Walter Beckmann - ein talentierter Lychener Laienkünstler

  Rosemarie Todtenhöfer ruft Erinnerungen aus dem Leben ihres Vaters wach

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Rosemarie Todtenhöfer. Foto: J. Hantke.



Wenn Mandolinen erklingen

und Lychener Mädchen dazu singen,

dann fangen sie sich alle Herzen ein.

Klingt ihre Melodie so zart und rein.

Drum hör' ich gerne, wenn Mandolinen erklingen...

(Aus einem Lied von Walter Beckmann)



Auf einem der letzten Historienstammtische im Fürstenberger Tor machte mich Rosemarie Todtenhöfer neugierig. In unserer Diskussionsrunde ging es gerade um Malerei mit Lychener Motiven: „Mein Vater, Walter Beckmann, hat auch gemalt. Etwas mit Öl, aber mehr Aquarelle. Und er hat viel gezeichnet“ Nach ihren Worten kommt uns Walter Beckmann wieder in Erinnerung. Hat er doch in der Nachkriegszeit bis in die 60er Jahre hinein engagiert das Lychener Kulturleben mitgeprägt.Walter-Beckmann-004.JPG
                                                         Walter Beckmann (Mitte) mit den Musikern Renger (links)
                                                         und Nieder im Stern-Trio der MAS Lychen, 1946/47.
                                                         Foto: R. Todtenhöfer.

                                                       
Um mehr über Walter Beckmann zu erfahren, verabredete ich mich mit Rosemarie Todtenhöfer zu einem Gespräch bei ihr zu Hause. Mich interessieren nämlich vor allem seine gemalten Bilder. Und die zeigt mit meine Gastgeberin sogleich. Ein Gemälde faszinierte mich besonders: „Die Wurlflut“ - eine Ölkopie, wahrscheinlich nach einem alten Foto aus den 20er Jahren. Zu jener Zeit war dort die Landschaft noch fast frei von dichtem Erlenbestand, und das Bild gibt den Blick frei bis an das weit im Hintergrund liegende Stadtufer am Nesselpfuhl. Gleich habe ich die Kamera gezückt und „Die Wurlflut“ mit einigen anderen Bildern für unsere Sammlung aufgenommen.

Mein Vater war so ein richtiges Multitalent“, scherzt sie. „Na, dann erzählen Sie mal etwas aus seinem Leben“, fordere ich sie voller Spannung auf.

Walter Beckmann, kein gebürtiger Lychener, erblickt 1909 in der damals entstehenden Laubenkolonie an der Landsberger Allee in Berlin-Lichtenberg/Herzberge das Licht der Welt. Die Eltern haben gerade ihr Einfamilienhaus fertig gestellt. Vater arbeitet als Heizer im Krankenhaus Herzberge und Mutter ist Schneiderin. Mit Schwester und Bruder verlebt er eine gute Kindheit inmitten der malerischen Randberliner Landschaft. Bereits als Junge lernt er das Violinespielen. Gemeinsam mit einem Freund begleiten beide Stummfilmvorführungen mit ihrer Musik und verdienen sich damit ein paar Groschen Taschengeld.

Nach der Schulzeit geht er in die Lehre als Stickereizeichner in einem kleinen jüdischen Familienbetrieb. Weil ich mir darunter wenig vorstellen kann, erklärt es mir Rosemarie Todtenhöfer genauer: „Er lernte Motive zu entwerfen, die dann auf Stoff oder Wolle aufgezeichnet und anschließend ausgestickt wurden. Seine Kunststickerei hat er übrigens auch späterhin immer gepflegt.“

1938, mit 29 Jahren, heiratet er Elfriede Latus in Lychen und macht 1940 eine Umschulung als Krankenpfleger in den Heilstätten Hohenlychen. 1942 wird er eingezogen als Sanitäter zur 6. Armee, der letzten, die Hitler in Frankreich aufgestellt hatte. Von starkem Heimweh erfüllt, schickt er täglich einen Gruß mit der Feldpost an seine Frau. Das sind aber keine gewöhnlichen Briefe! Jedes einzelne Blatt versieht er mit Zeichnungen und Gedichten, in denen er seine Liebe zu ihr und zur Heimat zum Ausdruck bringt. Aus weiter Ferne, auch aus Russland, zeichnet er kleine Lychener Motive aus dem Gedächtnis. Elfriede Beckmann hütet die Sammlung wie ein Schatz. Sie sammelt die Blätter und heftet sie einzeln ab. Ihre Tochter hat sowohl das größere Buch aus Frankreich wie auch das ganz kleine von 1943 aus Russland bis heute aufbewahrt.

Im kalten russischen Herbst 1944, an der Ostfront, ruft ihn eines Tages der Kommandeur zu sich: „Beckmann, Sie hatten lange keinen Heimaturlaub. Ich schicke Sie nach Hause. Aber nur unter der Bedingung, dass Sie als Sanitäter einen Fleckfieberzug begleiten.“ Voller Freude willigt Walter Beckmann ein. Auf der langen Fahrt wird er von einer Kleiderlaus ins Genick gebissen und infiziert sich.

Mit erfrorenen Füßen kommt er an einem Herbsttag von Bahnhof Lychen nach Hause zum Spring. Rosemarie Todtenhöfer hat das Bild heute noch genau vor Augen. Am Nachmittag setzt hohes Fieber ein, und am selben Abend kommt ihr Vater in das Lazarett nach Hohenlychen. Das Fleckfieber hat beide Beine befallen. Siebenmal wird er amputiert.

1945, kurz vor Einmarsch der Roten Armee, entlässt ihn das Lazarett nach Hause. Im Selbstfahrer flüchtet er mit der Familie aus der Stadt und versteckt sich am Mellensee. Nach ein paar bangen Tagen und Nächten kommen die Russen auf Pferden geritten den Hang hinunter und fordern die Versteckten auf, in die Stadt zurückzukehren mit der Androhung: „ Wer bleibt, wird als Partisan erschossen!“

Bei uns, in unserem Haus, richteten die Russen die erste Kommandantur ein,“ berichtet meine Gesprächspartnerin. „Ihr Verpflegungschef wohnte oben. Unten behielten wir unsere Wohnung. Mutter musste für sie kochen. Wir Kinder hatten es gut. Die Russen schenkten uns Fliederkonfekt. Und der Kutscher Wassilij nahm mich und meinen Bruder auf seinen Fahrten in einer hellblauen Kutsche mit zur Schule.“

Walter Beckmann dreht zu Hause Zigaretten für die Russen und tauscht sie gegen Nahrungsmittel oder etwas Geld ein. In der schweren Zeit und ohne Rente macht er sich sein handwerkliches Geschick zunutze. Er baut Puppenhäuser mit Inventar und stellt sie im Textilkonsum Metscher in der Stargarder Straße aus. Weil sie so liebevoll und präzise gestaltet sind, finden die Puppenstuben schnell ihre Käufer. Elfriede Beckmann näht die Puppen aus alten Strümpfen, stopft sie mit Wolle aus und fertigt auch Haare und Zöpfe aus Wolle. „Monika Jugert,“ meint Rosemarie Todtenhöfer, „bekam das schickste Puppenhaus.“ Lotte Wings schenkt ihrer Tochter Jutta ebenfalls eine Beckmannsche Puppenstube.

Gleichzeitig stickt Vater Kissen, Decken und Wandbehänge. Die meisten davon bekommt Paul Grams.
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Anfang der 50er Jahre spielt Walter Beckmann im Terzett mit Fritz Heyer und Heinz Simm in Fürstenberg zum Tanz auf. Sonnabends, im Strandcafé am Oberpfuhlsee, singt er beliebte Lieder und Schlager, denn er ist ein leidenschaftlicher Sänger. „Im Mai/Juni öffnete er das Fenster. Und drüben, an der großen, blühenden Kastanie, klatschten die Sommergäste Beifall,“ erinnert sich seine Tochter.

Paul Grams übt mit Walter Beckmann Gitarrespielen. Er nimmt ihn auf in das große Lychener Mandolinenorchester. Walter Beckmann spielt, singt, textet und komponiert Lieder für das Ensemble, wie z. B. Ein Lychen-Lied und einen Marsch. Das Mandolinenorchester geht viel auf Tournee - alle vier Wochen ins Rheinsberger Schloss zu den Diabetikern, alle zwei Wochen ins Schloss Boitzenburg zur NVA und alle drei Wochen ins Lychener FDGB-Heim. Zu den Konzerten, auf die Bühnen und Plätze wird Walter Beckmann von Günther Sellin und Werner Sommerfeld getragen.

Wer von den älteren Lychener Lesern erinnert sich nicht an die Zeit, als der erste Kiosk vor dem Rathaus steht, in dem Walter Beckmann verkauft. Später wird der Kiosk auf das Gelände des früheren Café Eichmann versetzt. Danach verkauft er Getränke, Zigarren und Kekse an der Ecke Stargarder Straße/Strandberg. Auf einer eigens für seine Beweglichkeit angefertigten Rundum-Bank im Kiosk kann er zu jedem gewünschten Artikel rutschen.

1960 – als im Mai wieder die große Kastanie blüht – verstirbt Walter Beckmann.

Fast am Ende unseres Gesprächs kommen wir noch einmal auf die Malerei und seine Zeichnungen zurück. Landschaften - darunter auch ein Stadtpanorama - und Blumen waren seine bevorzugten Motive.
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 Viel Spaß müssen ihm allerdings immer wieder seine Karrikaturen über die Qual des Zahnziehens bereitet haben. Für Lychener Zahnärzte kopierte er aus den Werken des Dichters, Malers und Karikaturisten Paul Simmel witzige Szenen, die die Wartezimmer zur Aufheiterung der Patienten schmückten. Ich hoffe, sie sind nicht verschollen, sondern helfen noch heute manchem Zahnleidendem über seine Schmerzen hinweg.

Zum Schluss für unsere lieben Leser der NLZ noch dieser wichtige Hinweis: Sollten Sie, Ihre Verwandten oder Bekannten Gemälde Lychener Maler aus früheren Zeiten besitzen, wäre ich Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir davon Fotoaufnahmen gestatteten. Der Lychener Historienstammtisch hat sich nämlich die Aufgabe gestellt, ältere Lychener Bilder festzustellen und zu registrieren. Späterhin möchten wir auch eine Auswahl aus der heutigen Lychener Malerei zusammenstellen. Die ersten Bilder sind bereits auf meiner Website: www.anais2317.com zu sehen. Rufen Sie mich an unter der Telefonnummer (039888)2317.