Punz-Kuhle hütet ihr Geheimnis

Am Rande des herrlichen alten Buchenwaldes vor Hohenlychen mit der alten Bezeichnung "Buchheide" liegt nicht weit von Tangersdorf tief versteckt ein wunderschönes Naturkleinod. Zu jedermanns Verwunderung trägt es einen eigenwilligen, ziemlich seltenen Namen: "Punz-Kuhle". Und frage, wen Du willst: "Weshalb heißt Punz-Kuhle denn Punz-Kuhle?" Gedeutelt wird viel, uns meistens enden die Gespräche mit einem Lachen und Achselzucken.
Neugierig habe ich mich schießlich an einem strahlenden Juni-Tag nach Punz-Kuhle aufgemacht. Aber, wer die Waldwege nicht kennt, landet erst einmal in Tangersdorf, ein altes Waldbauerndorf. Einheimische Ortskundige geben gute Hinweise. Aber wehe, Du nimmst die falsche Wegabzweigung. Ich bin erst einmal in respektvollem Abstand um den kleinen, ganz tief in einem eiszeitlichen Loch gelegenen See herumgefahren. Ein schlechtes Omen. Als wollte mir das stille Wasser deuten: "Du ergründest mich nicht!"
Am Hang gegenüber leuchtet ein helles Häuschen mit rotem Dach in der Sonne. Schließlich gelange ich doch noch über den Berg zu dem kleinen Anwesen, das seit den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts von der Familie Müller bewohnt wird.
Ein malerischer Anblick bietet sich mir. An der Nordseite, vom hohen Buchenwald beschattet, schwimmen auf dem fast kreisrunden kleinen See weiße und gelbe Teichrosen - absolut romantische Stille. Erlen beugen sich schützend über das tiefgrüne Gewässer. Beim Versuch, zu fotografieren, zeigt mir die Punz-Kuhle, dass sie es in sich hat. Denn das Nordufer ist sumpfig und glitschig. Beim Umqueren zu Fuß raten hohe Ameisenhaufen zur Vorsicht. So ähnlich, aber größer, erinnere ich mich, liegt ja weiter nördlich der Stübnitz-See.
Südwestlich geht die Punz-Kuhle in Weide- und etwas Ackerland über. Zivilisationslärm und hektische Geschäftigkeit haben einen Bogen um das idyllische Fleckchen Erde gemacht.
Aber weshalb der Name Punz-Kuhle? "Na, das sehen Sie doch selbst. Weil der See so tief liegt und fast rund ist. Der heißt schon immer so", bekomme ich als erste Antwort.
Also - mir lässt das keine Ruhe. Den nächsten Tag fahre ich mehrmals nach Tangersdorf. Denn - so seine Bewohner - Punz-Kuhle gehört schon immer zu Tangersdorf. Heinz Jänsch, der erste der vielen auskunftsfreudigen Tangersdorfer, breitet vor mir eine alte Landkarte aus. "Preußische Landes-Aufnahme 1882, Kreis Templin, Bez. Potsdam, herausgegeben 1884" steht darauf geschrieben. Verkauft von der S. Schropp'schen Lehrmittelhandlung, Ernst Schmersahl, Berlin. Auch hier die uns geläufige Bezeichnung und nicht - wie wir zuvor angenommen hatten - "Prinz-Kuhle".
Somit bleibt erst einmal die Vermutung, dass der malerische See nach plattdeutscher Mundart von den Siedlern der Umgegend bereits zu frühen Zeiten seinen treffenden Namen erhalten hat. Übrigens ist die ganze Gegend uraltes Siedlungsgebiet schon seit germanischer Zeit.
Alteingesessene und auch junge, gut informierte Tangersdorfer wissen alle über die jüngere Geschichte von Punz-Kuhle zu erzählen. Am gemütlichsten plaudert es sich in dem traditionsreichen Gasthaus "Anglerglück" bei Elfriede und Rudi Arndt am Wochenende. Der Tangersdorfer Anglerverein hatte den See lange Jahre gepachtet und bewirtschaftet. Im Vereinsleben wurde Punz-Kuhle besonders gehegt und gepflegt. Noch kurz vor Kündigung des Pachtvertrages durch die Alteigentümer - sie erhielten den See und Ländereien als Privateigentum zurück - setzten die Tangersdorfer 10 000 kleine Aale, 100 Zander, 2 Welse sowie Karpfen und Schleie ein. Und diese müssen sich in dem klaren Wasser des 1,2 Hektar großen und 8 Meter tiefen See bis zum Fang wohl gefühlt haben. Unterirdische Quellen mögen ihn speisen. An der Oberfläche hat er weder Zufluss noch Abfluss.
Das Haus mag 100 Jahre alt sein. Korbmacher Zillmer und seine Mutter meinen, es sei bereits 1887 erbaut und als "Sommersitz" Eigentum der Familie Karg aus Berlin gewesen. Die Berliner liebten es nämlich um 1900 und auch späterhin, in Lychen und Umgebung Sommerhäuser einzurichten. Auch am Stübnitz-See stand ein solches Haus, in welchem der Tangersdorfer Lehrer O. Döhler sehr schön wohnte. Nach 1945 wurden in Punz-Kuhle zeitweilig Umsiedlerfamilien untergebracht. Eine ältere Tangersdorferin meint sich zu erinnern, dass vor der Renovierung durch die Stadt Lychen am Giebel der Hausname "Elseneck" gestanden habe. Noch vor der Wende haben es die jetzigen Bewohner käuflich erworben.
Wo heute ringsum Kiefernwald und Schonungen wachsen, wurden vor noch nicht allzu langer Zeit Felder mit Getreide und Hackfrüchten bestellt.
Und immer wieder die Frage, wo die Bezeichnung "Punz-Kuhle" ihren Ursprung hat. Selbst in dem genauen Historischen Ortslexikon für Brandenburg, Teil VIII, ist nichts zu finden. Und mich beeindruckt, dass ein solch wunderschöner kleiner Ort sein Geheimnis hütet.

 

Nachdem ich diesen Artikel in der "Neuen Lychener Zeitung" veröffentlicht hatte, flatterten erfreulicherweise Leserbriefe in die Redaktion.
Und so schrieb Erich Köhler aus Bredereiche: "Trotz angestrengten Suchens habe ich auch keine schlüssige Antwort gefunden. Im Buch "Die Gwässernamen Brandenburgs" fand ich folgende Erklärung: Er heißt 1574 Bundeskuhle, 1580 Pundeskuhl, 1854 Punzkuhle, die Bedeutung ist unklar.

Das Wort Kuhle bedeutet eine Erdvertiefung, eine Grube und ein Wasserloch, auf alle Fälle einen kleinen See, der häufig noch mit Appellativen wie Bärenkuhle, Bleikuhle, Fuchskuhle, Priesterkuhle, Wolfskuhle bezeichnet wird. Das Wort Punzen bedeutet, dass man mit einem Hammer und einem Stahlstab Muster in Metall, aber auch in Holz und Leder schlägt (früher wurden z. B. Brauttruhen kunstvoll verziert). Aber eine Verbindung zum Gewässernamen kann man dadurch kaum annehmen, es sei denn, dass in der Nähe ein Handwerker wohnte, der solche Arbeiten ausführte. Aber dies ist mehr als zweifelhaft. Aber auch die beiden überlieferten Namen: Bundeskuhle und Pundeskuhl ergeben keine schlüssige Antwort. Daher wird der Name wohl für immer ein Rätsel bleiben."

Und Erich Köhlers zweite Vermutung: "Nach Abschluss des Artikels kam mir noch ein Gedanke. Könnte es nicht sein, dass der Name von einer Riesenhand stammt, die dort wütend hingeschlagen hat? Denn früher sollen einmal Riesen im Land gewohnt haben. Sie hinterließ eine Einkerbung, eine Punze, die sich mit Wasser füllte. Und es war ja auch eine Riesenfaust, jener Toteisblock, der von der letzten Eiszeit übrig blieb, tiefer sackte und dann nach dem Abtauen den kleinen See bildete. Vielleicht ist es ein Scherzname, den man dieser Kuhle gab. Deshalb könnte er auch so schwer zu deuten sein"

 

Und noch ein Beitrag zur "Punzkuhle":

Herr Hans Joachim Schramm, Holzbildhauer, Kinderbuchautor und Maler, unsere Stadt seit 1946 besuchend, schrieb dazu: "Das Wort Punz kommt aus dem lat. und bedeutet Punze = Vertiefung, tief stecken, tief ausheben. Also der See liegt tief, in einer Vertiefung, einer Kuhle."

 

Zum Glück haben sich nicht Kenner des Plattdeutschen ausgelassen, denn da hat dieses Substantiv "Punz" noch eine ganz andere Bedeutung, die ich hier nicht interpretieren möchte. Aber deshalb lachen die Alteingesessenen eben jedesmal.

Als Autor des Artikels habe ich daraufhin geantwortet: "Es bestärkt meine Vermutung, dass aus der ältesten nachweisbaren Bezeichnung "Bundes-Kuhle" über unsere plattdeutsche Mundart im Laufe der Zeit "Punz-Kuhle" geworden ist. Auch zum Spaß derer, die noch unser Platt verstehen.
Mich schien sie ja nicht gewollt zu haben, als ich beim Fotografieren fast von dem morschen Steg ins Wasser rutschte. Mir war so, als raunte sie mir aus kräuselnden Wellen zu: "Lass mal gut sein, Alter!"
Vielleicht wartet sie auf den schönen Märchenprinzen oder den klugen Förstersohn, dem sie wirklich ihr Geheimnis enthüllt."