Engelchen mit dem sozialen Touch

Engelchen ist entzückend. Mir scheint, wir kennen uns schon eine Ewigkeit. Und trotzdem entdecke ich immer wieder neue Überraschungen an ihr. Mal hat sie ihr volles Haar so herrlich rot gefärbt. Tizian würde vor Neid erblassen. Mal ist der Lidstrich akkurat wie mit Fineliner gezogen. Ab und zu sind die graugrünen schmalen Äugelein, was weiß ich warum, verweint. Auch der sommersprossige Teint schimmert manchmal fast durchsichtig in Alabasterblässe.
Ein andermal zeigt sie sich robust wie ein Landei, schlagfertig, mit keckem Widerspruch auf den Lippen und beinahe herausfordernden Blick. Sie hat etwas an sich, was andere nicht haben. Emsig ist sie. Fleißig tut sie ihre Arbeit. In Rente gehen ist für sie kein Thema. Mit kurz über die Sechzig steht so etwas nicht zur Debatte. Da sind erst einmal Jüngere dran.
Und schließlich leben wir in einer harten Geldwirtschaft. Die Menschen sind nun mal nicht alle gleich. Die einen arbeiten, um zu leben. die anderen leben, um zu arbeiten.
Und trotz alledem! Engelchen hat Sinn für das Schöne, Originelle und Antike. Während einer unserer schönen Reisen passierte z. B. folgendes: Auf einem Basar im fernen Orient, weit hinten in einer dunklen Seitengasse ist Engelchen plötzlich verschwunden. Mich beschleicht panische Angst. Traumatische Vorstellungen nehmen Gestalt an. Aber genau so schnell, wie sie weg ist, taucht sie wieder auf. Mit Kennerblick hält sie mir einen grünspanbeschlagenen Engel vors Gesicht: "Jugendstil. Da kenne ich mich aus, mein Lieber. Für zwei Euro!" Ich bin stolz auf sie und schmeichle ihr: "Er ist so ätherisch, so sanft und schön wie Du." Dabei braucht sie eigentlich keine Komplimente. Sie hat eben die echte Spürnase für alles, was sich lohnt.
Zugleich ist sie auch selbstlos. Immer etwas Hübsches für den Gastgeber, wenn sie zu Besuch fährt. Und das passiert häufig. Und so wird vorher schnell einmal an der Trödelscheune angehalten und dem Händler etwas abgehandelt. Ein kleines Geschenk und vor allem neuantik.
Bahnt sich ein Pflegefall an, lässt sich Engelchen nicht lange bitten. "Weißt Du, ich bin nun eben mal so altruistisch. Ich fühle sozial. Und Du? Du bist genau so. Das weiß ich doch." Ob ich nun immer und in jeder Situation sozial denke? Da habe ich selbst so meine Zweifel. Ich denke zuerst an mich und dann erst an die anderen. Engelchen nicht.
Es ist noch nicht lange her, da bewies sie mir ihr großes Herz. Von schwerer Krankheit gerade erst genesen, ohne Gewissheit, für wie lange ich dem Sensenmann entschlüpft bin, fährt mich Engelchen aus dem Krankenhaus nach Hause in den so lange ersehnten Alltag. Ich glücklich. Engelchen zufrieden: "Ich finde, wir sollten endlich heiraten. Muss denn einer von uns dem Staat die Rente schenken, wenn er stirbt?" Sprachlos entgegne ich: "Engelchen, nun habe doch etwas Geduld. Ich bin doch gerade eben erst nach Hause gekommen."
So ist sie nun mal, draufgängerisch und ungeduldig. Ein wirklich beneidenswerter Zug an ihr. Es ist noch gar nicht so lange her, da geschah etwas Tragisches. Hans, ihr sehr intimer Freund, segnete das Zeitliche. wie Engelchen war auch er ein sehr angenehmer Mensch und ein begeisterter Reisefan. Zwei- bis dreimal im Jahr wurden die Koffer gepackt. Nicht bis in das nächste Dorf sondern weit in den sonnigen Süden, nach Mallorca, Portugal, Sierra Leone, Italien und was weiß ich, wohin. Waren Zeit oder Geld knapp, ging`s auf Wochenendgrundstück. Hans kaufte das neue Auto, das Engelchen heute noch kreuz und quer durch Groß- und Kleinstädte fährt. Nach seinem viel zu frühen Tod packte Herzblättchen eines schönen Tages vor mir aus: "Betrogen hat er mich. Hatte mehrere Eisen im Feuer. Wie oft war ich unglücklich! Und was hat er mir hinterlassen? Nur Schulden!" "Na, sowas!" Ich bin fast sprachlos, fasse mich aber gleich wieder: "Vertraue auf Deine eigene Kraft. Du bist doch fleißig und verdient für Dich genug," versuche ich, sie zu trösten. "Wie Recht Du hast. Du bist auch mein Freund", beruhigt sie sich. "Und kaufe keine Kinkerlitzchen. Das hilft dir sparen", füge ich noch hinzu. "Und denke daran, wie Mutter zu Reichtum gelangt ist", versuche ich, dem Gespräch noch mehr Wirkung zu verleihen. "Davon ist ja nicht mehr viel da", schluchzt sie kleinlaut. "Seit zwei Wochen schreibe ich auf Annoncen. aber viele haben nicht geantwortet. Und wohlhabend war keiner", schmollt Engelchen. Wir setzen dem leidigen Thema ein Ende und schlendern durch den Park zum See und schwimmen zu Abkühlung eine Runde. Danach geht es Engelchen besser, und sie macht sich an den Start, denn wieder ruft die Arbeitspflicht.
Am nächsten Wochenende können wir uns nicht treffen. Es kommt eine Absage: "Weißt Du, ich fahre eine alte Dame auf deren Wunsch noch einmal zu ihren Freunden und Bekannten. Sie möchte sie alle noch einmal sehen." "Wie liebevoll", denke ich im Stillen. Da ist er eben wieder, dieser bewundernswerte Altruismus.
Dann folgen vierzehn Tage geheimnisvoller Ruhe. Plötzlich hupt Engelchen vor der Tür. "Komm, hilf mir beim Ausladen", fordert sie mich auf. Exoten werden aus dem Wagen gehoben. "Sind sie nicht wunderschön? Sie sind von der alten Dame. Sie hat noch mehr Zierpflanzen. eine herrliche Sammlung. Ich habe sie ihr schon jetzt abgenommen." "Aber Engelchen", wage ich auszurufen. "Nun guck nicht so", lässt sie mich verstummen und schleppt ein Exemplar herein. "Die stirbt sowieso bald." "Aber Engelchen, Engelchen", sage ich immer wieder. "Ja, mein Lieber. Das ist der Lauf der Welt", tut sie überzeugt mein zweifeldes Gehabe ab.
Engelchen ist immerviel unterwegs und pflegt Kontakte. Am liebsten stöbert sie in alten Kellern und auf Dachböden wie Schliemanns Erben nach antiken Schnäppchen. Das Glück ist ihr nur selten hold. Erst vor ein paar Tagen nutzte sie die Zeit fürsorglicher Pflege für zwei alte Junggesellen, um auf dem Dachboden nach gut erhaltenem alten Mobiliar zu schauen. "Sie ziehen jetzt um und erzählten mir, da oben stände noch allerlei. das hat mich neugierig gemacht. Aber stell Dir vor, es war einfach nichts zu gebrauchen." "Mach dir doch nicht jedesmal solche Mühe. Und dann die Enttäuschung. Kaufe doch Möbel bei Ikea,"meine ich. "Es geht hier um Werte und nicht um Funktionalität", versucht sie, mir zu erklären.
Wie sie das alles so in die Reihe bekommt, ist erstaunlich. Trotzdem ist sie oft mit ihrer Tochter auf dem Wochenendgrundstück. Ich fahre gerne zu ihnen hinaus, denn Engelchen kocht vorzüglich. sie hat schon wieder Pläne für die Neugestaltung ihres Gartens. Diesmal ist es ein Kräuterbeet. Zitronenmelisse hat sie schon im Baumarkt gekauft. Wenn die Sonne vom blauen Himmel ihre Strahlen auf die Schneise zwischen den alten Obstbäumen wirft, nimmt sie, wie immer, ein Sonnenbad. Ich habe mich ein paar Meter weiter hingestreckt und überlege, wovon sie wohl träumen mag. vielleicht von der Goldmarie aus dem Märchen "Frau Holle"?
Da unterbricht Engelchen die himmlische Stille: "Mein Lieber. Du weißt ja, dass ich demnächst nun doch in Rente gehe. Das Geld wird nicht reichen. Ich mache nebenbei Altenbetreuung."
Wieder ist Engelchen für mich die Größte. Klug und überlegt beweist sie im Kleinen, was große Denker ausgesprochen haben: die Geschichte wiederholt sich.