Werk füllt die Bojen mit Polyurethan aus. Spielgeräte werden aufgestellt und geschweißt. Von den Farbenwerken, die in Tangersdorf ein Ferienobjekt unterhalten, bekommt er Farbe. Weil fließendes Wasser fehlt, liefert der Leiter der Wasserwirtschaft, Horst Kietzmann, Material und Fachleute.
Die ersten drei Jahre betreut er auch den Zeltplatz, für 750 Personen geplant, aber oft mit der doppelten Menge belegt.
Horst Benedix gibt den Schülern vormittags zwei Stunden Schwimmunterricht. Dazu sein Kommentar: "Den Unterricht erteilte ich nach den neuesten Methoden. Die Sportlehrer standen am Zaun und beobachteten alles."
Bei Luft und Wasser macht er so manche nette Bekanntschaft. Eines Tages besuchen ihn die Geschwister Jonas und erzählen ihm die Geschichte über die Villa, ihren ehemaligen Besitz am Großen Lychensee.
Wenn er Einzelunterricht im Schwimmen erteilt, sind bisweilen die Eltern oder Großeltern der Kinder dabei, wie Brunnenbauer Knaak, der alte Herr Köppen oder Klempner Wolter.
"An welche Lychener erinnerst du Dich, die heute wohl in Vergessenheit geraten sind," frage ich ihn neugierig. Horst freut sich und lacht: "Stammgast war Frau Rudolf, die das große Mietshaus in der Berliner Straße besaß. Eine große, schlanke Frau, grauhaarig mit Knoten. Sie kam immer ganz sportlich im Trainingsanzug und konnte viel erzählen. als passionierte Bergsteigerin hatte sie als junges Mädel das Matterhorn bestiegen. Sie war Mitglied des Bergsteigervereins "Edelweiß" vor dem Krieg und trug natürlich zu den Trainingshosen ihre alte Edelweißjacke. Sie wusste sehr viel über Lychen. In ihrem Haus wohnte z. B. der ehemalige Bürgermeister Lahndorf, der 1967 Kassierer am Strandbad war. Viel Streit hatte sie mit der Polin Frau Kuritzka. Wo Frau Rudolf abgeblieben ist, weiß wohl keiner so richtig. Wahrscheinlich hatte die Verwandschaft sie ins Altersheim gebracht." 
Von 1970 bis 1973 bildet Horst Benedix Rettungsschwimmer aus. In den Wintermonaten ordnet er das Lychener Stadtarchiv. Eigens dafür erwirbt er in Stralsund und Greifwald das Zertifikat als ausgebildeter Archivar.
17 Jahre lang finden tausende Bade- und Sportbegeisterte Erholung unter seiner Obhut als Bademeister am Großen Lychensee.
In der darauf folgenden Zeit arbeitet er ein Jahr lang als Gärtner in der GPG "Charles Darwin" und danach bis zur Wende 1989 als Parkgärtner auf Schlüßhof. Unter seiner fachkundigen Anleitung wird der Park wieder richtig aufgebaut und vieles neu gepflanzt. Er vermehrt die Gunnera, das Riesenmammutblatt, an der Seeuferpromenade. Seine besondere Liebe gilt den riesigen alten Mammutbäumen und den Helmlocktannen. Horst Benedix arbeitet im SED-Heim als Parteiloser: "Das war bis zum Schluss eine angenehme Arbeit. Den Gemüsegarten haben wir wieder auf Vordermann gebracht und eine Streuobstwiese angelegt." Als ich ihn frage, wie er dort als Angestellter die Wendezeit erlebt hat, schüttelt er den Kopf: "Lychener Firmenbesitzer, die in diesem Heim viel Geld mit Reparaturen und Dienstleistungen verdient hatten, haben an den Demos teilgenommen und den Mitarbeitern - wie auch mir, parteilos - Schäge angeboten. Ich habe mich in meiner Rechtschaffenheit verletzt gefühlt." Mit meiner Bemerkung: "Auch politisches Verhalten wird vom Charakter bestimmt," schließen wir dieses heikle Thema ab.
Horst Benedix verwaltet eine Saison lang den Zeltplatz am Wurlsee und geht mit 55 Jahren in den wohl verdienten Ruhestand.
Für ihn beginnt ein neuer, schöner Lebensabschnitt. Im Frühjahr 1995 nimmt er erfolgreich am 20stündigen Kurs "Tourismus in Lychen" teil und erhält das Zertifikat als Fremdenführer. Über den Fremdenverkehrsverein erhält er Stadtführungen und organisiert Wanderungen. Die Routen wählt er selbst aus. Von den Jahreszeiten bestimmt, zählen Frühlings-, Sommer-, Herbst- und Winterwanderungen zum Angebot. Ganz Spezielle erhalten Namen wie "Kirchen auf den Dörfern", "Eiszeit-" oder "Neujahrswanderung".
Eine Berliner Wandergruppe ist ihm in bester Erinnerung geblieben. Über die Berliner will ich es genauer wissen. Und Horst legt los: "Das waren Rentner über 80 Jahre. Sie kamen aus Charlottenburg, Kreuzberg, Wedding, Prenzlauer Berg, Pankow, Spandau und Reinickendorf. Sie haben mir viel Interessantes über ihre traditionsreichen Wandervereine erzählt, was heute in Vergessenheit geraten ist. so gab es in Charlottenburg die 'Wanderfalken', in Reinickendorf den 'Storchen-Wanderverein' und in Spandau den Verein 'Zitadelle'. Einige wurden schon um 1890 gegründet. die Wanderbewegung in unser Gebiet begann so um 1905/1907. Die Berliner konzipierten hier bei uns die 'Lychener Wander-Acht'. Fröhlich und frei, mit Gesang und Unterhaltung über Kultur- und Pflanzenwelt, brachen sie frühmorgens um 6.00 Uhr vom Stettiner Bahnhof aus auf. Gegen 8.00 Uhr Ankunft auf dem Bahnhof Hohenlychen. Im Kurhotel, in der alten Mühle oder im Strandcafé wurde gefrühstückt. Die Wanderung führte am Oberpfuhl vorbei zum Hotel Zunke (Waldkrankenhaus). In der Molkerei am Spring tranken sie ein Glas frische Milch. Über den Wurlsteg, an der alten Tankstelle vorbei, führte die Route über den Retzower Weg zum Lindenhof am Ufer des Wurlsees. an der Badestelle rasteten die Berliner. Manche Gruppen kehrten in Waldhaus Grünheide ein. Im Wurlgrund sangen sie immer 'Im schönsten Wiesengrunde'. Nach dem Motto 'Trinken und Singen' stimmten sie auf den Rehbergen das Brandenburg-Lied an 'Steige hoch, Du roter Adler'. An der Ilsen-Quelle tranken sie das kühle, saubere Wasser. Bei Bauer Brendicke kaufte so mancher ein Glas Bienenhonig. Über den Zeltplatz Wurlsee - früher eine Ablage - ging's wieder über den Wurlsteg zur Hohen-Steg-Straße. Über die Hohe-Steg-Brücke mit dem schönsten Blick auf die Stadt, die Kienofenpromenade oder oberhalb der Eisenbahnlinie entlang, an den Franzosen-Eichen vorbei und über den damals gut gepflegten Poetenweg zurück zum Bahnhof Hohenlychen. Zum Ausklang sangen sie entweder 'Muss i denn zum Städtele hinaus' oder 'Wenn ich komm, wenn ich wieder, wieder komm'. Der Zug fuhr abends zurück zum Stettiner Bahnhof. Oftmals blieben die Gruppen aber noch ein bischen zum Abendessen in der Alten Mühle oder im Central-Hotel."
Das also ist die ursprüngliche Route der Lychener Acht - ein Berliner Kind.
Im Laufe all' dieser Jahre hat sich Horst Benedix ein umfangreiches Wissen aufgebaut, vor allem durch die freundschaftlichen Kontakte mit vielen Menschen. auf seinen Wanderungen lernt er die Förster Hans Thum in Aalkasten, Viktor Schröder am Schlenken, Förster Wegner im Zenshaus und Förster Gierke in Kastaven kennen.
"Ich habe viele Waldwanderungen privat mit dem Rad unternommen. Bei Wegner im Zenshaus wurden die Geschichten bei einem Gläschen Schnaps erzählt. Die Förster hatten alle ein umfangreiches Naturwissen und gute Kenntnisse über die Zeitgeschichte."
Jetzt unternimmt Horst Benedix regelmäßig Radtouren mit seiner Ehefrau Gabi. Am zeitigen Vormittag steigen sie auf's Rad, denn nicht selten fahren sie 25 Kilometer bis in den Nachmittag hinein. Wenn das Heidekraut blüht, durchstreifen sie die Tangerdorfer Heide. Gabi fotografiert und hat einen geübten Blick für das schöne Detail. Sie kennen wohl jeden Winkel in Wald und Flur und die näher oder ferner liegenden Ortschaften wie z. B. Thomsdorf und die Krüseliner Mühle oder Neuglobsow.
Horst liebt den Mischwald, seine Gabi die Birke. Zum Abschluss gibt er uns allen noch einen lohnenswerten Tipp für die Landschaftspflege:
"Der Bergahorn war immer markanter Orientierungspunkt in unserer märkischen Landschaft. Heutzutage wird er viel zu wenig gepflanzt. Wir sollten ihn nicht vergessen, wenn wir das alte Kulturbild erhalten wollen."