Hexenprozesse

Veröffentlicht auf von anais

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Selbst in Lychen gab es im Mittelalter Anklagen wegen Hexerei.

So beklagt sich Lorenz Gertt, "1602 burger zu lichen" über den Rat seiner Stadt. Man hatte seine Frau von der Straße weg verhaftet und in das Gemach gebracht, wo man eben die arme Sanna Hennings so grausam gefoltert hatte. Diese nämlich hatte sie beschuldigt, und als die Bürgersfrau nichts von den Beschuldigungen gestehen wollte und man ihr ohnehin nicht das Geringste hat beweisen können, hat man sie "in das ergste gefengnus" gelegt und war willens, sie auch zu traktieren wie Sanna Hennings. Schließlich mit dem Erfolg, dass sie, wie der Magd Sanna Hennigs Mutter, "todt uf der Letter" (= Leiter) blieb.

Die Magd hatte man ganz fürchterlich geschunden. Lorenz Gertt schreibt selbst, der Rat habe sie so "uncristlich und unerhörter weiße" peinigen lassen, dass sie eben auf jede unmögliche Frage des Rates ein Ja sagte und die ungereimtesten Dinge bekannte, um bloß der Schmerzen ledig zu werden. Was Unmögliches von den der Zauberei Angeklagten alles bei den entsetzlichen Qualen der Folter gestanden wurde, davon ein Beispiel über die Teilnahme am Hexentanz auf dem Brocken:

Da bekannte eine Frau, sie wäre die letzten drei Jahre jedesmal auf Walpurgi nachts zum Tanz auf dem Brocken gewesen. Des Abends zuvor hätte ihr Buhle ihr eine Salbe gebracht, die unter die Arme, in die Ellenbogen, unter und auf die Knie, auf Rücken und Bauch geschmiert werden musste. Unter Sprechen des Zauberversleins: "Woll up, woll up" sei sie zum Giebel hinausgefahren und auf einem schwarzen Pferd mit weißen Zähnen durch die Luft zum Brocken geritten. Dort wäre getanzt worden. Nach dem Tanz hätte der oberste Teufel, den sie Seff Jürgen geheißen, ihnen Butter und Käse gebracht und Wein aus einem Teich mitten auf dem Brocken, der sonst nur Wasser enthalte. Gegen Mitternacht habe ihr Buhle ihr und jeder seiner Bräute drei Pfennig zum Lohn gegeben, und dann sei sie heimgeritten und zum Schlag eins zu Hause gewesen. So, bis in's Kleinste, hatte die Gefolterte erzählt. Ganze drei Stunden all hat man der armen Magd auf der langen Leiter den Leib gestreckt, dass er so schmal wie ein Arm geworden. Unter den Rücken hatte der Büttel ihr ein Stück Holz gelegt und damit immer auf dem Rücken entlang "gerumpelt". Dann hatte er an die Stricke geschlagen, womit man ihre Glieder straff gezogen hielt, "damit die wehetagen in den gliedern geheufet". Was Wunder, wenn das arme Menschenkind wie gemeinhin bei Anwendung der Folter, die unmöglichsten Dinge bekannte.

So zog auch die Frau des Gertt in ihr Geständnis, und man hörte diese in der Folterkammer zu den von Sanna Hennigs gemachten Angaben. In der Nacht darauf weinte und klagte die Gequälte, dass sie ehrliche Frauen und ihre Mutter bezichtigt habe. Die zwei Lychener Bürger, die draußen an der "Stadtbude" Wache standen, kamen herein, und diesen gegenüber wiederholte sie alles und betonte, dass man sie nicht eher wollte loslassen, und dass sie vor Schmerzen alles hätte bejahen müssen. Es täte ihr herzlich leid, und klagte sie es Gott im Himmel.

Die beiden Bürger, Karsten Othmann und Michael Hermstorff, aber erzählten Gertt davon. Dieser ließ sie ihre Aussagen vor dem Prenzlauer Notar Joachim Rehberg wiederholen und bekräftigen.

Den gesamten Hergang berichtete Gertt an die Brandenburger Schöppen und bat sie, dem Rat von Lychen folgendes zu befehlen: Er solle sein "blutdürstiges beginnen und uncristliches Vornehmen und die Peinigung einstellen", bis dass alles genauer festgelegt sei. Auch die Magd sei zu schonen.

Der Bescheid von dort sah wie gewünscht aus. Gertt solle beweisen, dass man die Sanna Hennigs unrechtmäßig hart gepeinigt habe, über die Frau Gertts Ungünstiges auszusagen. Deshalb soll der Rat die Frau in gelindere Verwahrung bringen und mit jeder Peinigung einhalten, ihm vor allem Zeit zu lassen, Material für die Verteidigung zu sammeln. Weiteres würde dann entschieden werden.

Wie die Angelegenheit auslief, ist unbekannt. Ob es aber Gertt gelang, das Geforderte zu beweisen, steht dahin. Denn die Folter, die entsetzlichen Qualen formten die Aussage doch nach dem Wunsch der Richter. Und wer der Zauberei etc. angeklagt war, war so gut wie verloren.

(Aus: "Templiner Kreisblatt", 1929, Nr. 17, Beilage "Unsere Heimat")  

Veröffentlicht in Lychener Stammtisch-Geschichten

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Katharina vomTanneneck 01/21/2011 22:37



Hallo Joachim, ich bin wirklich froh, dass ich hgeute lebe und nicht damals. Die Zukunft scheint aber wieder etwas düster zu werden.


Schönes Wochenende und liebe Grüße,


Katharina



anais 01/23/2011 12:38



Hallo Katharina! Heute haben wir mit anderen schlimmen Erscheinungen zu tun, z. B. die industrielle Landwirtschaft und Genmanipulation. Das habe ich gestern auf der großen Demonstration gegen die
großen Agrarkonzerne un Berlin gespürt. Die Zukunft sieht nicht gut aus, wenn der Massentierhaltung und der Genmanipulation nicht Einhalt geboten wird.


Ich hoffe, Du hattest auch ein schönes Wochenende!


Liebe Grüße


Joachim 



Katharina vomTanneneck 01/21/2011 00:39



Hallo Joachim, das ist ja eine schlimme Geschichte! Und wenn es stimmt, dass diese Geschichte von 1929 ist, dann bin ich aber froh, dass ich damals nicht gelebt habe. Mich hätten sie bestimmt
verbrannt!


Liebe Grüße, Katharina



anais 01/21/2011 17:27



Hallo Katharina! Obwohl die meisten Hexenprozesse in Süddeutschland stattfanden, blieb auch der Norden nicht ganz verschont. Und so hat sogar unser kleines Lychen ein solches trauriges Kapitel in
seiner Geschichte. Das Geschah hier kurz nach 1600. !929 wurde darüber im Templiner Keiskalender geschrieben. Sei froh, dass Du heute lebst. Lach!


Liebe Grüße


Joachim